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meine Texte in der …

Spürbare Transzendenz

Grabeskirche St. Bartholomäus in Köln

Den Menschen Gewissheit geben, dass sie über den Tod hinaus nicht vergessen werden: Dieser Wunsch begleitete den Umbau der Kölner Bartholomäuskirche zum Kolumbarium durch Kissler + Effgen. Mit Licht und Schatten haben sie Räume gebildet, ohne Grenzen zu ziehen.

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Gewollte Unschärfe lässt die Grenzen zwischen hier und dort verschwimmen. Foto: Robert Winterhager

 

Überall im Land werden Kirchen geschlossen. Im Kölner Stadtbezirk Ehrenfeld etwa finden in der Pfarrei „Zu den Heiligen Rochus, Dreikönigen und Bartholomäus“ nur noch in zwei der drei Kirchen weiterhin Sonntagsgottesdienste statt – die dritte dient seit Anfang dieses Jahres als Urnenbegräbnisstätte (Kolumbarium). Dass die Gemeinde 2006 beschloss, ausgerechnet St. Bartholomäus in eine Grabeskirche umzuwandeln, mag man fast als Glücksgriff bezeichnen, denn der 1959 geweihte Saalbau von Hans Schwippert strahlt genau den puristischen Ernst aus, den man sich für einen Ort der Trauer wünscht. Das Gebäude am Bickendorfer Helmholtzplatz liegt in einem ruhigen städtischen Umfeld, dessen ehemals industrielle Prägung im Stadtbild noch deutlich ablesbar ist. Unter dem Einfluss der brutalistischen Strömungen in den späten 1950er Jahren plante Schwippert hier ein Gotteshaus, das dem traditionellen Bild einer Kirche zuwiderlief, dafür aber der Ambivalenz des Ortes entsprach. Der mit rotem Backstein ausgefachte Stahlbetonrahmenbau zeigt Material und Konstruktion so offen und rau, dass man den einige Stufen unter Straßenniveau liegenden Quader mit dem abgerückten Campanile auch für eine Sporthalle oder Fabrik halten konnte – in vorkonziliarer Zeit eine mutige Übertragung.

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Kirche ohne Allüren. Weniger geht kaum, mehr muss hier nicht sein. Foto: Uta Winterhager

 

Gewebe statt Gemäuer

St. Bartholomäus ist das erste Kolumbarium im Erzbistum Köln; entsprechend viel Überzeugungsarbeit der Gemeinde war notwendig, bis das Generalvikariat dem Vorhaben zustimmte und die kirchliche Baugenehmigung erteilte. Für die relativ junge Bauaufgabe der Umnutzung einer Kirche als Kolumbarium gibt es keine Standardlösung, wohl aber strenge, von der Diözese erlassene liturgische Auflagen. In diesem Fall war es vorgeschrieben, den Ort der Trauerfeier (Kapelle) vom Ort der Beisetzung (Kolumbarium) räumlich zu trennen. Das Wiesbadener Büro Kissler + Effgen gewann den 2011 unter zwölf eingeladenen Teilnehmern ausgelobten Wettbewerb mit einem Entwurf, der mit der Klarheit des Kirchenraums arbeitet und Räume nicht durch Mauern oder Höhensprünge, sondern allein durch Licht und Schatten voneinander scheidet.

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Während der täglichen Öffnungzeiten ist das Innere des Sakralraums unbeleuchtet. Foto: Robert Winterhager

 

Zunächst wurde der erhöhte Chorbereich dem Niveau des übrigen Kirchenraums angepasst, der Basaltboden entfernt und ein heller Gussasphalt eingebracht. Die Kapelle, markiert nur durch ein abgehängtes Metallnetz, platzierten die Architekten an zentraler Stelle im Mittelschiff, an dessen vier Seiten die Urnenwände zehn nischenartige Kabinette bilden. Wer St. Bartholomäus heute durch das linke Bronzeportal betritt, muss unter der Empore des Seitenschiffs erst einmal innehalten, um sich an das Schummerlicht zu gewöhnen. Beton und Ziegel, so rau wie draußen an der Fassade, verlieren durch das gedämfte Licht ihre spröde Kargheit. Auch wirkt der Raum trotz seiner Höhe sehr intim. Es sind die von Giselbert Hoke nach Motiven des Sonnengesangs des Heiligen Franziskus gestalteten Fenster, die 1978 das ursprüngliche Klarglas ersetzten und den Charakter des Innenraumes maßgeblich verändert haben: Sie filtern das Tageslicht so stark, dass es möglich ist, Kunstlicht zur Gliederung und Definition des Raumes einzusetzen. Schon im Wettbewerb sahen Kissler + Effgen vor, die Kapelle nur mit einem Metallgewebe einzufassen und die räumliche Gliederung durch den gezielten Einsatz von Licht zu verdeutlichen. Allerdings konnten die Architekten bei der Realisierung dieser Idee auf keinerlei eigene oder fremde Erfahrungen zurückgreifen. Nach intensiver Recherche fand sich ein Ringgewebe aus Bronze (Alphamesh), dessen hochglanzpolierte, goldfarbene Oberfläche sich als so reflektionsstark erwies, dass es bei entsprechender Beleuchtung trotz seiner Netzstruktur als eine ausreichende räumliche Begrenzung wahrgenommen wird. Dank seines relativ geringen Eigengewichts von 3,4 kg/m2 konnte das Gewebe in einer Rahmenkonstruktion mit Stahlseilen auf sehr dezente Weise von dem Primärtragwerk der Kirchendecke abgehängt werden. Mit seinen Abmessungen von 7 x 7 x 11 m (HxBxL) wurde der Kapellenbereich den Proportionen des Mittelschiffs angepasst und bleibt nach oben offen. Darin stehen, in drei Reihen angeordnet und auf den Altar ausgerichtet, die von Schwippert entworfenen Kirchenbänke sowie ein Flügel. An drei Seiten öffnet sich die Kapelle mit einem größeren und zwei sehr schmalen Zugängen zur Umgebung. Zur Kennzeichnung und Stabilisierung sind die Öffnungen im Bronzegewebe mit schmalen Profilen eingefasst. Die Kanten der hängenden Konstruktion wurden lediglich mit einem transparenten Nylonfaden vernäht.

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Foto: Uta Winterhager

 

Licht und Schatten

Das Zusammenspiel von Licht und Material haben die Architekten gemeinsam mit arens faulhaber lichtplaner (Köln) an Musterstücken vor Ort getestet. Insgesamt wurden fünf verschiedene Licht-Raum-Szenarien entwickelt. An der Rahmenkonstruktion des Netzes wurden innen wie außen lineare LED-Leuchten montiert, die wegen des sehr kleinen Abstrahlwinkels nur das Gewebe über seine gesamte Höhe gleichmäßig in einem warmen Goldton leuchten lassen. Mit zusätzlichen Strahlern kann der Kapelleninnenraum beleuchtet werden. Während eines Trauergottesdienstes wird das Bronzegewebe von innen angestrahlt, so dass der umgebende Urnenbereich im Dunklen liegt und nicht wahrnehmbar ist. Auch auf dem hellen Estrichboden zeichnet sich die gewünschte räumliche Trennung mit Licht und Schatten deutlich lesbar ab. Während der Beisetzung wird die Kapelle dann so von der äußeren Leuchtenreihe angestrahlt, dass sie von außen kaum mehr einsehbar ist. Dafür reflektiert das Netz das Licht gleichmäßig in den Umgang und die Nischen. Ist die Kirche tagsüber für Besucher geöffnet, wird das Licht so geschaltet, dass das Netz in beiden Richtungen transparent erscheint und das golden schimmernde Material dem gesamten Innenraum eine unaufdringliche Wertigkeit verleiht.

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Die Messingplatte mit Gravur von Kreuz, Namen und Daten kommzeichnet die Grabstätte. Kerzenglas und Vase auf dem schmalen Bord möchten den Schmuck beschränken. Foto: Uta Winterhager

 

Klarheit und Mysterium

Im Unterschied zu den meisten historischen Kolumbarien ist die Urnenwandanlage in St. Bartholomäus aus Metall. Kissler + Effgen trafen diese Materialwahl nicht zuletzt deswegen, um die geforderte Zahl von 700 Einzel- und 900 Doppelkammern so realisieren zu können, dass die einzelnen Kammern nicht über Kopfhöhe, aber auch nicht zu nah am Boden liegen. Der Stahlkorpus wurde mit einem Messingblech vollkommen bündig verkleidet, dessen vor Ort von Hand brünierte Oberfläche einen warmen, erdigen Ton erhalten hat, der sie deutlich von der ungeschliffenen Substanz der Kirche unterscheidet. Jede Urnenkammer ziert ein mit dem Kreuzsignet des Pfarrverbundes versehener, goldglänzender Messingknauf. Nach dem Einstellen der Urne dürfen die Angehörigen den nicht mehr benötigten Knauf zum Andenken mitnehmen. An dem Bohrloch, das er verdeckte, wird nach der Beisetzung die Messingplatte zur Kennzeichnung des Grabes befestigt. Sie kann den Wünschen der Angehörigen entsprechend gestaltet werden und bietet auf einer schmalen Konsole Platz für eine Kerze und eine schmale Vase. Im Laufe der Jahre werden die Messingplatten ein zufälliges, sich ständig verdichtendes Muster auf die dunklen Flächen der Grabwände zeichnen. Den Kontrast von brüniertem und poliertem Messing setzen die Architekten auch bei der Gestaltung von Ambo, Osterkerze und Urnenpodest ein; einzig der neue Altar, ein glatter Sichtbetonkubus, greift auf Schwipperts Materialkanon zurück. Bleiben die Figuren des von dem tschechischen Künstler Ludek Tichy geschnitzten Kreuzwegs. Angebracht an den Stirnseiten der Grabwände und an zusätzlich aufgestellten Stelen, bilden die Stationen einen Ring um die Kapelle. Die 15. Station, die Jesu Auferstehung darstellt, liegt dem Kapellenausgang gegenüber – ein wohlplatziertes und bedeutsames Detail, das für die Qualität und die Klarheit des Ganzen steht. Dass es in dieser Klarheit ein Element wie den zentralen Lichtraum gibt, der nicht eindeutig, nicht immer gleich ist, reflektiert auf wunderbare Weise die Überschreitung der Grenzen von Erfahrung, Bewusstsein und Diesseits.

 

 

db 11/14  Schwerpunkt „Material wirkt“, Beitrag von Uta Winterhager

 

 

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350 m2 Ziegelfront, rechts und links ein kleines Portal und dazwischen – ein Tor. So wurde der Kirchenvorplatz mit drei Linien zum Fußballplatz. Das muss man aushalten, findet Uta Winterhager, denn ausgestorbene Plätze sind genauso traurig wie leerstehende Kirchen.

 

 

 

Unter dem Grün die Trümmer

Der Rheinpark in Köln

Egal in welchem Zustand, die Kölner lieben ihren Rheinpark. Nach den Höhepunkten der Bundesgartenschauen 1957 und 1971 verwahrloste er zwar zunehmend, doch ging nur wenig dabei verloren. Seit einigen Jahren tun Stadt und Bürger alles dafür, um das außergewöhnlich vielfältige gartengestalterische Erbe zu erhalten.

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„Häusliche Sorgen“ Skulptur im Rheinpark. Foto: Uta Winterhager

 

Die Idee aus der Uferlandschaft zwischen Deutzer Messe und Mülheimer Hafen einen Volkspark zu machen, stammt bereits aus den 20er Jahren. Schon damals gab es hier einen Park mit funktionaler Zweigliederung: Spiel und Sport auf weiten Auenwiesen sollten den Großstädtern gut tun, ein gärtnerisch stärker kultivierter Bereich hinter dem schützenden Deich Ruhe und Kontemplation ermöglichen. Doch der Zweite Weltkrieg hinterließ auch auf dem Rheinparkgelände nur Bombenkrater und Trümmer. Und während ringsum die Stadt wieder aufgebaut wurde, entsorgte man hier den Schutt, der bald zu unübersehbaren Halden angewachsen war. Als Köln sich 1957 um die Ausrichtung der BUGA bewarb, war der Wunsch groß, an dieser Stelle endlich wieder Raum für Spiel und Erholung zu schaffen.

Modelliert

 »Blumen blühen am Rhein« hieß es, als die Gartenschau im April 1957 eröffnet wurde, doch die Pracht der 2,5 Mio. Pflanzen war nur eine ihrer vielen Facetten. Unter der künstlerischen und technischen Oberleitung des städtischen Gartenbaudirektors Kurt Schönbohm waren die Trümmerberge und der Deich auf einem 2,3 km langen Streifen zwischen Messe und Mühlheimer Hafen zu einer reizvoll welligen Landschaft modelliert worden, die vom Ufer aus leicht anstieg und unattraktive Ansichten von Hafen und Industrie verbarg. Schönbohm, der seinen Rahmenplan aus Elementen der prämierten Wettbewerbsbeiträge des Architekten Rembald von Steinbüchel-Rheinwall, der Gartenarchitekten Günther Schulze und Joachim Winkler und der Landschaftsarchitektin Hertha Hammerbacher erarbeitet hatte, verteilte unterschiedlich gestaltete Themeninseln, deren Dichte und Grad an Gestaltung zum Ufer hin abnahmen, über das Areal. Damit griff er zwar die historische Zweigliederung des Parks wieder auf, vermied jedoch den vormalig harten Bruch zwischen Landschaft und Garten. Mit der Rheinseilbahn, einem Sessellift und der Kleinbahn »Trans-Rheinpark-Express«, fügte er der Gartenschau noch eine attraktive technische Ebene hinzu.

Bis heute wurde an der seit 1989 denkmalgeschützten Anlage des Rheinparks nur wenig verändert. Man sieht dem Park jedoch an, dass er etlichen Hochwasserständen ebenso widerstehen musste wie dem Flächenfraß durch die angrenzende Messe und benachbarter Industrie. Seit 1966 »überfliegt« die Zoobrücke den Park an seinem Nordende und das Dauerrauschen der sechsspurigen Autobahn wurde Teil seiner Geräuschkulisse. Auch die BUGA von 1971 auf demselben Gelände hinterließ ihre Spuren. Doch gelang es, das Gesamtkunstwerk von 1957 nicht zu überzeichnen: dasselbe Planungsteam um Schönbohm ergänzte vorsichtig und modernisierte lediglich partiell.

Als großes Problem stellte sich das fehlende Nachnutzungskonzept für das Bundesgartenschaugelände in den 80er Jahren heraus. Der Stadt fehlten die Mittel, sie ließ Beete verwildern und Sichtachsen zuwachsen, sanierungsbedürftige Spielgeräte wurden abgebaut und nicht mehr ersetzt, die Cafés standen leer und sukzessive verblasste das Erscheinungsbild der einst so eleganten und modernen Parklandschaft. Erst großes bürgerschaftliches Engagement führte dazu, dass der Erhalt des Rheinparks zum lokalpolitischen Thema wurde. Nach einer umfangreichen Analyse wurde die Sanierung schließlich angegangen, so dass der Rheinpark sein 50jährges Bestehen im Jahr 2007 in einem angemessenen Zustand feiern konnte.

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Früher war alles … filigraner! Foto: Uta Winterhager

 

Betoniert

Doch wer den Park heute besucht, wird den Schwund der Architektur zunächst kaum bemerken, so beeindruckend sind die Weite und Vielschichtigkeit der Anlage. Großzügige geschwungene Wege durchziehen das Gelände und verknüpfen die einzelnen Themeninseln, Rosengarten, Flamingoteich, Spielhügellandschaft, Brunnengarten um nur einige zu nennen, miteinander. Hier wurde einmal das Bild einer neuen Zeit gezeichnet, ohne Hierarchie, ohne Raster, ohne Brüche. Auch Architektur und Landschaft standen und stehen gleichberechtigt nebeneinander. Im Rosengarten wurden nach Entwürfen von Schulze und Winkler fünf Lauben gebaut, einfache Stahlkonstruktionen, die an drei Seiten mit Glas verkleidet waren. Im Laufe der Jahre mussten die Gläser entfernt werden, doch die filigranen, weiß gestrichenen Stahlskelette zeigen heute noch, wie groß der Wunsch war, das Gebaute auf ein Minimum zu beschränken, es aufzulösen, damit es eins werde mit seiner Umgebung. Ähnlich einfach gestaltet und doch von hoher grafischer Wirkung sind auch die Pergolen an den Wasserterrassen von Hertha Hammerbacher und die »Windharfen« ihrer Tochter Merete Mattern im Staudengarten.

Zur gestalterischen Einheit von Architektur und Landschaft trägt – ganz uncharakteristisch – auch die abwechslungsreiche Verwendung von Beton bei. Fast könnte man von einem Fest für den Beton sprechen, mit so viel Ideenreichtum und Mut zum Experiment wurde der neue Werkstoff überall präsentiert. Beton erlaubte neue Farben und Formen, strukturierte Oberflächen, filigrane Konstruktionen und er war günstig, schnell verfügbar und sehr modern. Und durchaus langlebig, wenn im Alter auch nicht unbedingt schöner, wie sich an der Vielfalt der erhaltenen Bodenbeläge, Treppenelemente und Brunneneinfassungen zeigt. Ein trauriges Schicksal erleidet das Park-Café (Steinbüchel-Rheinwall), das im Ensemble mit Tropenhof, Großem Blumengarten und Wassergarten das Zentrum der ursprünglichen Parkanlage gebildet hat. Auch heute noch führt das dreigeschossige Gebäude, das entgegen vielfacher Behauptungen keineswegs nur für eine temporäre Nutzung errichtet worden war, mit geschwungenen Terrassen, filigranen Rampen, fliegendem Dach und überschlanken Stützen das stilistische Repertoire der 50er Jahre vor. Doch seit Jahrzehnten verfällt der leerstehende Bau zusehends, eine wirtschaftliche Nutzung zu finden scheint unmöglich, die Zukunft ist weiter ungewiss.

Immer wieder galt und gilt es im Rheinpark individuelle Lösungen zu finden, die Geschichte und Gegenwart gleichermaßen gerecht werden. Bei der Sanierung der charakteristischen Pflasterungen, Betonverbundsteinen, Klinker und Grauwacke, geht die Stadt sehr zurückhaltend vor und ersetzt nur, was zur Gefahr wird. Denn einmal angehoben, so zeigte es sich, lassen sich die inzwischen morschen Beläge kein zweites Mal verlegen. Der Erhalt einzelner Parkelemente wie die Kieselmosaike des Brunnengartens sind sogar so aufwendig, dass er nur nur durch die Arbeit eines Unterstützervereins gesichert werden kann. Und ob die zahlreichen kostbaren Bronzestatuen aus den 50ern, die zunehmend häufig zerstört werden, weiter in einer öffentlichen Grünanlage stehen können, muss noch entschieden werden. Als wahre Publikumsmagneten haben sich indessen durch alle Zeiten die großen, außergewöhnlich gestalteten Spielplätze und die variantenreichen Wasserspiele erwiesen.

Wirklich störend in dieser bunten Collage sind die »Schaufenster« mit Einblicken in die Geschichte des Parks, die vor einigen Jahren an den schönsten Stellen aufgestellt wurden. Ein Park wie der Rheinpark in Köln braucht jedoch kein didaktisches Mobiliar, vielmehr soll er entdeckt werden und überraschen können.

 

Uta Winterhager

 

Aus: db deutsche bauzeitung 04.2014:  In die Jahre gekommen … Der Rheinpark

Architekten: Kurt Schönbohm u.a.

Anschrift: Auenweg, Köln Deutz

 

Zwischen Himmel und Erde

Grabeskirche Liebfrauen Dortmund

Ein Kolumbarium muss kein Taubenschlag sein, das zeigt Volker Staab mit einem bronzenen Urnengräberfeld in der Grabeskirche Liebfrauen Dortmund. Wer diesen Raum betritt möchte glauben, dass das Leben im Tod nicht genommen, sondern gewandelt wird.

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Kein Zufall. Taubenrelief über dem Portal der Liebfrauenkirche in Dortmund. Foto: Mathias Bigge

Die Geschichte der Dortmunder Liebfrauenkirche ist eine von vielen im Revier: Ende des 19 Jahrhunderts erbaut, als Katholizismus und Industrie prosperierten, wurde sie im 2. Weltkrieg größtenteils zerstört und von der Gemeinde wieder aufgebaut. Heute steht der neogotische Ziegelbau des Wiener Architekten Friedrich von Schmidt dicht umbaut und umfangreich saniert im innerstädtischen Klinikviertel. Kein Bauschaden kann die Existenz einer Kirche so massiv gefährden wie der Entzug ihrer Funktion, dafür gibt es aus den Nachbarstädten genügend traurige Beispiele. Bis 2008 war die Zahl der Gemeindemitglieder in Dortmund soweit zurückgegangen, dass die wenigen Verbliebenen der benachbarten Propsteigemeinde angegliedert wurden. Um das Gotteshaus aber dennoch zu bewahren, wollte der Katholische Gemeindeverband Östliches Ruhrgebiet es weiterhin selbst nutzen. Nicht als Kirche ohne Gemeinde, sondern als christliche Urnengrabstätte, Bestattungsort für Katholiken wie Protestanten gleichermaßen. Ein eher ungewöhnliches Unterfangen, war doch den Katholiken die Kremation bis 1963 gänzlich verboten. Inzwischen sind mehr als die Hälfte aller Beisetzungen in deutschen Großstädten Feuerbestattungen und der Wunsch nach einem christlichen Rahmen aus Ort und Liturgie ist stetig gewachsen. Diesen mitten in der Stadt, in der Liebfrauenkirche zu schaffen ist ein mutiger Schritt in einer Gesellschaft, die den Gedanken an den Tod zunehmend aus dem Alltag verdrängt. Da es bis heute nur erlaubt ist, Päpste, Bischöfe oder Kardinäle in einer Kirche zu beerdigen, musste der Bau vor der Umnutzung zur Grabeskirche profaniert werden.

Dass auch die Gestaltung eine erhebliche Rolle für die Akzeptanz der neuen Nutzung spielen würde, hat der Katholische Gemeindeverband frühzeitig erkannt und 2008 einen Wettbewerb ausgelobt. In Deutschland gab es zu der Zeit zwei gebaute Beispiele, die Grabeskirche St. Josef Aachen (Hahn Helten + Assoziierte, 2006) und das Kolumbarium in der Allerheiligenkirche Erfurt (Evelyn Körber, 2007). In beiden Fällen wurde die Grundidee des Kolumbariums, eine Wand wie ein Taubenschlag, in übermannshohe Stelen aufgelöst. Der Gesamteindruck der Stelen ist in beiden Fällen sehr dicht und skulptural, die schmalen Zwischenräume haben zwar eine durchaus intime Wirkung, doch die Kirchenräume verlieren an Offenheit und Weite.

Schweres Dunkel für Trauer und Gedenken

Nach dem Dortmunder Wettbewerb wurden die beiden ersten Preisträger beauftragt, Volker Staab (Berlin) mit der Realisierung der Urnengrabstätten und die Künstler Lutzenberger + Lutzenberger (Bad Wörishofen) mit der Gestaltung der Prinzipalstücke für den Chorraum, in dem die Trauerfeiern abgehalten werden.

Staab Architekten nutzten die Weite des gesamten Kirchenraumes und verzichteten auf Höhe, sie entwarfen ein rechteckiges Gräberfeld auf dem scharfkantige Blöcke aus dunkler Bronze in rechtwinkliger Symmetrie um die acht Pfeiler der Stufenhalle mäandrieren. Das Bild ist streng und geerdet, und da die bronzenen Einbauten nicht höher sind als die Rückenlehen üblicher Kirchenbänke sind, bleibt die Weite des Raums erhalten. Die Bodennähe der Einbauten weckt Assoziationen an ein Gräberfeld und nimmt der Urnenstätte ihre Fremdheit.

Zweieinhalb Jahre nach der Eröffnung sind etwa 100 Grabstätten belegt, wie die Kerzen und Blumen und die quadratischen Abdeckplatten auf den Bronzeblöcken verraten. Kein Detail, keine Gliederung gibt etwas von Inhalt oder Konstruktion der Einbauten preis, fast nahtlos werden sie eins mit der bronzenen Bodenplatte. Die Urnen darin sind geborgen und geschützt – für die Angehörigen ein Aspekt von großer Bedeutung. Während der Beisetzung werden die Urnen von oben in die Kammern abgesenkt, ein Ritual, das dem Niederlassen des Sarges bei der Erdbestattung sehr ähnlich ist. Verschlossen werden die Urnengräber mit einer gegossenen Bronzeplatte, die nach den Wünschen der Angehörigen gestaltet werden kann. Dabei sind Typographie und Schriftgröße vorgegeben, es können jedoch individuelle Bildmotive, z. B. auch einem Foto des Verstorbenen verwendet werden. Zu jeder Grabplatte gehören außerdem ein Opferlichthalter, ein Kerzenhalter und eine Blumenvase aus Bronze, die an den Rand der Grabplatte gesteckt werden können. Ursprünglich war es so – und offiziell ist es so noch immer– dass darüber hinausgehende Dekorationen, ebenso wie Kunstblumen, auf den Grabstellen nicht erlaubt sind. Doch niemand brachte es über das Herz, die überzähligen Sträuße, Engelchen oder Kinderbasteleien abzuräumen. Auch hat die Erfahrung gezeigt, dass der Wunsch die Grabstätte mit persönlichen Dingen zu schmücken, Teil des Trauerprozesses ist und mit der Zeit abnimmt. In die Urnengrabblöcke sind an mehreren Stellen gepolsterte Sitzbänke eingelassen, welche es den Angehörigen ermöglichen, den Verstorbenen auch physisch nah zu sein. 20 Jahre währt die Nutzungs- bzw. Ruhezeit der Urnengrabstätten, danach wird die Totenasche von einem Priester in die „Letzte Ruhestätte“ überführt. Sehen kann man davon nur ein geschlitztes Kreuz in der Mitte bronzenen Gräberfeldbodens, darunter verbirgt sich ein zum Erdreich offener Aschebrunnen.

Lichte Weite für Glaube und Hoffnung

Die gegensätzliche Wirkung der Materialien, schwere, dunkle Bronze an den Grabstätten und helle kanadische Eiche in lockerer Schichtung für Boden, Einbauten und Mobiliar im Chorraum, verstärkt die funktionale Gliederung des Kirchenraumes. Hier setzt auch die Lichtplanung (Licht Kunst Licht) an, vom Eingang aus betrachtet liegt hinter dem dunklen Gräberfeld der hell erleuchtete Chorraum. Die Gewölbe der Mittel- und Seitenschiffe werden mit diffusem Licht gleichmäßig ausgeleuchtet, um die gesamte Raumhöhe wirken zu lassen. Im Urnenfeld ist es grade so dunkel, dass die Flammen der Kerzen auf den Gräbern als Lichtpunkte leuchten. Die Mischung aus Kunst- und Tageslicht wirkt ausgesprochen warm, besonders reizvoll ist es, wenn die durch die bunten Fenster einfallenden Sonnenstrahlen ein flimmerndes Lichterspiel auf dem Gräberfeld erzeugen.

Nicht zuletzt sollte die neue Nutzung des Kirchenraumes auch wirtschaftlich dazu beitragen, das Gebäude zu erhalten. Die Urnengrabstätten, von denen es derzeit etwa 4.800 gibt, werden in drei Preisstufen angeboten, Wahlgrabstätten für zwei Urnen kosten 7.000 €, Reihengrabstätten 3.000 € und ein Platz in der Gemeinschaftsgrabstätte in der Josefskapelle 1.600 €. Im rechten Seitenschiff befindet sich die „Grabstätte für Unbedachte“, eine bronzene Wandscheibe in deren Nischen die Asche obdach- und mittelloser Menschen beigesetzt wird. Auch ihre Grabstätten bekommen hier ein Namensschild, die Kosten übernimmt der Träger. Damit die Grabeskirche sich rechnet, braucht man einen langen Atem, sagt ihre Verwaltung, doch das Interesse nicht nur an den Grabstätten, sondern an der gesamten Institution sei enorm, wie die über 100 Führungen im letzten Jahr gezeigt haben.

An einem Dienstagmorgen im Februar ist die Kirche eiskalt, doch immer wieder kommen Menschen – und bleiben. Sie bringen Blumen mit, tauschen Kerzen aus und sprechen miteinander. Oft kommt es dazu, dass sich Einsame und Trauernde hier gegenseitig Trost spenden. Denn die Grabeskirche bietet neben der Schwere des Todes auch Allegorien für das Leben und den christlichen Glauben. Es nicht nur das Licht, dessen Wirkung man sich kaum entziehen kann, sondern auch die stille Größe des scheinbar unberührten sakralen Raumes.

 

Uta Winterhager

 

 

Aus db deutsche bauzeitung 4.2013 Trauer braucht Raum

Architekten: staab architekten, Berlin

Standort: Grabeskirche Liebfrauen Dortmund, Amalienstraße 21a 44137 Dortmund