Unter dem Grün die Trümmer

Der Rheinpark in Köln

Egal in welchem Zustand, die Kölner lieben ihren Rheinpark. Nach den Höhepunkten der Bundesgartenschauen 1957 und 1971 verwahrloste er zwar zunehmend, doch ging nur wenig dabei verloren. Seit einigen Jahren tun Stadt und Bürger alles dafür, um das außergewöhnlich vielfältige gartengestalterische Erbe zu erhalten.

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„Häusliche Sorgen“ Skulptur im Rheinpark. Foto: Uta Winterhager

 

Die Idee aus der Uferlandschaft zwischen Deutzer Messe und Mülheimer Hafen einen Volkspark zu machen, stammt bereits aus den 20er Jahren. Schon damals gab es hier einen Park mit funktionaler Zweigliederung: Spiel und Sport auf weiten Auenwiesen sollten den Großstädtern gut tun, ein gärtnerisch stärker kultivierter Bereich hinter dem schützenden Deich Ruhe und Kontemplation ermöglichen. Doch der Zweite Weltkrieg hinterließ auch auf dem Rheinparkgelände nur Bombenkrater und Trümmer. Und während ringsum die Stadt wieder aufgebaut wurde, entsorgte man hier den Schutt, der bald zu unübersehbaren Halden angewachsen war. Als Köln sich 1957 um die Ausrichtung der BUGA bewarb, war der Wunsch groß, an dieser Stelle endlich wieder Raum für Spiel und Erholung zu schaffen.

Modelliert

 »Blumen blühen am Rhein« hieß es, als die Gartenschau im April 1957 eröffnet wurde, doch die Pracht der 2,5 Mio. Pflanzen war nur eine ihrer vielen Facetten. Unter der künstlerischen und technischen Oberleitung des städtischen Gartenbaudirektors Kurt Schönbohm waren die Trümmerberge und der Deich auf einem 2,3 km langen Streifen zwischen Messe und Mühlheimer Hafen zu einer reizvoll welligen Landschaft modelliert worden, die vom Ufer aus leicht anstieg und unattraktive Ansichten von Hafen und Industrie verbarg. Schönbohm, der seinen Rahmenplan aus Elementen der prämierten Wettbewerbsbeiträge des Architekten Rembald von Steinbüchel-Rheinwall, der Gartenarchitekten Günther Schulze und Joachim Winkler und der Landschaftsarchitektin Hertha Hammerbacher erarbeitet hatte, verteilte unterschiedlich gestaltete Themeninseln, deren Dichte und Grad an Gestaltung zum Ufer hin abnahmen, über das Areal. Damit griff er zwar die historische Zweigliederung des Parks wieder auf, vermied jedoch den vormalig harten Bruch zwischen Landschaft und Garten. Mit der Rheinseilbahn, einem Sessellift und der Kleinbahn »Trans-Rheinpark-Express«, fügte er der Gartenschau noch eine attraktive technische Ebene hinzu.

Bis heute wurde an der seit 1989 denkmalgeschützten Anlage des Rheinparks nur wenig verändert. Man sieht dem Park jedoch an, dass er etlichen Hochwasserständen ebenso widerstehen musste wie dem Flächenfraß durch die angrenzende Messe und benachbarter Industrie. Seit 1966 »überfliegt« die Zoobrücke den Park an seinem Nordende und das Dauerrauschen der sechsspurigen Autobahn wurde Teil seiner Geräuschkulisse. Auch die BUGA von 1971 auf demselben Gelände hinterließ ihre Spuren. Doch gelang es, das Gesamtkunstwerk von 1957 nicht zu überzeichnen: dasselbe Planungsteam um Schönbohm ergänzte vorsichtig und modernisierte lediglich partiell.

Als großes Problem stellte sich das fehlende Nachnutzungskonzept für das Bundesgartenschaugelände in den 80er Jahren heraus. Der Stadt fehlten die Mittel, sie ließ Beete verwildern und Sichtachsen zuwachsen, sanierungsbedürftige Spielgeräte wurden abgebaut und nicht mehr ersetzt, die Cafés standen leer und sukzessive verblasste das Erscheinungsbild der einst so eleganten und modernen Parklandschaft. Erst großes bürgerschaftliches Engagement führte dazu, dass der Erhalt des Rheinparks zum lokalpolitischen Thema wurde. Nach einer umfangreichen Analyse wurde die Sanierung schließlich angegangen, so dass der Rheinpark sein 50jährges Bestehen im Jahr 2007 in einem angemessenen Zustand feiern konnte.

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Früher war alles … filigraner! Foto: Uta Winterhager

 

Betoniert

Doch wer den Park heute besucht, wird den Schwund der Architektur zunächst kaum bemerken, so beeindruckend sind die Weite und Vielschichtigkeit der Anlage. Großzügige geschwungene Wege durchziehen das Gelände und verknüpfen die einzelnen Themeninseln, Rosengarten, Flamingoteich, Spielhügellandschaft, Brunnengarten um nur einige zu nennen, miteinander. Hier wurde einmal das Bild einer neuen Zeit gezeichnet, ohne Hierarchie, ohne Raster, ohne Brüche. Auch Architektur und Landschaft standen und stehen gleichberechtigt nebeneinander. Im Rosengarten wurden nach Entwürfen von Schulze und Winkler fünf Lauben gebaut, einfache Stahlkonstruktionen, die an drei Seiten mit Glas verkleidet waren. Im Laufe der Jahre mussten die Gläser entfernt werden, doch die filigranen, weiß gestrichenen Stahlskelette zeigen heute noch, wie groß der Wunsch war, das Gebaute auf ein Minimum zu beschränken, es aufzulösen, damit es eins werde mit seiner Umgebung. Ähnlich einfach gestaltet und doch von hoher grafischer Wirkung sind auch die Pergolen an den Wasserterrassen von Hertha Hammerbacher und die »Windharfen« ihrer Tochter Merete Mattern im Staudengarten.

Zur gestalterischen Einheit von Architektur und Landschaft trägt – ganz uncharakteristisch – auch die abwechslungsreiche Verwendung von Beton bei. Fast könnte man von einem Fest für den Beton sprechen, mit so viel Ideenreichtum und Mut zum Experiment wurde der neue Werkstoff überall präsentiert. Beton erlaubte neue Farben und Formen, strukturierte Oberflächen, filigrane Konstruktionen und er war günstig, schnell verfügbar und sehr modern. Und durchaus langlebig, wenn im Alter auch nicht unbedingt schöner, wie sich an der Vielfalt der erhaltenen Bodenbeläge, Treppenelemente und Brunneneinfassungen zeigt. Ein trauriges Schicksal erleidet das Park-Café (Steinbüchel-Rheinwall), das im Ensemble mit Tropenhof, Großem Blumengarten und Wassergarten das Zentrum der ursprünglichen Parkanlage gebildet hat. Auch heute noch führt das dreigeschossige Gebäude, das entgegen vielfacher Behauptungen keineswegs nur für eine temporäre Nutzung errichtet worden war, mit geschwungenen Terrassen, filigranen Rampen, fliegendem Dach und überschlanken Stützen das stilistische Repertoire der 50er Jahre vor. Doch seit Jahrzehnten verfällt der leerstehende Bau zusehends, eine wirtschaftliche Nutzung zu finden scheint unmöglich, die Zukunft ist weiter ungewiss.

Immer wieder galt und gilt es im Rheinpark individuelle Lösungen zu finden, die Geschichte und Gegenwart gleichermaßen gerecht werden. Bei der Sanierung der charakteristischen Pflasterungen, Betonverbundsteinen, Klinker und Grauwacke, geht die Stadt sehr zurückhaltend vor und ersetzt nur, was zur Gefahr wird. Denn einmal angehoben, so zeigte es sich, lassen sich die inzwischen morschen Beläge kein zweites Mal verlegen. Der Erhalt einzelner Parkelemente wie die Kieselmosaike des Brunnengartens sind sogar so aufwendig, dass er nur nur durch die Arbeit eines Unterstützervereins gesichert werden kann. Und ob die zahlreichen kostbaren Bronzestatuen aus den 50ern, die zunehmend häufig zerstört werden, weiter in einer öffentlichen Grünanlage stehen können, muss noch entschieden werden. Als wahre Publikumsmagneten haben sich indessen durch alle Zeiten die großen, außergewöhnlich gestalteten Spielplätze und die variantenreichen Wasserspiele erwiesen.

Wirklich störend in dieser bunten Collage sind die »Schaufenster« mit Einblicken in die Geschichte des Parks, die vor einigen Jahren an den schönsten Stellen aufgestellt wurden. Ein Park wie der Rheinpark in Köln braucht jedoch kein didaktisches Mobiliar, vielmehr soll er entdeckt werden und überraschen können.

 

Uta Winterhager

 

Aus: db deutsche bauzeitung 04.2014:  In die Jahre gekommen … Der Rheinpark

Architekten: Kurt Schönbohm u.a.

Anschrift: Auenweg, Köln Deutz

 

Zeitschichten

Besucherinformationszentrum Sparrenburg, Bielefeld

 

Unter der Erdoberfläche stellt sich Geschichte sehr anschaulich in der Ausbildung von Schichten dar. Max Dudler setzte das Bild in Stampfbeton um und schrieb mit dieser fast vergessenen Technik die Baugeschichte des Bielefelder Wahrzeichens weiter.

… der Text in voller Länge erscheint in domus 1/2015

 

Stampfbeton und Mauerwerk
Stampfbeton und Mauerwerk. BZ Sparrenburg, Max Dudler. Foto: Uta Winterhager
Besucherzentrum Sparrenburg von Max Dudler
Besucherzentrum Sparrenburg von Max Dudler. Foto: Uta Winterhager
Mythologie und Handwerk. BZ Sparrenburg, Max Dudler. Foto: Uta Winterhager
Mythologie und Handwerk. BZ Sparrenburg, Max Dudler. Foto: Uta Winterhager
Inszenierung der Schwelle. BZ Sparrenburg, Max Dudler. Foto: Uta Winterhager
Inszenierung der Schwelle. BZ Sparrenburg, Max Dudler. Foto: Uta Winterhager
Unter der Linie verläuft die mittelalterliche Mauer. BZ Sparrenburg, Max Dudler. Foto: Uta Winterhager
Unter der Linie verläuft die mittelalterliche Mauer. BZ Sparrenburg, Max Dudler. Foto: Uta Winterhager
Wände in historischer Dimension. BZ Sparrenburg, Max Dudler. Foto: Uta Winterhager
Wände in historischer Dimension. BZ Sparrenburg, Max Dudler. Foto: Uta Winterhager
Ordnung und Unterordnung
Ordnung und Unterordnung. BZ Sparrenburg, Max Dudler. Foto: Uta Winterhager
Lagen und Schichten
Lagen und Schichten, Foto: Uta Winterhager

Zwischen Himmel und Erde

Grabeskirche Liebfrauen Dortmund

Ein Kolumbarium muss kein Taubenschlag sein, das zeigt Volker Staab mit einem bronzenen Urnengräberfeld in der Grabeskirche Liebfrauen Dortmund. Wer diesen Raum betritt möchte glauben, dass das Leben im Tod nicht genommen, sondern gewandelt wird.

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Kein Zufall. Taubenrelief über dem Portal der Liebfrauenkirche in Dortmund. Foto: Mathias Bigge

Die Geschichte der Dortmunder Liebfrauenkirche ist eine von vielen im Revier: Ende des 19 Jahrhunderts erbaut, als Katholizismus und Industrie prosperierten, wurde sie im 2. Weltkrieg größtenteils zerstört und von der Gemeinde wieder aufgebaut. Heute steht der neogotische Ziegelbau des Wiener Architekten Friedrich von Schmidt dicht umbaut und umfangreich saniert im innerstädtischen Klinikviertel. Kein Bauschaden kann die Existenz einer Kirche so massiv gefährden wie der Entzug ihrer Funktion, dafür gibt es aus den Nachbarstädten genügend traurige Beispiele. Bis 2008 war die Zahl der Gemeindemitglieder in Dortmund soweit zurückgegangen, dass die wenigen Verbliebenen der benachbarten Propsteigemeinde angegliedert wurden. Um das Gotteshaus aber dennoch zu bewahren, wollte der Katholische Gemeindeverband Östliches Ruhrgebiet es weiterhin selbst nutzen. Nicht als Kirche ohne Gemeinde, sondern als christliche Urnengrabstätte, Bestattungsort für Katholiken wie Protestanten gleichermaßen. Ein eher ungewöhnliches Unterfangen, war doch den Katholiken die Kremation bis 1963 gänzlich verboten. Inzwischen sind mehr als die Hälfte aller Beisetzungen in deutschen Großstädten Feuerbestattungen und der Wunsch nach einem christlichen Rahmen aus Ort und Liturgie ist stetig gewachsen. Diesen mitten in der Stadt, in der Liebfrauenkirche zu schaffen ist ein mutiger Schritt in einer Gesellschaft, die den Gedanken an den Tod zunehmend aus dem Alltag verdrängt. Da es bis heute nur erlaubt ist, Päpste, Bischöfe oder Kardinäle in einer Kirche zu beerdigen, musste der Bau vor der Umnutzung zur Grabeskirche profaniert werden.

Dass auch die Gestaltung eine erhebliche Rolle für die Akzeptanz der neuen Nutzung spielen würde, hat der Katholische Gemeindeverband frühzeitig erkannt und 2008 einen Wettbewerb ausgelobt. In Deutschland gab es zu der Zeit zwei gebaute Beispiele, die Grabeskirche St. Josef Aachen (Hahn Helten + Assoziierte, 2006) und das Kolumbarium in der Allerheiligenkirche Erfurt (Evelyn Körber, 2007). In beiden Fällen wurde die Grundidee des Kolumbariums, eine Wand wie ein Taubenschlag, in übermannshohe Stelen aufgelöst. Der Gesamteindruck der Stelen ist in beiden Fällen sehr dicht und skulptural, die schmalen Zwischenräume haben zwar eine durchaus intime Wirkung, doch die Kirchenräume verlieren an Offenheit und Weite.

Schweres Dunkel für Trauer und Gedenken

Nach dem Dortmunder Wettbewerb wurden die beiden ersten Preisträger beauftragt, Volker Staab (Berlin) mit der Realisierung der Urnengrabstätten und die Künstler Lutzenberger + Lutzenberger (Bad Wörishofen) mit der Gestaltung der Prinzipalstücke für den Chorraum, in dem die Trauerfeiern abgehalten werden.

Staab Architekten nutzten die Weite des gesamten Kirchenraumes und verzichteten auf Höhe, sie entwarfen ein rechteckiges Gräberfeld auf dem scharfkantige Blöcke aus dunkler Bronze in rechtwinkliger Symmetrie um die acht Pfeiler der Stufenhalle mäandrieren. Das Bild ist streng und geerdet, und da die bronzenen Einbauten nicht höher sind als die Rückenlehen üblicher Kirchenbänke sind, bleibt die Weite des Raums erhalten. Die Bodennähe der Einbauten weckt Assoziationen an ein Gräberfeld und nimmt der Urnenstätte ihre Fremdheit.

Zweieinhalb Jahre nach der Eröffnung sind etwa 100 Grabstätten belegt, wie die Kerzen und Blumen und die quadratischen Abdeckplatten auf den Bronzeblöcken verraten. Kein Detail, keine Gliederung gibt etwas von Inhalt oder Konstruktion der Einbauten preis, fast nahtlos werden sie eins mit der bronzenen Bodenplatte. Die Urnen darin sind geborgen und geschützt – für die Angehörigen ein Aspekt von großer Bedeutung. Während der Beisetzung werden die Urnen von oben in die Kammern abgesenkt, ein Ritual, das dem Niederlassen des Sarges bei der Erdbestattung sehr ähnlich ist. Verschlossen werden die Urnengräber mit einer gegossenen Bronzeplatte, die nach den Wünschen der Angehörigen gestaltet werden kann. Dabei sind Typographie und Schriftgröße vorgegeben, es können jedoch individuelle Bildmotive, z. B. auch einem Foto des Verstorbenen verwendet werden. Zu jeder Grabplatte gehören außerdem ein Opferlichthalter, ein Kerzenhalter und eine Blumenvase aus Bronze, die an den Rand der Grabplatte gesteckt werden können. Ursprünglich war es so – und offiziell ist es so noch immer– dass darüber hinausgehende Dekorationen, ebenso wie Kunstblumen, auf den Grabstellen nicht erlaubt sind. Doch niemand brachte es über das Herz, die überzähligen Sträuße, Engelchen oder Kinderbasteleien abzuräumen. Auch hat die Erfahrung gezeigt, dass der Wunsch die Grabstätte mit persönlichen Dingen zu schmücken, Teil des Trauerprozesses ist und mit der Zeit abnimmt. In die Urnengrabblöcke sind an mehreren Stellen gepolsterte Sitzbänke eingelassen, welche es den Angehörigen ermöglichen, den Verstorbenen auch physisch nah zu sein. 20 Jahre währt die Nutzungs- bzw. Ruhezeit der Urnengrabstätten, danach wird die Totenasche von einem Priester in die „Letzte Ruhestätte“ überführt. Sehen kann man davon nur ein geschlitztes Kreuz in der Mitte bronzenen Gräberfeldbodens, darunter verbirgt sich ein zum Erdreich offener Aschebrunnen.

Lichte Weite für Glaube und Hoffnung

Die gegensätzliche Wirkung der Materialien, schwere, dunkle Bronze an den Grabstätten und helle kanadische Eiche in lockerer Schichtung für Boden, Einbauten und Mobiliar im Chorraum, verstärkt die funktionale Gliederung des Kirchenraumes. Hier setzt auch die Lichtplanung (Licht Kunst Licht) an, vom Eingang aus betrachtet liegt hinter dem dunklen Gräberfeld der hell erleuchtete Chorraum. Die Gewölbe der Mittel- und Seitenschiffe werden mit diffusem Licht gleichmäßig ausgeleuchtet, um die gesamte Raumhöhe wirken zu lassen. Im Urnenfeld ist es grade so dunkel, dass die Flammen der Kerzen auf den Gräbern als Lichtpunkte leuchten. Die Mischung aus Kunst- und Tageslicht wirkt ausgesprochen warm, besonders reizvoll ist es, wenn die durch die bunten Fenster einfallenden Sonnenstrahlen ein flimmerndes Lichterspiel auf dem Gräberfeld erzeugen.

Nicht zuletzt sollte die neue Nutzung des Kirchenraumes auch wirtschaftlich dazu beitragen, das Gebäude zu erhalten. Die Urnengrabstätten, von denen es derzeit etwa 4.800 gibt, werden in drei Preisstufen angeboten, Wahlgrabstätten für zwei Urnen kosten 7.000 €, Reihengrabstätten 3.000 € und ein Platz in der Gemeinschaftsgrabstätte in der Josefskapelle 1.600 €. Im rechten Seitenschiff befindet sich die „Grabstätte für Unbedachte“, eine bronzene Wandscheibe in deren Nischen die Asche obdach- und mittelloser Menschen beigesetzt wird. Auch ihre Grabstätten bekommen hier ein Namensschild, die Kosten übernimmt der Träger. Damit die Grabeskirche sich rechnet, braucht man einen langen Atem, sagt ihre Verwaltung, doch das Interesse nicht nur an den Grabstätten, sondern an der gesamten Institution sei enorm, wie die über 100 Führungen im letzten Jahr gezeigt haben.

An einem Dienstagmorgen im Februar ist die Kirche eiskalt, doch immer wieder kommen Menschen – und bleiben. Sie bringen Blumen mit, tauschen Kerzen aus und sprechen miteinander. Oft kommt es dazu, dass sich Einsame und Trauernde hier gegenseitig Trost spenden. Denn die Grabeskirche bietet neben der Schwere des Todes auch Allegorien für das Leben und den christlichen Glauben. Es nicht nur das Licht, dessen Wirkung man sich kaum entziehen kann, sondern auch die stille Größe des scheinbar unberührten sakralen Raumes.

 

Uta Winterhager

 

 

Aus db deutsche bauzeitung 4.2013 Trauer braucht Raum

Architekten: staab architekten, Berlin

Standort: Grabeskirche Liebfrauen Dortmund, Amalienstraße 21a 44137 Dortmund

 

 

Schwebeteilchen

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:envihab, Köln Porz, Glass Kramer Löbbert (Berlin), Foto: Uta Winterhager

 

Für die Erweiterung des Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin in Köln entwarfen die Architekten Glass Kramer Löbbert zusammen mit Uta Graff einen Neubau, der zu schweben scheint

Welche Maßnahmen helfen gegen den Muskel- und Knochenabbau, wie er bei Astronauten in der Schwerelosigkeit auftritt? Wie lässt sich der Stress aushalten lange Zeit auf engstem Raum mit einem kleinen Team zu arbeiten? Welche Lichtwellen wirken sich positiv auf den Rhythmus von Schichtarbeitern aus? Fragen wie diese möchte das Kölner Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin beantworten und dabei auch der terrestrischen Medizin dienen. Seit 1959 arbeitet das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), zu dem das Institut gehört, an seinem Hauptstandort in unmittelbarer Nachbarschaft zum Flughafen Köln/Bonn und zeigt sich dort wenig spektakulär, nüchtern wirken die mehrgeschossigen Bürobauten, praktisch die Parkplätze davor, großzügig das Abstandsgrün. Als vor einigen Jahren die Erweiterung des Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin mit einer hochtechnologischen medizinischen Forschungseinheit – genannt :envihab – anstand, erwachte der Wunsch, den weltweit einzigartigen Forschungen über eine angemessene – in diesem Fall also außergewöhnliche – Architektur Präsenz zu verleihen. Gut fügte es sich, dass im Rahmen der Regionale 2010, einem Strukturprogramm des Landes NRW, die innovativsten und leistungsstärksten Forschungs- und Produktionsstandorte der Region unter dem Titel Gärten der Technik vernetzt und in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden sollten. Konkret wurden dadurch die Konzeption des Neubaus, sowie der 2007 europaweit ausgeschriebene Wettbewerb begleitet und gefördert.

Alles unter einer Kiste

Glass Kramer Löbbert und Uta Graff gewannen den Wettbewerb mit einer abstrakt anmutenden Großstruktur, die unbeeinflusst von ihrer biederen Nachbarschaft Schwerkraft und Konventionen in Frage stellt. Eine weiße Plattform mit ornamentaler Perforation scheint über einem umlaufend angeschütteten Erdwall zu schweben. Größe und Stringenz imponieren, das retro-futuristische Bild verlockt. Doch was so augenfällig ist, verbirgt nur Tragwerk und Technik, die eigentlichen Forschungsmodule liegen darunter: acht Häuser im Haus, verborgen hinter dem Wall, räumlich gefasst und versorgt von oben. Wohl wissend, dass ihre Forschung kein statisches System ist, überzeugte die Bauherren die Flexibilität dieses Entwurfes. Denn die große Spannweite des Raumfachwerks ermöglicht eine freie Anordnung der Forschungseinheiten zwischen den vier Reihen filigraner Stützen in der Halle. Im Planungsprozess hat sich diese Anpassungsfähigkeit als überaus nützlich erwiesen, da die technischen Anforderungen zunehmend komplexer wurden. Doch seit der Fertigstellung ist die Möglichkeit zum Wandel aus eben diesem Grund nur noch theoretisch gegeben, der praktische Aufwand wäre enorm.

Die besondere Herausforderung des :envihab lag darin, einen autarken, partiell sogar aus dem irdischen Kontext gelösten Raum für medizinische Forschung zu schaffen. Als Besucherzentrum soll derselbe Raum es einer interessierten Öffentlichkeit ein Bild der wissenschaftlichen Arbeit vermitteln, ohne ins Infotainment zu entgleiten. Doch durch das Spiel mit Innen und Außen, innerem Äußeren und innerem Inneren haben sich die Architekten einen gestalterischen Freiraum geschaffen, in dem sie ihre Bildidee konsequent fortführen konnten.

An der Schmalseite des Gebäudes liegt der Eingang relativ unbetont, und erst von der erhöhten Eingangsebene aus erschließt sich dem durch die äußere Erscheinung des Gebäudes irritierten Besucher die Systematik aus Überbau und Modulen. Unter dem dominanten Dach liegt, zu zwei Dritteln eingegraben, eine große Halle, die über ein Lichtband im oberen Drittel hell und erstaunlich unbeschwert wirkt. Auf einer Grundfläche von 4.150 qm verteilen sich acht unterschiedlich große Einbauten: in Eingangsnähe befinden sich Hörsaal und Infrastruktur-Modul, im hinteren Bereich gruppieren sich fünf Forschungseinheiten um die mittig platzierte Zentrifuge. Die Anordnung erfolgt innerhalb des orthogonalen Rasters der Hallenstruktur, Zwischenräume und Aufweitungen werden zu Fluren und Aufenthaltsflächen erklärt.

Lockt oder schockt

Hilfreich für die Orientierung ist die Gestaltung der Oberflächen. Die Halle zeigt mit Sichtbeton, Glas, frei liegenden Leitungsrohren und als Terrazzo geschliffenem Verbundestrich einen nüchternen, sachlichen Charakter. Die Module sind mit weißem Eternit verkleidet, einem klassischen Fassadenmaterial für „draußen“. Öffnen sich die Türen lockt oder schockt je nach Befindlichkeit der stark farbige Kautschukboden im Inneren der Forschungsmodule. Immer wieder überraschend markieren grelle Farbakzente einzelne Funktionsbereiche, gelb die Nasszellen, grün die Aufenthaltsräume, rot Treppen und innere Fassade.

Für jedes der acht wissenschaftliche Module des :envihab, darunter das Herzstück des Instituts, die Kurzarmzentrifuge, sowie ein PET-MRT, ein Schlaflabor, eine Unterdruckeinheit und ein Psychologielabor gelten ebenso individuelle wie extreme Anforderungen. Allein gemein ist jedoch die Anforderung nach räumlicher Abgeschlossenheit. Nur so können Simulationsszenarien für verschiedene Klima- und Lichtzonen, Geräuschkulissen und Luftdrucksteuerungen geschaffen werden, in denen die Wissenschaftler die Auswirkungen von Langzeitaufenthalt im All am menschlichen Probanden auf der Erde untersuchen können. Konkret sollen alle irdischen Parameter wie Licht, Luft und Schall innerhalb der Module steuerbar sein. Sonderanforderungen hat zum Beispiel die Zentrifuge mit einem eigenen Fundament und Modul 4 (PET-MRT) mit einer Strahlenschutzwand. Die Wände der Module 2 und 5, sowie der äußere Ring des Zentrifugenmoduls und die Treppentürme wirken im statischen System der Halle aussteifend und sind betoniert. Die weitern Einbauten wurden in Trockenbauweise errichtet, jedoch mit einer Dämmschicht, die das normale Maß erheblich übersteigt. Hier zeigt sich noch einmal, dass die Flexibilität in der Anordnung nur noch bedingt gegeben ist.

Die Architekten wollten das Gebäude sehr transparent erscheinen lassen. Ein umlaufender Gang um die Halle steht allen Besuchern offen, nur der Kernbereich um die Zentrifuge ist mit Türen aus Weißglas kaum merklich abgeschlossen. Die Module reichen nicht bis zur Decke der Halle, auf ihren flachen Dächern wurde als Schallschutz weißer Teppich ausgelegt und Strahler montiert. Auf diese Weise abgestrahlt scheint die Hallendecke ferner und leichter und der räumliche Eindruck der Haus-im-Haus-Situation wird verstärkt.

An vier Stellen schieben sich schmale Lichthöfe zwischen die Module und lassen grünlich gefiltertes Tageslicht in die Tiefe des Gebäudes dringen. Doch sind diese Außenräume nicht für dien Aufenthalt geplant, da der Boden mit einer sorgsam modellierten Schicht gewaltiger Mecklenburger Granitfindlinge bedeckt ist. Fast wirkt das ein wenig zynisch, doch hier überzeugt der Pragmatismus der skulpturalen Gestaltung. Die Lichthöfe sind so schmal, dass sie sich mit mechanischen Klappen auf dem Dach vollkommen überdecken lassen. Motoren aus Hafenkränen bewegen die 100 qm großen Stahlklappen, so dass Tag und Nacht im Dienste der Wissenschaft unabhängig von den tatsächlichen Gegebenheiten manipuliert werden können. So können alle Labore unter Tageslichtausschluss arbeiten – nur wo die Arbeit es erlaubt, gibt es kleine Fenster zu den Lichthöfen. Mit den Arbeitsplatzrichtlinien ist das vereinbar, da alle Mitarbeiter noch einen weiteren Arbeitsplatz mit Tageslicht im Bestandsbau haben. Ob diese Introvertiertheit als beklemmend wahrgenommen wird, ist Individuell und situativ bedingt: Probanden, die hier an mehrwöchigen Bettruhestudien teilnehmen, mögen sie anders erfahren als die Wissenschaftler selbst.

Forschen heißt Ungewöhnliches wagen, Konventionen vernachlässigen, Netzwerke knüpfen. Dafür haben Glass Kramer Löbbert mit Uta Graff ein sehr anschauliches Bild gefunden und eine hochfunktionale Wissenslandschaft gestaltet, die immer wieder neugierig macht auf den nächsten Schritt.

 

Uta Winterhager

 

Architekten Glass Kramer Löbbert, Berlin; Graff, Uta, Berlin
Adresse DLR Campus Linder Höhe, 51147 Köln-Porz (keine Besichtigung möglich)

 

Erschienen in Bauwelt 13/2014

 

 

 

 

 

 

Die Stadtkrone als Apparat

Stadthaus, Bonn

Zukunft ungewiss: Das Verwaltungsmittelgebirge am Bonner Altstadtrand von Heinle, Wischer und Partner ist teuer zu betreiben, wäre noch teurer zu sanieren, sein Abriss aber unbezahlbar. Ist es vielleicht ein unschätzbarer Wert für Bonn?

 

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Foto: Uta Winterhager

 

Das neue Stadthaus in Bonn war schon umstritten, bevor es gebaut war. Nach dem schlechten Start widerlegte die Praxis die Städtebautheorie, und ein erbarmungsloses Altern versagte der Substanz jegliche Patina. Und doch birgt der Koloss architektonische, ja sogar künstlerische Qualitäten – nur, wie kann man die vermitteln und bewahren? Oder sollte man lieber gleich abreißen und neu bauen?

Aus der Ferne ist erschreckend, wie brachial das Stadthaus die kleinmaßstäbliche Bonner Stadtsilhouette sprengt. Aus der Nähe betrachtet, weicht das Erschrecken dem Mitgefühl: Selten sieht man so viele gute Ideen an einem Ort scheitern. Doch die Diskussion um die Zukunft des Stadthauses hat die emotionale Ebene längst verlassen. 34 Jahre nach seiner Eröffnung macht der Zustand des Gebäudes eine Sanierung notwendig, die die Baukosten übersteigen würde. Die ganz große Lösung Abriss und Neubau ist vom Tisch, denn selbst für die modifizierte Minimalsanierung fehlen der Stadt die geschätzten 138 Millionen Euro. Dessen ungeachtet kritisiert der BDA Bonn/Rhein-Sieg, dass die Stadt hier die Chance vergebe, sich eines Problems zu entledigen und der Verwaltung eine zeit­gemäße Unterbringung zu ermöglichen. So ganz ohne Geld bleibt also nur eins zu tun, das Motto umzusetzen, das sich die Bonner Werkstatt Baukultur auf die Fahnen geschrieben hat: Putzen und Benutzen. Ganz wörtlich meinen dies die jungen Kunsthistoriker, die ihr Engagement orts- und fachuntypisch, aber sehr zeitgemäß den architektonischen Problemzonen ih­rer Stadt widmen. Aber – und das ist ihrem wissenschaftlichen Hintergrund geschuldet – es gilt auch, die Reputation des Stadthauses aufzupolieren, seine Qualitäten zu vermitteln, um im besten Fall doch noch eine verspätete, wenn auch pragmatisch motivierte, Identifikation der Stadt mit ihrer eigenwilligen Krone zu entwickeln.

 

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Stadtsanierung mit Großprojekten

Mitte der sechziger Jahre hatte sich Bonn als provisorischer Regierungssitz etabliert, und der Bund begann, nach Aufhebung des Baustoppgesetzes, das Bundesneubauten in Bonn von 1956 bis 1965 untersagt hatte (natürlich gab es Ausnahmen und Tricks, mit denen das Gesetz umgangen wurde!), offiziell mit einer regen Bautätigkeit. Mit 31 Stockwerken beendete Egon Eiermanns Abgeordnetenhochhaus die Nachkriegsbescheidenheit und provozierte die Stadt mit Höhe und Modernität.

Ein lokaler Wettstreit um die Errichtung von Hoheitszeichen mag ein Aspekt gewesen sein, viel mehr aber pressierte die Notwendigkeit, die Stadtverwaltung, deren 22 Ämter zu dem Zeitpunkt auf fast fünfzig, größtenteils angemietete Gebäude im gesamten Stadtgebiet verteilt waren, endlich unter einem gemeinsamen Dach zu versammeln. Das neue Stadthaus sollte die Arbeit der Behörden effizienter machen und die Stadtverwaltung als modernes Dienstleitungsunternehmen präsentieren, das sich selbst als Kernpunkt des kommunalen Lebens begreift. Daher wurde auch nie von einem neuen Rathaus gesprochen (obwohl das Rathaus per definitionem der Ort ist, an dem sich der Ratssaal und der Hauptsitz der Verwaltung befinden), sondern von dem neuen Stadthaus mit dem Untertitel „Ein Haus für den Bürger“.

Funktional sollte der Bau sein, zugleich ein Wahrzeichen für die bürgerliche Selbstverwaltung der Stadt – also doch ein Hoheitszeichen. Angesichts des bundesdeutschen Rathaus-Baubooms dieser Jahre erschien diese Zielsetzung nicht als gefährlicher Spagat, sondern als zentrales Element zeitgemäßer Stadtplanung. So war auch die Entscheidung für den Standort, an dem eine nach dem Krieg nur halbherzig ausgebaute Verkehrsachse die Innenstadt von der Nordstadt trennte, folgerichtig. Dass dafür ein Block gründerzeitlicher Wohnbebauung samt Feuerwache geopfert werden musste und dass die geplanten Bau­massen die angrenzende Bebauung förmlich erschlagen würden, spielte in der gnadenlos zukunftsorientierten Stadtplanung jener Zeit keine Rolle.

1968 lobte die Stadt einen bundesweit offenen Wettbewerb für den Stadthausneubau mit Zuladung von Alvar Aalto (Helsinki), Arne Jacobsen mit Otto Weitling (Kopenhagen) und M.H. Burckhardt (Basel) aus. Von den 70 eingereichten Arbeiten empfahl die Jury im Juni 1969 unter Vorsitz von Harald Deilmann jedoch nicht die eines prominenten Teilnehmers, sondern votierte einstimmig für die Realisierung des Entwurfs von Heinle, Wischer und Partner aus Stuttgart, der konsequent die städtebaulichen und gestalterischen Leitlinien seiner Zeit umsetzte. Das stieß auf massive Proteste bei der Bonner Bevölkerung, wo Form, Dimension und Materialität des Entwurfs ohne das in Fachkreisen honorierte intellektuelle Rückgrat nur Angst und Ablehnung erzeugte. Allein sein Vater habe, so erinnert sich Thomas Heinle, heute selbst Partner bei Heinle, Wischer und Partner, nach dem Wettbewerbsentscheid 300 negative und eine positive Zuschrift erhalten. Gebaut wurde trotzdem. Als das neue Stadthaus schließlich im Mai 1978 eingeweiht wurde, hatte Bonn für 180 Millionen DM eines der teuersten und modernsten Rathäuser der Zeit.

Die von der Jury als geglückt bezeichnete Eingliederung des Stadthauses erreichten die Architekten, indem sie die städtebauliche Figur des Gebäudekomplexes aus jeder Straßenflucht herausgedreht haben. Auf diese Weise befreit, entwarfen sie eine metabolistisch anmutende Stadtlandschaft mit fünf Türmen auf einer erhöhten Erschließungsebene. Dass sich diese Konstellation als explizite Ablehnung des Umfeldes liest, war gewünscht, denn nur so, ohne formale, ästhetische oder räumliche Konditionen, konnte der gewünschte autarke Baukörper entstehen. Bis heute hat sich daran, trotz umfangreicher Neubaumaßnahmen im direkten Umfeld des Stadthauses, nichts geändert. Die in ihrer ursprünglichen Planung sehr groß dimensionierte Verteilerebene streckte wie ein gigantisches Insekt lange Beine und Fühler in alle Himmelsrichtungen. Mit Brücken, Passagen und Rampen sollten fußläufige Verbindungen zu zwei zentralen Plätzen der Innenstadt über die Trasse der neuen Stadtbahnlinie und die stark befahrene Maargasse (heute Berliner Platz und Oxfordstraße) zum Stadthaus und zwischen Innenstadt und Nordstadt ermöglicht werden. Drei weitere Hochhäuser sollten an die Fußgängerebene angeschlossen werden, um den traditionell benachteiligten Bereich der Nordstadt aufzuwerten und Impulse für die Verbesserung der als minderwertig betrachteten gründerzeitlichen Bebauung zu geben. Doch auch in der nach heftigster Kritik aus der Bevölkerung schließlich realisierten entschärften Variante ohne weitere Hochhäuser, in der nur noch die Stadtbahn und die Straße überbrückt werden, kann man noch die Idee der städtebaulichen Neuordnung erkennen. Der Versuch, die „autogerechte Stadt“ zu realisieren, scheiterte indes nicht auf oder unter der Platte, sondern an ihren Schnittkanten. Straßen und Trassen, PKW-Parkdecks und Haustechnik verschwinden zwar unter der 5,5 Meter hoch liegenden Platte und ihren Auswüchsen, doch erhält der Stadthauskomplex dadurch eine derart unwirtliche Ansicht, dass der Sockel insbesondere an Stellen mit unklarer Erschließung eine enorme Barrierewirkung entwickelt.

 

Skulptur-Kopie

 

Einfach wegspiegeln?

Selten sieht man solch eine Diskrepanz zwischen Plan und Bauwerk. Was im Plan, der auf einem strengen Quadratraster aufgebaut ist, durchweg schlüssig und geordnet wirkt, ist im Gebäude selbst kaum nachzuvollziehen. Selbst die fünf 3 bis 17 Geschosse hohen Türme, deren Stahlbetonskelette auf quadratischen Grundrissen aus dem Raster herauswachsen, verschmelzen bei jedem Betrachtungsabstand zu einer plumpen Masse. Obwohl die vollständig mit Leichtmetallelementen umschlossenen Erschließungstürme den in zwei Gruppen aufgestellten Hochhäusern einen deutlich vertikalen Akzent geben sollen, verdecken sie die eigentlich schlanke Kontur der einzelnen Häuser. Die in den Wettbewerbsplänen ursprünglich stark horizontale Gliederung der Ansichten durch den Wechsel zwischen Aluminium- und Fensterbändern wurde 1973 zugunsten einer spiegelnden Glasfassade aufgegeben. Offenbar doch etwas verunsichert durch die massive Kritik, die den Wettbewerbsentscheid begleitete, setzte der Stadtrat darauf, dass „bei bestimmten Wetterlagen ein Effekt entsteht, der die Verwaltungstürme gleichsam im Himmel verschwinden lässt“. Aber auch 10.000 Quadratmeter Glas konnten die 329.000 Kubikmeter Baumasse nicht verschwinden lassen, wohl aber dem Behördenapparat eine gewisse Hightech-Anmutung verleihen. Heute ist abzuwägen, ob es nicht günstiger wäre, die in die Jahre gekommenen Glaselemente und Konsolen zu demontieren, anstatt sie aus Sicherheitsgründen zweijährlich einer kostenintensiven statischen Überprüfung zu unterziehen. Dass das Stadthaus durch das Abhängen der Glasfassade deren Spiegeleffekt einbüßen würde, sähe Stadtkonservator Franz Josef Talbot allerdings mit Bedauern.

Die Erschließung des Stadthauses ist heute über Treppen und Aufzüge, Rampen und Rolltreppen wie in der ursprünglichen Planung aus allen Richtungen gleichberechtigt gegeben. Weil ihm eine Schauseite sowie jegliche andere Bezüge zum Stadtgefüge fehlen, behauptet das Gebäude seine eigene Position als neue Mitte der Stadt. Doch diese vom demokratischen Gleichheitsgedanken motivierte allseitige Öffnung wurde durch die hohe Eingangsebene konterkariert. Eineinhalb Geschosse über Straßenniveau entstand auf der Ostseite eine große Freifläche mit Verteilerfunktion, doch kein städtischer Platz. Die Fußabdrücke der Türme sind auf dieser Ebene nicht ablesbar, da hier noch zwei unregelmäßig geformte Sockelgeschosse eingeschoben wurden, an die die niedrigere der beiden Turmgruppen angestellt ist und die höhere eingeschoben wurde. In diesem Sockel befinden sich die drei am häufigsten frequentierten Ämter (Bürgerbüro, Straßenverkehrsamt und Stadtarchiv), ein großzügiges Eingangsfoyer mit Information, eine Kindertagesstätte sowie zwei Dienstwohnungen mit Gärten, kleine Ladengeschäfte und darüber die Kantine und der Ratssaal. Erschlossen wird die untere Ebene des Sockelgeschosses durch ein Netz von Wegen und Passagen, die sich in einem zentralen Lichthof kreuzen. Und spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass die Architektur die Kommunikation mit dem Besucher vollständig verweigert. Sie ist korrekt, kompromisslos und in ihrem strengen Raster erstarrt, jeglicher Ausdruck im menschlichen Maßstab ist unterdrückt. Das ist Programm, denn die Eigenlogik des Gebäudes erschließt sich nur durch die gemeinsame Betrachtung der Architektur mit ihrer künstlerisch gestalteten „Benutzeroberfläche“. Konstruktivistische Kunstwerke, Architekturfolies und grafisch gestaltete Oberflächen geben dem Gebäude durch Farbe, Materialästhetik und Licht ein Gesicht und eine Sprache. Wie wichtig die Auswahl der Plastiken und Objekte war, zeigt, dass es drei Wettbewerbe allein für die Kunst am Bau gegeben hat.

Spätestens beim Betreten der Plattform stellt sich die Kunst vor die Architektur. Hinter dem „Chronos 15“ von Nicolas Schöffer an der Ostseite und dem „Lichtwald“ von Günter Ferdinand Ris an der Südseite wird die Fassade zur Kulisse und überlässt es der Kunst, den Dialog mit den Besuchern zu führen. Hier findet nicht nur der Mensch seinen Maßstab, sondern auch das Auge, was es sucht: Halt, Ansprache und schließlich auch Orientierung. Hell abgesetzte Streifen im Pflaster weisen den Weg über die öde Platte, kleine weiße Marmorquadrate markieren die unauffälligen Eingänge.

Aus dem Lichthof, der grade mal vier Felder des Grundrasters einnimmt, öffnet sich der Blick nach oben an den spiegelnden Hochhausfassaden entlang. Die internen, den Passagen und dem Lichthof zugewandten Fassaden der Ämter sind klar verglast, um Transparenz zu signalisieren, denn nicht nur die Bürger, auch die Mitarbeiter der städtischen Verwaltung sollten sehen und zeigen, dass und wie hier gearbeitet wird. In der Praxis jedoch sind diese Durchblicke an den meisten Stellen verklebt oder verstellt; wissentlich, weil nicht jeder gerne im Schaukasten sitzt, oder unwissentlich, weil die Idee der Einblicke nicht plausibel ist. Mitten im Lichthof steht knallgelb die Bierstube „Em Stadthüsje“, nur eine Ecke weiter leuchtet rot die Kindertagesstätte, die nicht nur bunt ist, sondern mit der bekletterbaren Spielplastik von Manfred Saul und den Zahlen- und Buchstabenreliefs in der Plattierung ganz andere Signale sendet als die dunklen Durchgänge, die jeder Besucher auf dem Weg hierhin passieren muss. Diese Einbauten wie auch die vielzähligen Kunstwerke und die edle Holzvertäfelung der Wände in der Lobby vor der Kantine und dem Ratssaal haben die letzten 34 Jahre vergleichsweise gut überdauert. Die überwiegend konstruktiven Plastiken und Gemälde stammen (bis auf den „Chronos 15“) von Künstlern aus der Region und aus der Bauzeit des Stadthauses. Sie sind in ihrer Farbigkeit und Materialität wohlüberlegt ausgesucht und platziert, sorgsam beschriftet und auch über die Jahre kaum Ziel von Vandalismus geworden.

Mit der Gestaltung eines stadthauseigenen Informationssystems wurde die Arbeitsgemeinschaft R. Müller, München, und Stankowski + Partner, Stuttgart, beauftragt. Der Maler, Fotograf und Grafiker Anton Stankowski, der unter anderem auch das Logo der Deutschen Bank entwickelt hat, machte keinen Unterschied zwischen freier und angewandter Kunst. So fügte sich auch das von ihm mitentwickelte „stumme“ Informationssystem schlüssig in die künstlerische Benutzeroberfläche des Gebäudes ein. Doch mit den Jahren scheint das Farbleitsystem erodiert zu sein, vielleicht entspricht es auch schlichtweg nicht mehr unseren heutigen Sehgewohnheiten.

Im gesamten Stadthaus gibt es derzeit rund 1500 Arbeitsplätze, die meisten in den 42 quadratischen Bürogeschossen der fünf Türme. Da die Stadt ihre Verwaltung mit dem Neubau wesentlich moderner und effizienter machen wollte, setzte sie neueste arbeitsmedizinische Erkenntnisse in Großraumbüros mit 45 Arbeitsplätzen auf einer Fläche von 25 x 25 Metern um. Durch die Erschließungstürme werden die Ebenen nicht nur vertikal, sondern auch horizontal verbunden, was eine größere Flexibilität bei der Grundrissgestaltung ermöglicht. Durchgängig findet sich noch heute auf allen Geschossen das Mo­biliar des ursprünglichen Einrichtungskonzeptes: Gelbe, stoffbespannte Trennwände in zwei unterschiedlichen Höhen bilden die Kojen, in denen sich die einzelnen Mitarbeiter bzw. Teams eingerichtet haben, grüne Aktenschränke und Garderobenständer, auffallend viele und große Grünpflanzen, hellgraue Tische und braungrauer Teppichboden. Die Investition von 7 Millionen DM in hochwertige Ausstattung hat sich, wie es scheint, gelohnt. Ersetzt wurde in über 30 Jahren außer den Schreibmaschinen kaum etwas. Doch viele Mitarbeiter fühlen sich hier nicht wohl. Die Haustechnik ist von vorgestern, die Büros sind vollgestellt und verbaut, der Platz für Material und Mitarbeiter wird knapp. Natürlich gäbe es – theoretisch – die Möglichkeit, die Peripherie des Stadthauskomplexes zu bebauen, doch so ganz ohne Geld in der Stadtkasse wird das erst einmal nicht passieren. Ihre Hausaufgaben hat die Stadt gemacht: Planungen und Kostenschätzungen aller möglichen Sanierungs-, Abriss- oder Neubaumaßnahmen liegen vor – es fehlen allein die Mittel, irgendetwas ganzheitlich zu realisieren. Noch nicht einmal ein klares Bekenntnis pro oder contra kann oder will sich die Stadt derzeit leisten.

Und da kommen wieder die Kunsthistoriker der Werkstatt Baukultur ins Spiel. Um die Vermittlung der seltsamen Eigenlogik dieses Gebäudes haben sie sich mit zahlreichen Veröffentlichungen und einer Podiumsdiskussion selbst gekümmert. Wenn sie nun zum „Putzen und Benutzen“ aufrufen, so gilt das der Stadt als Hausherr. Man muss vor dem Erbe der Nachkriegsmoderne nicht kapitulieren, man muss es verstehen. Auch als Denkmal.

 

 

Uta Winterhager

Fakten
Architekten Heinle, Wischer und Partner, Köln
Adresse Berliner Platz 2 53103 Bonn
erschienen in Bauwelt 40-41.2012

Alle wollen Grün

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Nach dem Krieg waren die Menschen froh, wenn sie endlich wieder ein Dach über dem Kopf hatten. In der Siedlung Ostheim II konnten sie sogar den Luxus eines eigenen Badezimmers genießen. Doch noch vor zehn Jahren heizten die Menschen hier mit Braunkohle. So schlecht war die Substanz, dass nur noch Abriss und Neubau halfen. Jetzt ist der Buchheimer Weg pastellgrün, preisgekrönt und wer dort wohnt, findet es einfach schön.

Die Siedlung am Buchheimer Weg wurde zwischen 1954 und 1958 von der Gemeinnützigen Aktiengesellschaft für Wohnungsbau GAG im Rahmen des Entbunkerungsprogramms gebaut. In Köln herrschte große Wohnungsnot und auch zehn Jahre nach Kriegsende hausten viele immer noch kaum menschenwürdig in Bunkern, Ruinen und Behelfsheimen. Es musste also viel, schnell und günstig gebaut werden. Die Wohnungen waren zwar klein, eine Wohnküche, zwei Schlafzimmer und ein Bad, boten aber deutlich mehr Raum als die 4 qm, die die Besatzungsmächte jeder Person zugestanden hatten. Die Kohleheizung entsprach dem damaligen Standard, die Wäsche wurde im Waschhaus gewaschen und dort auch getrocknet. Die 18 Häuser waren schlicht, dreigeschossig mit Hochparterre und Satteldach, pastellfarbige Fassaden sollte die schlichte Architektur aufwerten. Als Zeilen ohne strenges Raster angeordnet, blieben zwischen den Gebäuden großzügige Grünflächen, die in ausgewiesenen Bereichen auch zum Spielen genutzt werden konnten.

Ostheim liegt rund 25 Straßenbahnminuten Dom entfernt am östlichen Stadtrand, und außer dem Rhein, mehreren Eisenbahnsträngen und den Brachen der halbtoten Industrie scheinen noch Welten dazwischen zu liegen. Wer nicht in Ostheim wohnt, weil er dort wohnen muss, fährt dort auch nicht hin. So hatte Rudolf Schwarz, der nach dem Krieg als Generalplaner mit dem Wiederaufbau der Stadt betraut war, die Zukunft wohl nicht im Sinn. Er ließ Neubaumaßnahmen in Form rationeller Großsiedlungen dort planen, wo sie seiner Ansicht nach städtebaulich und sozial hingehörten: an den Rand der Stadt, wo es damals noch eine hohe Konzentration von Arbeitsplätzen gab. Doch mit dem Bau einer Hochhaussiedung in den 70er Jahren spitzte sich die Situation in Ostheim zu, seitdem trägt Stadtteil wie viele rechtsrheinische Quartiere den Stempel sozialer Brennpunkt. Ein Brennpunkt war die Siedlung am Buchheimer Weg allerdings nie, es war einfach keine „gute“ Gegend, denn wer bezieht heute noch eine Wohnung ohne Heizung?

Doch die GAG, die immer noch Eigentümerin der Siedlung ist, wollte die Menschen dort nicht alleine lassen, auch wenn sie das „gemeinnützig“ inzwischen nicht mehr in ihrem Namen trägt. Mehre Architekturbüros beauftragte sie 2005 zu untersuchen, wie die Situation am Buchheimer Weg nachhaltig verbessert werden könnte. Das Kölner Büro ASTOC überzeugte mit der tabula-rasa-Lösung Abriss und Neubau. So schlecht war die Substanz der Häuser, so veraltet die Ausstattung und der Zuschnitt der Wohnungen, so wenig qualitätvoll die Außenräume, dass eine Sanierung sehr aufwändig und kostspielig geworden wäre, ohne zu einem wirklich guten Ergebnis zu führen. Fünf Jahre hat die Realisierung dieses Vorhabens dann gedauert, bis 2012 der letzte der drei Bauabschnitte abgeschlossen war. Sukzessive wurden die Bewohner umgesiedelt, während abgerissen und neugebaut wurde. Heute wohnt in der Siedlung noch etwa die Hälfte der früheren Bewohner und wenn man sie fragt, wie es ihnen hier gehe, kommt immer die gleiche Antwort: Es ist einfach schön.

Auch heute stehen auf dem Gelände wieder 18 Häuser, fast auf dem Fußabdruck ihrer Vorgänger, doch eben nur fast. Denn die Gebäude, die vorher durch kleine Versprünge gegliedert wurden, kennzeichnet heute ein leichter Knick. Was im Plan früher erratisch und im Erleben unstrukturiert wirkte, erzeugt heute einen dynamischen und kommunikativen Eindruck, die Häuser sind einander zugewandt und bilden ein Netz von Zwischenräume aus, das vielfältige Nutzungsmöglichkeiten bietet. Der vorhandene Raum konnte mit den Neubauten weitaus effizienter genutzt und die Zahl der Wohnungen um 25 % auf 434 angehoben werden, ohne dass man dem Quartier die Nachverdichtung ansehen würde – für die Bauherrin kein unwesentliches Detail. Denn heute sind die Häuser viergeschossig, die Erdgeschosse liegen auf Straßenniveau und die Dächer wurden als flache Pulte ausgebildet. Die 434 Wohnungen haben ein bis vier Zimmer (oder 50 – 90 qm), sie sind barrierefrei mit bodentiefen Fenstern und Balkonen – und alle sind öffentlich gefördert.

Markant ist die grüne Farbe der Häuser, genau betrachtet sind es sogar fünf Schattierungen des pastelligen Grüns, die jeweils am Knick wechseln und auch an trüben Tagen ein irgendwie bewegtes, lebendiges Bild erzeugen. In diesem Teil von Köln ein wirkliches Alleinstellungsmerkmal.

Eine einspurige Ringstraße erschließt die Siedlung, doch viel Verkehr herrscht hier nicht, Parkplätze gibt es in ausreichender Zahl, da die meisten PKW in den drei Tiefgaragen abgestellt werden. So bleibt oben Platz für Spielplätze und Treffpunkte im Grünen und für die äußerst begehrten Mietergärten (Freiraumplanung: urbane gestalt johannes böttger landschaftsarchitekten, Köln). Durch den Knick in den Häusern entstehen hofähnliche Situationen, die eine gewisse Intimität besitzen, aber dennoch durchlässig wirken, weil sie über Wege und Blickachsen miteinander verbunden sind, dies jedoch nicht nur innerhalb der Siedlung, sondern auch nach außen in die angrenzenden Nachbarschaften. So gibt es in der neuen Planung keine dunkeln, unheimlichen Ecken, keine no-go-areas mehr. Soziale Kontrolle im Siedlungsbau ist wichtig, viel konnte man hier aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Schon bei der Planung setzte man darauf, dass intakte Nachbarschaften – so auch der teilnehmende Blick aus dem Fenster – ein äußerst wirkungsvolles Instrument gegen Vandalismus und Kriminalität darstellen. Und wie die Vorgärten und Gärten zeigen, die nur durch einen niedrigen Maschendrahtzaum und Ligusterhecken eingefasst werden, findet ein wichtiger Teil des Lebens dort draußen statt: zwischen Gartenmöbeln und Kinderspielzeug, einer Brunnen-Attrappe und Deutschlandflaggen, einem einsamen Schneewittchen und einem intensiv bewirtschafteten Gemüsegarten. Natürlich liegt da auch mal ein Müllsack, der noch nicht den Weg in die durchweg dreisprachig beschrifteten Tonnen gefunden hat.

Die GAG nimmt ihre soziale Verantwortung ernst, macht weitaus mehr, als nur Wohnraum zur Verfügung stellen. Mitten in der Siedlung gibt es ein Mietercafé, dort treffen sich die jungen Mütter mit ihren Babys zur Krabbelgruppe, Senioren zum Kaffee, Schulkinder bekommen dort kostenlos individuelle Nachhilfe, es gibt ein Wohnheim für Menschen mit Behinderung und eine Wohngruppe für Demenzkranke. Nur eine Ecke weiter öffnen stundenweise die Kleiderstube und die Lebensmittelausgabe. Betreut und organisiert werden diese Angebote von Vereinen und caritativen Verbänden, deren Arbeit die GAG unterstützt.

Dass die „grünen Häuser mit Knick“ bei den Mietern ungeheuer populär sind, liegt nicht nur daran, dass man hier für eine Kaltmiete von 5,44 €/qm sehr schön wohnen kann, sondern – und das belegen die zahlreichen Architekturpreise und das große Interesse der Fachpresse – dass hier exemplarisch eine Antwort auf die Frage gefunden wurde, wie mit dem Siedlungsbau-Erbe der Nachkriegsjahre nachhaltig umzugehen ist. Ein Thema, mit dem sich derzeit viele Städte auseinandersetzen müssen. Bemerkenswert ist hier der Mut noch einmal neu anzufangen, um dem Buchheimer Weg eine Chance für morgen zu geben.

Und dann beklagt sich das ältere Ehepaar aus der Erdgeschosswohnung mit dem großen Garten, dass von dem neu gepflanzten Ahorn so viele Nasen auf ihren Rasen fallen. Das ist ganz wunderbar, denn wenn die Leute hier nur noch solche Probleme haben, wurde doch alles richtig gemacht.

 

Uta Winterhager

 

Fürs Protokoll noch die Auszeichnungen:
Kölner Architekturpreis 2014, Auszeichnung;
Urban Living Award 2013, Nominierung;
Deutscher Städtebaupreis 2012, Auszeichnung;
Modern Atlanta Prize for Green Dwelling 2012, Auszeichnung;
Deutscher Bauherrenpreis 2011/2012;
Darüber hinaus erhielt das Projekt auch den Sonderpreis für Freiraumgestaltung im Wohnungsbau beim Deutschen Bauherrenpreis 2011/2012

 

 

 

 

 

Dieser Beitrag erschien im März 2015 in der Sonderausgabe der stadtaspekte, die in Zusammenarbeit mit der Bundesstiftung Baukultur herausgegeben wurde