Was der Ziegel will und was er kann

Der Ziegel will einen Bogen und der Architekt will aus ihm ein wachstümliches Gewebe machen. Für das Mauerwerk am ROM.HOF in Bonn verfasste Uwe Schröder ein Regelwerk, das auf der Baugeschichte fußt, Fehler fordert und den Zufall kontrolliert. Damit erwecket er die Wand zum Leben.

 

Der Brunnen im oberen Hof © Foto Uta Winterhager

 

An einer Straße, die hier, wo die Stadt nicht mehr richtig Stadt aber auch noch nicht richtig Land ist, viel zu breit erscheint, steht der ROM.HOF. Ein ungewöhnlicher Name, fast eine Formel für ein Gebäude, dessen lautes Schweigen nicht vernehmen lässt, dass es für Studenten gebaut wurde. Schon der Ort ist ungewöhnlich für diese Nutzung, vermutet man die Studenten doch in der Innenstadt. Aber dort sind die Wohnungen längst zu teuer, die Häuser saniert und verkauft, sodass die, die weniger Geld haben, an den Rand rücken. Doch Bonn ist klein und mit dem Fahrrad sind es nur wenige Minuten zum Unicampus. Schlimmer jedoch als die gefühlte Distanz ist die Nachbarschaft, die es hier zwischen Dransdorf und Endenich nicht oder zumindest nicht in städtischer Intensität gibt. So erklärt sich das erste Phänomen, die klösterliche Strenge, mit der der Ende 2013 bezogene Bau sich von seiner Umgebung abgrenzt und auf sich selbst konzentriert. Ein paar Meter rückt er vom Gehweg nach hinten, sodass Platz entsteht, ihn in ein Passepartout aus grauem Basaltstein zu setzen. Die Ordnung der vier Geschosse und elf Achsen jeder Ansicht ist unbezwingbar, auch wenn die Topografie das unterste Geschoss der Straßenfront in einer Böschung verschwinden lässt. Drei Geschosse bleiben noch, eine gemäßigte Höhe wie rechts und links auch. Doch hier ist das Dach flach und die Hülle perfekt, glatt und ebenso stoisch wie das Raster der Öffnungen, das sie perforiert. Zwei Geschosse hoch ist das Tor in der Mittelachse, dessen Rundbogen die Fensteröffnungen in einem endlosen Rapport wiederholen. So sieht kein Wohnhaus aus, so erinnert es an Gemälde und Bühnenbilder längst vergangener Epochen. Doch um den ROM.HOF zu verstehen, muss man ihm so nahe kommen, dass das warme Gelb seiner Ansicht als Ziegelwand erkennbar wird. Denn es ist der Stein, die kleinste Einheit, die das Ganze bestimmt.

Die Feuerstelle im unteren Hof. Die Werkplanung war aufwendig, es gab ein Arbeitsmodell im Maßstab 1:50, Wandabwicklungen in 1:25 und Details in 1:5 und 1:10, der Feuerstelle und der Brunnen wurden sogar 1:1 gezeichnet. © Foto Uta Winterhager

 

Haus und Höfe

Das große Tor führt auf einen zentralen Hof, der die Straßenansichten wiederholt. Mehr als das sogar, mit maximaler Konsequenz wird die Ziegelhaut hier auch zum Material für Böden und Mobiliar. Das als Querriegel in den Binnenraum eingestellte Waschhaus, in dem auf drei Etagen gekocht, gegessen, gewaschen und gespielt wird, ist nicht nur das geometrische Zentrum, sondern auch das Herz des Hauses und seiner Gemeinschaft. Von hier aus nimmt die Privatheit radial zu. Alle 93 Studentenzimmer werden über die auf die Höfe gerichteten Laubengänge und die in den Ecken liegenden Treppenhäuser erschlossen. Die Wände sind geputzt und kartonfarben gestrichen, der Boden ein dunkler Asphalt, auf dem das Wetter Spuren hinterlassen hat. Die kleinen Wohnungen sind fast neutral, zweckmäßig in Grau und Weiß. Erst das kleine Studiolo, wie die intime Loggia an der Außenfassade genannt wird, die jedem Zimmer vorgelagert ist, ist wieder bunt. Purpur, Grün oder Blau, die Lage im Haus bestimmt die Farbe. Nur um die Fensterlaibung  erscheint ein Kranz von Ziegeln und erinnert an draußen.

 

Die Botanik der Wand unterliegt strengen Regeln © Foto Uta Winterhager

Die Botanik der Wand

Die Ziegel sind ein Brückenschlag zurück in die Stadt, in den Campus der Uni, der aus Gebäuden zusammengewachsen ist, deren preußische Bauherren die Widerstandsfähigkeit des Materials schätzten. Auch hier finden sich Fassaden in Rot und Gelb, gestreift oder akzentuiert, doch von klassischer Schwere. Eben diese Gewichtigkeit möchte Uwe Schröder am ROM.HOF auflösen und die Wand als etwas Organisches, etwas Wachsendes darstellen. Die Wasserstrichziegel aus dem Teutoburger Wald sehen mit ihrer programmatischen Unperfektion aus wie handgemacht, das Dünnformat erzeugt ein dichtes Fugennetz. Der Ziegel bietet mit seiner Farbigkeit, seinenr Oberfläche und Geometrie vielfältige Möglichkeiten etwas zu entwerfen, das als Zufall oder geplanter Fehler von der vorgesehenen Ordnung abweicht. Und genau diese Mittel setzte Uwe Schröder ein, um die Wand zu einem wachstümlichen Gewebe zu machen, das seine erdverbundene Schwere nach oben in feinen Verästelungen verliert.

 

Kein Zufall in der Ecke © Foto Uta Winterhager

Die Kontrolle des Zufalls

Doch wie plant man eine solche Wand, die handwerklich, Stein für Stein, Fuge für Fuge hergestellt werden muss? Es war ein Abenteuer, sagt Projektarchitekt Matthias Hiby, eine lange und mühsame Annäherung während alles – so auch der organische Farbverlauf – zeichnerisch und am Modell erprobt wurde. Dabei zeigte sich, dass eine bloße Addition der Joche als Musterrapport ungewünschte Moirés erzeugte. Schließlich führte die mathematische Analyse von Zeichnungen des gewünschten Bildes einer fertigen Wand zu einer Kurve mit einem negativ exponentiellen Verlauf, an der die Architekten das Verhältnis von Rot und Gelb für jede Ziegellage exakt ablesen konnten. Hierauf basierend wurde ein komplexes Regelwerk entwickelt. Darin vorgegeben sind im Sockelbereich zahlreiche rote Steine, deren mit dem Abdruck des Förderbandes markierte raue Fußseite als Sichtseite eingesetzt wurde. Kein Fehler sondern Stilmittel, und wer den Bezug zur Baugeschichte herstellen möchte, erkennt darin ein Bossenwerk, ein Mauerwerk aus Natursteinquadern, deren Stirnseite zur repräsentativ-wehrhaften Gestaltung der Fassade nur grob behauen (bossiert) ist. Einige rote Steine wurden planmäßig mit der Lagerseite nach außen eingesetzt, gelbe Steine dagegen findet man nur liegend und je weiter man nach oben schaut, auch häufiger als Halbsteine. So verdichtet sich das Fugennetz nicht nur durch die Gesetze der Perspektive, sondern tatsächlich.

 

Die Intelligenz des Handwerks

Bis zu fünf Maurerkolonnen arbeiteten gleichzeitig auf der Baustelle. Um die Theorie des Regelwerks und seine Kommunikation in der Praxis zu testen, wurde zunächst ein relativ verdeckt liegender Aufgang einer Rampenwand nach Plan gemauert. Erst nach seiner Abnahme durfte mit den Fassaden des Hauses begonnen werden. Das aus dem Regelwerk entwickelte Musterhandbuch wurde auf Papier und als Daten auf die Baustelle geliefert. Dort markierten sich die Maurer zunächst die Lage der senkrechten und großen Steinformate mit Farbe auf dem Kernrohbau, um dann plangenau darauf zuzuarbeiten. Natürlich entspricht die Wand heute nicht exakt der Zeichnung, das, wussten die Architekten, konnten sie kaum erwarten. Was sie jedoch von den Handwerkern gefordert hatten, war die Akzeptanz und Darstellung ihrer Idee der organischen Wand. Selten nur, wo dies nicht gelungen war, musste rück- und neugebaut werden. Und ohne überheblich zu klingen, sagt Hiby, dass die Architekten von der Intelligenz des Handwerks positiv überrascht wurden und der Zeitplan nur durch den strengen Winter etwas verzögert wurde.

Auch für Uwe Schröder war sein erster Bau mit Rundbögen eine technische wie inhaltliche Herausforderung, da mit einem Bogen doch eine ganz andere Aussage getroffen wird als mit einem scheitrechten Sturz © Foto Uta Winterhager

Auch für Uwe Schröder war sein erster Bau mit Rundbögen eine technische wie inhaltliche Herausforderung, da mit einem Bogen doch eine ganz andere Aussage getroffen wird als mit einem scheitrechten Sturz.

 

Der Wille des Ziegels

Wer die Möglichkeiten des Ziegels so genau betrachtet wie Uwe Schröder beim ROM.HOF, für den ist der Rundbogen über allen Fenstern und Türen konstruktiv logisch und damit gesetzt. Bedingt durch die große Zahl gleicher Öffnungen, gab es auf der Baustelle fünf gleiche Lehrbögen und die Vorgabe, dass die Rollschicht jedes Fensters mit der gleichen Anzahl Steine gemauert sein muss. Auch für die zum Teil mehrere Meter tiefen Torbögen wurden ein schmaler Lehrbögen gebaut, der mit dem Baufortschritt nach vorne wanderte.

Der ROM.HOF ist ein Gebäude äußerster Konsequenz, an dem auch kleinste Versetzungen der Ziegelhaut konstruktiv abgearbeitet wurden. Gemauerte Stürze finden sich also auch über Bewegungsmeldern, Wasserauslässen, Lampen und dem Briefkasten – ob das praktisch Sinn macht, ist hier keine Frage. An schwierigen Stellen, etwa dort wo der Verband an den Bogen anschließt, wurden die Steine auf ein passendes Maß gesägt. Formsteine wurden nur für die Köpfe der Rampenmauern angefertigt.

 

Der gemauerte Sturz über dem Rohrauslass © Foto Uta Winterhager

Die letzte Konsequenz

Wenn ein Architekt für seinen Entwurf selbst ein so strenges Regelwerk entwirft, wird die Umsetzung externer und allgemeingültiger Vorschriften der Bauphysik oder des Brandschutzes zu einer besonderen Herausforderung, auch wenn es sich nur um kleine Details handelt wie die durch den Aufbau der Wand bedingten Belüftungsöffnungen. Bauphysikalisch notwendig sind sie nur, wo sich eine Vorsatzschale an einer warmen Wand befindet. Nicht also an den Außenfassaden, wo die Loggien vorgestellt sind oder an den drei Seiten der Höfe, an denen die Laubengänge liegen, sondern nur an der Fassade des Waschhauses. Doch weil die offenen Stoßfugen auch in der lebendigen Wand ins Auge fallen, wurden sie spiegelsymmetrisch an allen vier Seiten beider Höfe ausgeführt.

Der ROM.HOF ist ein Konstrukt aus Theorie und Praxis, aus Geschichte und Handwerk, das ein wenig fremd wirkt in unserer Zeit und an diesem Ort. Sowie das Bauen ein Abenteuer war, ist auch das Wohnen darin eines. Das passt zum studentischen Leben, dem die Bereitschaft zum Experiment noch nicht abhanden gekommen ist.

 

Uta Winterhager

 

Der Beitrag erschien in Heft 4/2017 der DBZ unter dem Titel „Abenteuer Ziegel, Der ROM.HOF, Bonn“

 

 

 

 

 

 

Dem Tunnel das Dunkel abgewöhnen

Domumgebung Ost mit Dionysoshof und Baptisterium, Allmann Sattler Wappner, 2002 – 2017

Als der Entwurf von Allmann Sattler Wappner sich 2002 in der zweiten Runde des Werkstattverfahrens Dionysoshof/Baptisterium gegen Rem Koolhaas durchsetzen konnte, wussten weder das Münchner Büro noch die Verantwortlichen bei der Stadt Köln, dass es noch 15 Jahre dauern sollte, bis alles ein gutes Ende nehmen sollte. Doch vielleicht ahnten sie es, denn der bearbeitete Bereich der östlichen Domumgebung ist bei genauerer Betrachtung mehr als nur eine Schnittstelle, so vieles kommt hier zusammen, das nicht zusammenkommen mag. Christliches und Weltliches, Oben und Unten, Verkehr und Kunst, Geschichte und Gegenwart, Autos und Fahrräder, Vandalismus und Weltkulturerbe, Lärm und der Wunsch nach Stille. Und damit ist sicher noch nicht alles genannt, doch es zeigt, wie schwierig es war, an dieser Stelle in der Stadt zu bauen, auch wenn eine Verbesserung dringend Not tat.

Weniger Platte, mehr Hügel? © Uta Winterhager

 

Geben und Nehmen

Zunächst fehlte der Stadt das Geld und das ambitionierte Projekt ruhte Jahre, wurde 2009 technisch überarbeitet und dennoch wurde der Fördermittelantrag für das Investitionsprogramm Nationale UNESCO-Welterbestätten vom BMVBS abgelehnt. Doch die Ablehnung enthielt auch einen Hinweis darauf, es im folgenden Jahr mit einem städtebaulichen Gesamtkonzept für die Domumgebung noch einmal zu versuchen. Und damit wurde es kompliziert, denn auch in der lokalen Planerszene lehnten viele das Konzept ab. Klärung und Einigung sollte ein von Peter Zlonicky moderiertes Beteiligungsverfahren bringen. Über drei Monate saßen dann die Vertreter von Stadt und Dom, die Direktoren und Intendanten der anliegenden Kulturinstitutionen, die Architekten und – für den Ausgang nicht unwesentlich – auch die Architekten des Museum Ludwig-Philharmonie-Komplexes Peter Busmann und Godfrid Haberer und Christian Schaller, der Sohn des Domplattenarchitekten Fritz Schaller. Allmann Sattler Wappner waren nicht mit einem extravaganten Entwurf aufgetreten, eher im Gegenteil, ihren Ansatz zeichnete eine ungewöhnliche Rigorosität aus, mit der sie Substanz wegnahmen, statt viel zu bauen. Doch die Kanten, die sie in dieser frühen Phase damit erzeugt hatten, erschienen vielen zu harsch, sie wünschten sich, dass an dieser Stelle nicht die Härte der Domplatte, sondern die weiche Topografie des historischen Domhügels ersichtlich würde. Und es wurde um Flächen gefeilscht, denn mit jedem Meter, den der Tunnel, der durch die Überbauung der Straße Am Domhof mit dem Museum Ludwig entstanden ist, gekürzt wird, reduziert sich auch die Platzfläche oben. Jeder verteidigte hier sein Terrain, sein Urheberrecht, seine Ehre und Ludwig Wappner gesteht, dass er sich in dieser Phase des Verfahrens zu oft wie ein kleiner Schulbub behandelt fühlte. Der konstruktive Ansatz, den Peter Busmann mit in das Verfahren brachte war, die Straße von vier auf zwei Fahrspuren zu reduzieren und sie mit den Radwegen zwischen die Stützen zu legen, so dass zu beiden Seiten breite Fußgängerboulevards entstehen würden. Dass dies funktionieren würde, glaubte zunächst niemand, doch wegen einer Baustelle am Kurt-Hackenberg-Platz wurde der Verkehr im Tunnel auf zwei Spuren reduziert und die Praxis zeigte, dass es nur an Weihnachten etwas eng wurde. Mit dieser Maßnahme bot sich Allmann Sattler Wappner nun deutlich mehr Raum, den Tunnel, der nach der Beschneidung  mit einer Länge von 79,70 Metern eigentlich auch formal gar kein Tunnel mehr ist, mit einem kulturellen Mehrwert zu gestalten.

 

Ein Tunnel ist ein Tunnel – mit Schaudepots und Licht aber weniger Angstraum © Uta Winterhager

 

Räume und Wände

Viele kleine und große Entscheidungen sind in diesem Prozess diskutiert worden, das von Allmann Sattler Wappner daraus entwickelte Gesamtkonzept, das auch den Bereich auf der Bahnhofsseite, und zwei weiter umfasst, wurde 2010 schließlich im Plenum abgesegnet und dann doch von der UNESCO anteilig gefördert. Wichtig, und da sind sich wohl alle Teilnehmer einig gewesen, war, dass sämtliche Flächen, die den Raum auf dem unteren Niveau flankieren, eindeutig zuzuordnen sein müssen. Relativ eindeutig war die Situation in den Bahnbögen unter Gleis 1, hier wurde die Abbruchkante anthrazitfarben verkleidet und knüpft an die von Busmann Haberer in den 70er Jahren geplanten Bahnüberdachungen an, darunter soll eine Gastronomie Passanten zum Bleiben ermutigen. Mit dem Abbruch der Platte wurde der Sockel des Werkstattgebäudes des Museum Ludwig freigelegt. Er wurde nun wie das Museum mit rotem Ziegel verkleidet, so dass das Museum an dieser Stelle eine deutliche Erdung erfährt. An dieser Wand setzt eine großzügige Treppe aus Sichtbeton an, sie genau auf den Eingang des Museums  führt. Auch sie wurde auf besonderen Wunsch des damaligen Direktors Kasper König sozusagen als Entschädigung für die verlorene Platzfläche hinzugefügt. Die Untersicht der Überbauung ist rein weiß, auch tagsüber wird sie angestrahlt, um Angst hier gar nicht mehr aufkommen zu lassen. Die weiße Verkleidung zeigt sich auch am Sturz des Tunnelmundes und hängt auf der Museumsseite wie ein Tischtuch herunter. Hier, wo sich alle eigentlich eine durchgehende Medienwand gewünscht hätten, blieb aus finanziellen Gründen ein Medienband, das, wenn die Monitore montiert sind, Museum Ludwig und Philharmonie bespielen werden.  Der Domsockel, dessen krude Betonkante nie ein würdiges Ambiente entstehen ließ, ist nun durchgehend mit Nagelfluh verkleidet. Während Schaller die äußere Schicht glatt schalen ließ, nahm er mit einer starken vertikalen Struktur der inneren Schale Bezug auf den Dom. Heute sind beide Schalen glatt, doch wo an der Biegung zum Bahnhof die Treppe mit großem Schwung und großer Geste nach oben führt, kann man den Verlauf von Höhenlinien erahnen, die wie gewünscht die nun sanftere Topografie des Domhügels nachzeichnen. Doch der Domhügel in seiner modernen Auslegung ist funktional, er ist begehbar und kommunikativ, im Bereich der Überbauung und auf der dem Bahnhof zugesandten Seite wurden tiefe Schaudepots angebaut, die die Dombauhütte und das Römisch-Germanische Museum nutzen werden, um auch hier unten Präsenz zu zeigen. Es ist eine durchaus freundliche Geste, die Passage nicht mit einer geschossenen Wand, sondern mit Inhalten, Ortsbezug zu gestalten, wirklich lebendig wird der Ort dadurch aber noch nicht.

 

Ohne Ritzen und Nischen, damit das Sauberbleiben glingt © Uta Winterhager

Licht und Schatten

Das Baptisterium, das älteste bauliche Zeugnis frühen Christentums in Köln, wurde über Jahrzehnte vernachlässigt, in seiner Höhle unter der Domplatte fast vergessen. Kaum jemand, der Gutes vorhatte, verirrte sich noch dort herunter, so schlimm wurde es zeitweilig, dass die Stadt den Hof mit einer Betonplombe verschloss. Nun liegt der Eingang frei im Domsockel vor der Überbauung, doch gut geschützt hinter einem Tor aus Bronzeguss.  Davor steht, provokant und ein wenig im Weg, der bronzene Dionysos (Hans Karl Burgeff ,1973). Die Piscina, das achteckige Taufbecken liegt geborgen, aber einsehbar an seinem Fundort. Der Raum ist bis an die Öffnung zur Straße mit gefalteten Goldbronzeplatten, die an die Vorhänge des historischen Baptisteriums erinnern, ausgekleidet. Fast könnte man diesen Ort im Trubel der Stadt übersehen, doch sobald es dunkler wird, fallen Lichter durch das Gitter auf den Fußweg. Die „zwei, drei Szenen für das Baptisterium“ hat der Künstler Mischa Kuball entworfen und lässt hier endlich etwas passieren, dem man sich nur schwer entziehen kann. Was kann die Kunst für den öffentlichen Raum tun, diese Frage muss man an einem Ort wie diesem, wo sie so etabliert und so geballt auftritt, fragen, und sie dann zu einem Werkzeug zu machen.

 

Der nächste Schritt wird die Fertigstellung des Kurt-hackenberg-Platzes sein © Uta Winterhager

 

Die Stadt Köln und alle Beteiligten wollten sich den öffentlichen raum der östlichen Domumgebung zurückholen, der ihnen über die Jahre entglitten war. Viele haben daran mitgewirkt, dass die an dieser Schnittstelle aufeinander treffenden Kräfte nicht mehr gegeneinander, sondern miteinander wirken.

Nur einem Phänomen stehen sie alle ein wenig machtlos entgegen, sie können diejenigen, die für die Atmosphäre eines Ortes nicht empfänglich sind, nicht umerziehen. Vielleicht sind es weniger geworden, die sich nun ausgerechnet hier erleichtern müssen, aber darüber sieht man den der Welt leicht entrücken Gott des Weines, der Fruchtbarkeit und der Ektase immer noch ein wenig schmunzeln.

 

Peter Zlonitzky | Es ist zwar scheinbar nur eine kleine Lösung, doch schon die hat allen Beteiligten viel abgefordert. Jeder sollte sich in seinem Anliegen ernst genommen fühlen und dennoch bereit sein einen Schritt zurückzutreten, um auf das gemeinsame Große zu schauen. Das ist der eigentliche Erfolg des Verfahrens. 

 

Uta Winterhager

 

Der Beitrag erschien zunächst in Bauwelt 15 | 2017 „Das Wunder von Köln“

 

 

 

 

 

Das Museum ist ein öffentlicher Raum

Museum Ludwig Peter Busmann und Godfrid Haberer 1975-1986

Mitte der 70er Jahre herrschte um den Dom herum ein kleiner Bauboom. Berührungsängste, die heute mancher vielleicht spüren mag, kannte man kaum, dafür stellt man sich mit Mut große Aufgaben. Die Domplatte war fertig, das Römisch-Germanische Museum eröffnet, die neue Stadt hatte deutlich Gestalt angenommen. Und doch klaffte zwischen Dom und Rhein eine Lücke. Hier sollte ein großes Zeichen für den Neubeginn gesetzt werden: ein Komplex aus zwei Museen und einer Philharmonie. Gut hätten es auch drei Häuser an drei Standorten werden können, doch die Stadt wollte das eine große Ding und damit auch noch ein erhebliches städtebauliches Problem lösen.

Zwischen der Kante der Domplatte im Osten und der Rheinuferstraße hatte sich ein Vakuum gebildet, das temporär als Bushof genutzt wurde. Geballte Kultur schien ein geeignetes Mittel, den Stadtgrundriss mit Masse und Inhalten zu füllen. So lobte die Stadt, die eigentlich selbst nicht so recht an eine Lösung glaubte, 1975 einen Ideenwettbewerb aus.

Wettbewerbsmodell von Busmann + Haberer entnommen aus dem Buch „Zwischen Dom und Strom“

Die Kölner Peter Busmann und Godfrid Haberer schieden in der ersten Runde aus. Scheinbar unbeeindruckt durch die unmittelbare Nachbarschaft des Domes, hatten sie zu Füßen seines Ostchores eine bewegte Sheddachlandschaft platziert, die die Kleinteiligkeit der rekonstruierten Altstadtkulisse in zeitgemäßer Weise fortschreiben sollte. Doch die Architekten wollten hier kein Gebäude errichten, sondern ein Stück Stadt schaffen, eine dem Fußgänger vorbehaltene aufgelöste Struktur mit Plätzen und Wegen, die sich bis an die Kante der Domplatte heran mutig in die Zwischenräume schiebt, verdichtet und verbindet, um sich vis-à-vis mit großzügiger Geste zum Rhein zu öffnen. Doch mit ihrer Traufe lagen Busmann und Haberer gut acht Meter höher als das zum Maßstab gemachte Hotel Mondial. Dass das nicht das Ende war, ist dem damaligen Dombaumeister Arnold Wolff zu verdanken, denn dem, so erinnert sich Godfrid Haberer, gefiel die Idee mit der neuen Bebauung so mittelalterlich nah an den Dom heranzurücken. Mit einem Periskop erbrachte er bei den Jurykollegen am Modell den Nachweis, dass die eigentlich unzulässige Höhe den Domblick von der Stadtebene nicht verstellt. Der Entwurf wurde einstimmig wieder zurückgeholt, mit dem ersten Preis ausgezeichnet, gebaut und 1986 eröffnet.

Wie schon seinerzeit beim benachbarten Römisch-Germanischen Museum verläuft der Eintritt über die in rotem Ziegel verlängerte Domplatte schwellenlos, das Foyer ist eine Passage, die Philharmonie darunter verborgen, ein klingender Hügel. Auf dem Platz schafft Dani Karavan aus Pflaster, Schienen, Bäumen und Stufenturm das Gesamtkunstwerk Ma’alot  und stellt es den Passanten förmlich in den Weg. Wer kritisierte, dass der Neubau die Passage benachbarten Museums verstelle und die Zwischenräume zu eng seien, der lernte den Begriff des Museumskontinuums kennen.

Blick vom Dom auf Museum Ludwig und Heinrich-Böll-Platz © Uta Winterhager

 

Kasper König, 2000 – 2012 Direktor des Museums Ludwig | So wie das Museum Ludwig positioniert ist, ist es ein öffentlicher Raum. Es gehört allen und keinem. Das Museum wird von den Steuerzahlern der Stadt Köln unterhalten und somit gehört es ihnen, ob sie das gut finden oder nicht. Man muss ihnen immer wieder klar machen, dass sie dafür bezahlen und dass es gute Gründe gibt, dass sie dafür bezahlen.

 

So sehr man sich hier auch um Erklärungen bemühte, es knirschte  dort, wo das Museumsplateau an die Domplatte stieß gewaltig. Während man sich oben ob der Enge nur ein wenig aneinander rieb, entstand auf der Straßen- und  Altstadtebene darunter eine unschöne, ungestaltete Unterwelt. Deren trauriges Zentrum bildete der Dionysoshof, der Vorplatz des frühchristlichen Baptisteriums. Von Schaller am Rand der Domplatte platziert, verschwand er jetzt durch die Überdeckelung der Straße in einem dunklen Loch.

Der Dionysos-Brunnen während der Installation DIONYSOSHOF 1:1 © Foto Uta Winterhager

 

Godfrid Haberer | Wir haben immer gesagt, ihr müsst das so machen wie beim Louvre, wo man in der U-Bahnstation schon die Museumsatmosphäre spürt – aber es wird ja nicht immer alles gemacht, was man so vorschlägt.

 

Ideen hat es gegeben, auch damals schon, nicht nur zur Neuordnung und Reduzierung  des Verkehrs, auch für eine Erweiterung des Museums in Richtung des Bahnhofs, durch die hinter dem Domchor ein Domchorplatz gefasst worden wäre. Doch dann entschied die Stadt sich für den Neubau des Wallraf-Richartz Museums am Gürzenich, den O.M. Ungers 2001 realisierte. Noch im selben Jahr wurden sechs Büros eingeladen, die im Internationalen Workshop „Dionysoshof/Baptisterium“  Lösungen für die städtebauliche, funktionale und gestalterische Aufwertung des Bereichs zwischen Museum Ludwig, Domchor und den Gleistrassen des Hauptbahnhofes entwickeln sollten. Nach einer ersten Runde wurden Allmann Sattler Wappner und OMA / Rem Koolhaas mit einer Überarbeitung beauftragt, wonach schließlich der Entwurf des Münchner Büros für die weitere Bearbeitung empfohlen wurde. Busmann und Haberer waren an diesem Verfahren nicht beteiligt.

 

Peter Busmann | Wir haben damals (1975) die Straße Am Domhof, die für mich bis heute die Ursache aller Probleme ist, nicht respektiert, sondern sind mit dem ganzen Gebäude drüber gesprungen. Darin haben wir die einzige Lösung gesehen, weil uns war der Fluss der Fußgänger auf der Domebene am wichtigsten war, sie sollten frei und ohne Treppen die Terrassen zum Rhein runter gehen können. Den unwirtlichen Tunnel musste man da halt in Kauf nehmen. Aber das erste und wichtigste, das ich in dem Workshopverfahren 2010 gemacht habe, war dann, die Vierspurigkeit in Frage zu stellen. Ich habe so argumentiert, dass die Altstadt schon am Bahnhofsplatz anfängt und man in der ganzen Altstadt keine vierspurigen Straßen braucht. Dadurch hat jetzt endlich auch die untere Ebene eine Qualität bekommen.

 

Uta Winterhager

 

Der Beitrag erschien in Bauwelt 15 | 2017 „Das Wunder von Köln“

In seinem Grundgedanken unantastbar: Das Römisch-Germanische Museum Köln

Ende 2017 muss das Römisch-Germanische-Museum wegen dringend notwendiger Sanierungsarbeiten geschlossen werden. Genaue Planungen gibt es noch nicht, auch keinen Architekten, der damit beauftragt wäre, doch die Verwaltung hat für die anstehenden Maßnahmen einen Zeitraum von sechs Jahren und vier Monaten veranschlagt. Und das ist erst einmal sehr abstrakt gerechnet. Da die Sanierung und ebentuelle Umbauten jedoch unmittelbar von der Entscheidung zur Historischen Mitte abhängig sind, bleiben derzeit noch viele Fragen offen, während Politik und Verwaltung sich gegenseitig dafür verantwortlich machen ohne verbindliche Antworten zu geben.

Besuchern, die das Museum, das sich heute quasi noch im Originalzustand von 1974 befindet, sehen möchten, empfiehlt es sich also, dies in den kommenden vier Monaten zu tun. Danach bleibt bestenfalls der Blick von der Domplatte auf das Dionysos-Mosaik, mit dessen Auffindung dort alles begonnen hatte.

Sehnsucht nach Stadtgeschichte

Mitten im Zweiten Weltkrieg wurde bei Ausschachtungsarbeiten für einen Luftschutzbunker am Südportal des Domes ein über 70 Quadratmeter großes Mosaik mit zahlreichen Darstellungen aus der Mythologie des Fruchtbarkeitsgottes entdeckt, das einst den Speisesaal eines römischen Peristyl-Hauses geziert hatte. Das sogenannte Dionysos-Mosaik wurde zu einer Attraktion, die trotz des Krieges tausende Menschen anzog, die Schlange standen, um die Fundstelle zu besichtigen. Nur wenige Monate nach Kriegsende wurde aus der Römischen und Germanischen Abteilung des Wallraf-Richartz-Museums und dem Museum für Vor- und Frühgeschichte das Römisch-Germanische Museum gegründet. Zunächst blieb es ohne eigenes Haus, bezog 1961 provisorisch den Dombunker, während die Stadt im folgenden Jahr den Wettbewerb für einen Neubau auslobte. Dieser sollte direkt am Fundort des Dionysos-Mosaiks, zu Füßen des Doms und damit im Zentrum der von Rudolf Schwarz konzeptionierten Hochstadt errichtet werden.

Öffentliche Räume

Auch wenn die Neugestaltung der Domplätze schon im Gespräch war, eine konkrete städtebauliche Lösung gab es Anfang der 60er Jahre noch nicht. Dennoch hatte die Hohe Domkirche selbst die Südseite des Roncalliplatzes mit dem Kurienhaus (Architekt Bernhard Rotterdam und Dombaumeister Willy Weyres) markiert, der Neubau des Römisch-Germanischen Museums sollte dann die zum Rhein hin offene Ostseite besetzen.

Die Bauwelt berichtete in Heft 25 am 8. Juli 1974 © Bauwelt

Die Braunschweiger Architekten Heinz Röcke und Klaus Renner gewannen den Wettbewerb mit einem aus heutiger Sicht fast unheimlich modernen Bau. Der himmelstrebenden gotischen Domfassade setzten sie zwei flache, orthogonale Baukörper entgegen, den Museumsbau und ein kleineres, mit einem schmalen Steg angebundenes Studienhaus. Was sich in der Ansicht so ortsfremd generierte, fußte jedoch sehr solide im Raster des römischen Straßennetzes. Wer auf einem Quadrat plant, der möchte ein Solitär, doch der Grundriss des Museums entwickelten sich aus dem Vorbild des römischen Peristyls, einem säulenumstandenen Hof, der sich, um das Gebäude zur Stadt zu öffnen, nach außen kehrt. So liegt nun das verglaste Erdgeschoss des Museums eingerückt hinter einem umlaufenden Säulenkranz, die Domplatte wird zum Hof und steinerne Fundstücke bespielen die Arkaden. Diese leiten und locken die Besucher in eine Passage, die das Museum aus der Mitte heraus vollkommen schwellenlos erschließt. Das glatte, mit Granitplatten verkleidete Obergeschoss scheint trotz seiner steinernen Schwere zu schweben, sein einziger Schmuck sind die prägnanten roten Lettern des Namenszugs.

 

Nachtansicht der Rheinseite des RGM aus dem Jahr der Eröffnung 1974 © Stadt Köln, Archiv des Römisch-Germansichen-Museums

Freie Rundgänge

Die großzügig dimensionierte Passage richtet das Museum wie den nach Osten aus und inszeniert die Blickachse von der Domplatte über eine Terrasse auf den Rhein – eine Aussicht, die mit dem Bau des Museum Ludwig verstellt wurde. Kompakt wirkt der Bau und überrascht doch immer wieder mit großer Offenheit. Schon von außen können Passanten einen Blick auf die in der offenen Treppenhalle platzieren Schaustücke werfen, auf das im Untergeschoss liegende Dionysos-Mosaik und das zweieinhalb Geschosse hohe Poblicius Grabmal. Das Obergeschoss ist als Großraum geplant, der im Rahmen des von dem damaligen Direktor Hugo Borger entwickeltes Konzeptes erstmals einen freien Rundgang zwischen antiken Architekturfragmenten, Sockelinseln aus Tuffstein und lockeren Gruppierungen schlanken Vitrinen erlaubte. Belichtet wird er – hier wieder ein Zitat aus der Baugeschichte – über ein Atrium, das dem, der den Blick steil nach oben richtet, ein Stückchen Dom zeigt. Das kleinere Studiengebäude steht ein wenig abgerückt vom Roncalliplatz, zwischen beiden Häusern verläuft die römische Hafenstraße, das Straßenniveau verspringt, es wird enger, altstädtischer. Hier, wie auch auf der Domseite, wo die verbleibende Gasse nur wenige Meter breit ist, wird man als Passant quasi gezwungen, sich mit dem Ort, mit seiner Geschichte auseinandersetzen. Schon sehr früh hat das Römisch-Germanische Museum den öffentlichen Raum genutzt, sein Haus als Schaufenster in die Römerzeit geöffnet und damit vieles vorweg genommen, das in den letzten Jahren zur Regeneration des Domumfeldes diskutiert wurde. Doch Marcus Trier, Direktor des Römisch-Germanische Museums, ist besorgt um sein Haus und dessen Nachbarschaft. Die Umgestaltung der Domumgebung hat er nicht nur als Anrainer und Museum begleitet, sondern auch als Bodendenkmalpfleger, da alles was dort geschehen ist, Eingriffe in den historischen Boden erforderte.

Dr. Marcus Trier © Rheinisches Bildarchiv Köln

Der Archäologe Dr. Marcus Trier ist seit September 2012 Direktor des Römisch-Germanisches Museums und der Archäologischen Bodendenkmalpflege

Ihr Standort auf der Domplatte ist ungewöhnlich – ist das Römisch-Germanische Museum hier immer noch richtig platziert?

MT| Es gibt keinen besseren Standort! Diese Stadt hat zwei Herzen, das Rathaus und den Dom. Unser Standort neben dem Dom und über dem Fundort des Dionysos-Mosaiks, ist einzigartig und in seiner Qualität nicht zu übertreffen. Die Verbindung der Stadtgeschichte mit dem Dom ist so herausragend, dass sie nahelegt, auch das Stadtmuseum dort zu positionieren. Wir decken den Zeitraum von der Altsteinzeit bis zur römischen und frühmittelalterlichen Stadtgeschichte ab, dann übernähme das Stadtmuseum den Staffelstab. Das ist der Grundgedanke der Historischen Mitte. Wir sind jedoch in diesen Prozess unter der Prämisse gestartet, dass das Römisch-Germanische Museum als architektonisches Solitär in seinem Grundgedanken unantastbar ist.

Wie sieht die Zukunft Ihres Hauses aus?

MT| Bisher haben wir nur einen sechs Jahre alten Generalsanierungsbeschluss über 18,3 Millionen Euro. Damals ging es allein um die Raumlufttechnik und um die Neukonzeption der Tragwerksplanung, was natürlich vollkommen unzureichend war. Im Rahmen der Planungen für die Historische Mitte wurde auch die Generalsanierung des Hauses noch einmal neu gerechnet und der Betrag erhöhte sich auf 34,5 bis 41,7 Millionen Euro – das bedarf natürlich eines neuen Ratsbeschlusses. Allerdings muss man dazu wissen, dass die Generalsanierung nie im Zweifel stand, während die Realisierung der Historischen Mitte noch keineswegs gesichert ist. Die Schließung des Museums Ende 2017 steht jedoch unabhängig davon an, weil die Raumlufttechnik, der Brandschutz und all das, was jeden modernen Bau in die Knie zwingt, nach dem 31.Dezember nicht mehr zulässig sind.

Den Blick durch die zentrale Passage auf den Rhein verstellt seit 1986 das Museum Ludwig. © Thilo Schmülgen für Stadt Köln

 

Seit Ende letzten Jahres steht das Museum unter Denkmalschutz. Was bedeutet das für Sie?

MT| Ich finde die sachliche Architektur dieses schmucklosen Baus wirklich großartig – nur in seinem Zustand ist er unbefriedigend. Wenn Sie sich Fotografien aus der Zeit kurz nach der Eröffnung im Jahr 1974 ansehen, werden Sie ganz andere Qualitäten erkennen. Damals, ohne das Museum Ludwig, erlaubte die Passage den Durchblick auf den Rhein und die historische Hohenzollernbrücke. Auch wenn das Haus als architektonische Institution für uns unantastbar ist, meint das nicht, dass wir den Durchgang nicht geschlossen sehen wollen, denn zum einen werden wir der Probleme nicht mehr Herr, die das derzeitigen Verhalten vieler Menschen mit sich bringt, und zum anderen bieten sich damit Möglichkeiten, das Museum ins 21. Jahrhundert zu führen. Die Servicebereiche, Sanitäranlagen, Schülergarderoben, ein moderner Museumsshop und – sollte die Historische Mitte nicht realisiert werden – eine Gastronomie können wir nur ein- und umbauen, wenn wir im Erdgeschoss mehr Platz haben. Der Gedanke der Schließung des Durchgangs im Sinne einer Erweiterung des Erdgeschosses ist im Übrigen gar nicht neu. Ich habe im letzten Jahr lange mit Herrn Klaus Renner, einem der beiden inzwischen über 80jährigen Architekten, zusammen gesessen und erfahren, dass schon in den 80er Jahren darüber nachgedacht und vorsichtig skizziert wurde.

Nach wie vor sind wir aber nicht nur von der Außenhülle des Gebäudes vollkommen überzeugt, sondern auch von der musealen Konzeption, die ja ausdrücklich auch Teil der Unterschutzstellung ist. Und deshalb werden wir im Sinne einer ‚fortgeschriebenen Kontinuität‘ auch daran festhalten. Der freibestimmte Rundgang durch das Haus, in dem sich Themenblöcke aus Sockelinseln und Vitrinenlandschaften erschließen, ist im In- und Ausland vielfach kopiert worden – auch bei den neuesten Überlegungen in Berlin finden wir uns wieder.

Bis heute beispielhaft und unverändert ist die museale Konzeption, die einen freien Rundgang um Sockelinseln und Vitrinen ermöglicht. © Stadt Köln, Archiv des Römisch-Germanischen-Museums

 

Was können Sie als Museum für den öffentlichen Raum tun und welche Forderungen stellt der öffentliche Raum an Sie?

MT| Die Arkaden wie auch die Passage wurden von Beginn an als Bestandteil der Ausstellungsfläche geplant und genutzt. Sollte die Passage geschlossen werden, dann nur mit Glaswänden, um die kommunikativen Blickachsen aufrecht zu erhalten. Wenn wir die Traufen wegen der sozialen Probleme darunter aufgäben, würde das Haus seine architektonische Qualität, seinen leichten, fast schwebenden Charakter sofort verlieren und zu einem dicken Klotz werden. Es wird ein transparentes, offenes Haus bleiben.

 

Wie waren Sie als Bodendenkmalpflege und Anrainer auch an dem Verfahren zur Gestaltung des Kurt-Hackenberg-Platzes beteiligt?

MT| Wir waren an den Workshops beteiligt, da wir nicht nur als Anrainer, sondern auch als Amt für Bodendenkmalpflege in dieses Verfahren eingebettet waren und zudem auch die historische Topografie dieses Bereich kennen. Der moderne Kurt-Hackenberg-Platz, der ein „Produkt“ des Wiederaufbaus nach 1945 und keine historische Freifläche ist, liegt in der ehemaligen erzbischöflichen Immunität, die sozusagen die erzbischöfliche Stadt innerhalb der mittelalterlichen Stadt war. Darüber wissen wir auch archäologisch und stadtbaugeschichtlich eine ganze Menge.

 

Man spricht inzwischen gerne von einem Paradiesgarten, der dort entstehen wird.

MT| Ja, auf die historische Ortsbezeichnung „Pardies“ habe ich im Zuge des Workshops hingewiesen habe. An der Stelle der heutigen Bischofsgartenstraße lag im Mittelalter der historische Lust- und Schießgarten des Erzbischofs. Der Begriff „Paradies“, von dem die Quellen berichten, passt, wie ich finde, sehr schön zu den städtebaulichen Planungen des Büros Vogt. Da die Neuplanungen für den Kurt-Hackenberg-Platzeine möglichst unmöblierte Fläche vorsehen, wird dort ein ursprünglich geplantes gläsernes Häuschen mit einem Treppenabgang zu dem bei der U-Bahn-Archäologie freigelegten römischen Hafentor nicht realisiert. In dem Bereich unter dem Platz hatten wir vor einigen Jahren einen aufregenden Befund freigelegt: ein 12 Meter langes Stück Stadtmauer mit Hafentor, das im 4. Jahrhundert zugemauert wurde und darüber Reste des erzbischöfliches Wohnhauses aus dem 12. Jahrhundert. Diese Funde konnten wir auf der Basis eines Ratsbeschlusses dauerhaft erhalten, indem nur das Fundament zurückgebaut worden ist und der gesamte aufgehende Bereich, der etwa 5 bis 6 Meter hoch ist, auf der Decke der U-Bahnröhre stehen geblieben sind. Der Zugang zu diesem europaweit einzigartigen Fundkomplex erfolgt zunächst temporär. Eine befriedigende und dauerhafte Lösung wird hoffentlich über Historische Mitte bzw. die Generalsanierung des Museums gelingen.

Früher befand sich an der Seite des Museums das Café. Volker Staab hat in seinem Entwurf für die Historische Mitte die Museumseingänge zentral an diese Stelle gelegt und über einen kleinen Platz miteinander verbunden. Hier könnte es dann auch wieder Kaffee geben. © Uta Winterhager

 

Die Spuren der Stadtgeschichte sind in Köln zwar allgegenwärtig, nur manchmal vielleicht auch etwas hinderlich?

MT| Köln ist stolz auf seine Geschichte, aber Geschichte ist genauso aufregend wie anstrengend. Doch sie ist auch ein Alleinstellungsmerkmal. Köln ist die einzige Millionenstadt Deutschlands mit einer 2000jährigen Stadtgeschichte – davon können Hamburg, Berlin und München nur träumen. Wir wollen als Bodendenkmalpflege die Stadtentwicklung gleichwohl nicht unmöglich machen, wir sind Teil des Gesamten. Wir erfahren hier in Köln generell eine extrem hohe Akzeptanz unserer Arbeit. Das Interesse der Menschen an der Antike ist oft überwältigend!

Uta Winterhager

Die Transformation der Platte

Domplatte Fritz Schaller 1964 – 1970

Domtreppe Schaller/Theodor 2004 – 2006

Historische Luftaufnahmen zeigen ein surreales Bild, der Dom steht, etwas ramponiert, aber aufrecht, inmitten eines Trümmerfelds, der größte Teil der Kölner Innenstadt wie ausradiert. Diese Situation, so traurig sie auch war, bot Rudolf Schwarz, der den Wiederaufbau der Stadt als Generalplaner verantwortete, ideale Voraussetzungen um grundlegende Ideen für „Das Neue Köln“ zu entwickeln und zu realisieren. Die neue Großstadt sollte sich als lebendig durchbaute Landschaft um zwei Pole gruppieren: die alte ehrwürdige Hochstadt mit ihren zentralen Aufgaben in Verwaltung, Bildung, Hoheit und Anbetung, sowie eine werktätige Stadt der Arbeit im Norden. Das Zentrum der Hochstadt markierte in seinem Konzept wie seit Jahrhunderten der Dom. Um hier die gewünschte Dichte zu erzeugen, beendete Schwarz das Streben nach der noch aus dem 19. Jahrhundert stammende Vision von der räumlichen Isolation des Doms.

Fritz Schaller war als Mitarbeiter in der Wiederaufbaugesellschaft mit dem von Rudolf Schwarz entwickelten städtebaulichen Konzept wohl vertraut, gab aber selbst auch als Kirchenbauer wichtige Impulse. 1954 war Schaller dem Dom mit dem Bau der Bank für Gemeinwirtschaft (heute Domforum) bereits einmal sehr nahe gekommen und hat mit einer feinfühligen Modernität eine passende Antwort auf die Übermacht der Gotik gefunden.

Doch die städtebauliche Situation um die Kathedrale spitzte sich zu, mehr und mehr sah man sie auf einer Verkehrsinsel sitzen, was kaum Schwarz’ Vorstellung vom Zentrum der Hochstadt entsprechen konnte. 1964 lobte die Stadt einen Wettbewerb für die Gesamtplanung der Domplätze aus, den Fritz Schaller mit einem Konzept gewann, das den Plural der Plätze in der Auslobung scheinbar ignorierte. Es war eine Gesamtlösung zur „Integration des Doms in das Stadtgefüge und seiner Befreiung aus der räumlichen Isolierung“. Funktional und gestalterisch aus einem Guss, überdeckelte eine Platte den ruhenden wie den fahrenden Verkehr und widmete das Plateau den Fußgängern. Der Boden war mit Granitplatten ausgelegt, es gab Brunnen, Beete, Kioske und Intarsien, um die große Fläche zu gliedern, eigens entworfene Lampen markierten das Terrain. Gut viereinhalb Meter schwebte die Platte über dem Niveau der Stadt, im Süden und Westen half die Topografie, dass die Höhe mit wenigen Stufen zu erreichen war, doch die Kanten im Norden und Osten waren schroff. Schaller inszenierte die Härte mit Sichtbeton und strenger Geometrie. Insbesondere mit der komplexem Struktur der vom Bahnhof auf das Nordportal hinauf führenden Treppenanlage aus der sich zu beiden Seiten Reihen achteckiger Pilze entwickelten, die die Platte stützen und die Fußgänger leiteten, hatte er sich weit von der sanften Topografie des Domhügels entfernt und die Domumgebung vollkommen neu erfunden. Doch war das nicht unerhört, die Stadt dadurch einfach auf die Höhe des Gotteshauses anzuheben?

 

Ansicht Domplatte von Osten, frühe 70er Jahre © Büro Schaller

 

Christian Schaller: Nach dem Krieg beschränkte sich die sakrale Würde des Doms nur auf den Chorbereich –  der Rest war ein öffentlicher Raum, es war eine Bürgerkirche. Dazu passte es natürlich zu sagen, lasst uns den Dom von seinem Podest heben und auf die Stadtebene stellen.

 

Schaller hatte Mut bewiesen, sowohl inhaltlich mit einem neuen Verständnis von Gesellschaft, Stadt und Kirche, aber auch mit einer Gestaltung, die es scheinbar unbeeindruckt wagte, eine ganz eigene Sprache zu sprechen. Aber unumstritten war die Domplatte nie. Schaller hatte den Dom zwar aus seiner Insellage befreit, doch sein Umfeld damit in ein Oben und ein Unten geteilt. Und das funktionierte zunehmend schlechter. Sittenverfall hätte man das Phänomen damals vielleicht genannt, das die Nadelöhre, Tunnel und Passagen an den Kanten und darunter unangenehm werden ließ. Der nackte Beton des brutalistischen Bauwerks tat ein übriges, dass die Wertschätzung der Domplatte trotz zehntausender Passanten, die sie sicher aus der Stadt  zum Bahnhof führte und ebenso vieler Fahrzeuge, die sie schlucke und kanalisierte, rapide abnahm.

 

Christian Schaller: An dieser Stelle löste sich die etwas zwanghafte Sechseckgeometrie der Domplatte in diesen verknautschten Hof auf. Und dort drin stand der berauschte Dionysos und schaute hoch zum Chor. Als sich dann alle über diesen Pinkelhof aufregten, hat mein Vater den Vorschlag gemacht, den ganzen Hof unter Wasser setzen, um damit das Problem zu lösen. >>>> Skizze Fritz Schaller 1983/84

 

Doch es war nicht nur die Domplatte, sondern auch die ehrgeizige Kulturbauten, die drauf und daran errichtet wurden, das Römisch-Germanische Museum und das Museum Ludwig, die sämtliche Städtebautheorien einem gnadenlosen Praxistest unterzogen.

Ansicht der Treppe vor dem Nordportal, frühe 70er Jahre © Büro Schaller

Immer wieder kamen Stadt und Planer zusammen, um nach Lösungen zu suchen, doch Entscheidungen gab es nicht. Erst als ein Investor plante, ein Shoppingcenter unter den Bahnhofsvorplatz zu bauen, kam ein ausreichend großer Druck auf, denn das wollte niemand. In einem Gedankenaustausch entwickelten mehrere Büros neue Konzepte für die Schnittstelle Bahnhof/Dom. Den entscheidenden Beitrag lieferte das Büro Schaller/Theodor mit einem seinerzeit verworfenen und nun überarbeiteten Entwurf für einen autofreien Bahnhofsvorplatz und eine großzügige breite Treppenanlage zur Überwindung einer deutlich verschlankten Straße. Diese Idee hätte die Stadt zur Grundlage eines Wettbewerbs gemacht, doch Schaller bestand auf seinem Urheberrecht und erhielt den Auftrag. Fertiggestellt wurde die Treppe zwei Jahre später 2006. Vom Bahnhof aus betrachtet zeichnet sie in ihrer Großzügigkeit und sanften Kontur nun wieder das Bild des ehedem verbauten Domhügels nach, den man nun wieder ohne Bedrängnis erklimmen kann.

Doch während hier die Beharrlichkeit des Büros Schaller/Theodor zu einer nicht nur funktionalen, sondern auch sehr ästhetischen  und verhältnismäßig schnellen Lösung geführt hat, entwickelte die Umgestaltung im Bereich des Dionysoshofs/Baptisterium hinter dem Domchor erst zu einem finanziellen, dann zu einem planerischen Problem. >>>>> Domumgebung Ost

Domplatte und Treppe zwischen Bahnhof und Nordportal © Büro Schaller

Die Ansicht der Domplatte hat sich durch die Maßnahmen der letzten Jahre erheblich verändert. Und genau das war der Plan, um dem Dom  endlich wieder eine ihm würdige Umgebung zu Füßen zu legen. Interessant ist jedoch, dass trotz der gefeierten Wiederentdeckung des Brutalismus nie eine Diskussion um den Denkmalwert der Platte gegeben hat.

Ihr Urheberrecht mussten Fritz und Christian Schaller privatrechtlich verteidigen. Denn gerade in den Bereichen, die die größten Probleme gemacht haben, zeigte die Platte ihre Kante am expressivsten. Dass dies nun ein Verlust ist, den die Qualitäten der neuen Gestaltung wettmachten, ist zum Konsens in der Stadt geworden.

 

Stadtkonservator Dr. Thomas Werner | Die 60/70er Jahre Architektur und der Brutalismus sind für alle Denkmalpfleger ein großes Thema geworden. Da wir in den Unterschutzstellungsuntersuchungen zu dieser Epoche aber erst am Anfang stehen, fehlen uns die Grundlagenwerke und Bewertungskategorie, um zu entscheiden welchen dieser Gebäude oder auch Stadtplanungen ein Denkmalwert zukommt und welchen nicht. In den vergangen Unterschutzstellungsuntersuchungen innerhalb des Kölner Stadtraumes stand die Domplatte nie im Fokus. Auch einen externen Antrag für eine Unterschutzstellung wurde nicht gestellt, sodass bis heute offen bleiben muss, ob die Domplatte einen Denkmalwert besessen hat.  

 

Der Beitrag erschien ursprünglich in Bauwelt 15 | 2017