Uwe Schröder

Was der Ziegel will und was er kann

Der Ziegel will einen Bogen und der Architekt will aus ihm ein wachstümliches Gewebe machen. Für das Mauerwerk am ROM.HOF in Bonn verfasste Uwe Schröder ein Regelwerk, das auf der Baugeschichte fußt, Fehler fordert und den Zufall kontrolliert. Damit erwecket er die Wand zum Leben.

 

Der Brunnen im oberen Hof © Foto Uta Winterhager

 

An einer Straße, die hier, wo die Stadt nicht mehr richtig Stadt aber auch noch nicht richtig Land ist, viel zu breit erscheint, steht der ROM.HOF. Ein ungewöhnlicher Name, fast eine Formel für ein Gebäude, dessen lautes Schweigen nicht vernehmen lässt, dass es für Studenten gebaut wurde. Schon der Ort ist ungewöhnlich für diese Nutzung, vermutet man die Studenten doch in der Innenstadt. Aber dort sind die Wohnungen längst zu teuer, die Häuser saniert und verkauft, sodass die, die weniger Geld haben, an den Rand rücken. Doch Bonn ist klein und mit dem Fahrrad sind es nur wenige Minuten zum Unicampus. Schlimmer jedoch als die gefühlte Distanz ist die Nachbarschaft, die es hier zwischen Dransdorf und Endenich nicht oder zumindest nicht in städtischer Intensität gibt. So erklärt sich das erste Phänomen, die klösterliche Strenge, mit der der Ende 2013 bezogene Bau sich von seiner Umgebung abgrenzt und auf sich selbst konzentriert. Ein paar Meter rückt er vom Gehweg nach hinten, sodass Platz entsteht, ihn in ein Passepartout aus grauem Basaltstein zu setzen. Die Ordnung der vier Geschosse und elf Achsen jeder Ansicht ist unbezwingbar, auch wenn die Topografie das unterste Geschoss der Straßenfront in einer Böschung verschwinden lässt. Drei Geschosse bleiben noch, eine gemäßigte Höhe wie rechts und links auch. Doch hier ist das Dach flach und die Hülle perfekt, glatt und ebenso stoisch wie das Raster der Öffnungen, das sie perforiert. Zwei Geschosse hoch ist das Tor in der Mittelachse, dessen Rundbogen die Fensteröffnungen in einem endlosen Rapport wiederholen. So sieht kein Wohnhaus aus, so erinnert es an Gemälde und Bühnenbilder längst vergangener Epochen. Doch um den ROM.HOF zu verstehen, muss man ihm so nahe kommen, dass das warme Gelb seiner Ansicht als Ziegelwand erkennbar wird. Denn es ist der Stein, die kleinste Einheit, die das Ganze bestimmt.

Die Feuerstelle im unteren Hof. Die Werkplanung war aufwendig, es gab ein Arbeitsmodell im Maßstab 1:50, Wandabwicklungen in 1:25 und Details in 1:5 und 1:10, der Feuerstelle und der Brunnen wurden sogar 1:1 gezeichnet. © Foto Uta Winterhager

 

Haus und Höfe

Das große Tor führt auf einen zentralen Hof, der die Straßenansichten wiederholt. Mehr als das sogar, mit maximaler Konsequenz wird die Ziegelhaut hier auch zum Material für Böden und Mobiliar. Das als Querriegel in den Binnenraum eingestellte Waschhaus, in dem auf drei Etagen gekocht, gegessen, gewaschen und gespielt wird, ist nicht nur das geometrische Zentrum, sondern auch das Herz des Hauses und seiner Gemeinschaft. Von hier aus nimmt die Privatheit radial zu. Alle 93 Studentenzimmer werden über die auf die Höfe gerichteten Laubengänge und die in den Ecken liegenden Treppenhäuser erschlossen. Die Wände sind geputzt und kartonfarben gestrichen, der Boden ein dunkler Asphalt, auf dem das Wetter Spuren hinterlassen hat. Die kleinen Wohnungen sind fast neutral, zweckmäßig in Grau und Weiß. Erst das kleine Studiolo, wie die intime Loggia an der Außenfassade genannt wird, die jedem Zimmer vorgelagert ist, ist wieder bunt. Purpur, Grün oder Blau, die Lage im Haus bestimmt die Farbe. Nur um die Fensterlaibung  erscheint ein Kranz von Ziegeln und erinnert an draußen.

 

Die Botanik der Wand unterliegt strengen Regeln © Foto Uta Winterhager

Die Botanik der Wand

Die Ziegel sind ein Brückenschlag zurück in die Stadt, in den Campus der Uni, der aus Gebäuden zusammengewachsen ist, deren preußische Bauherren die Widerstandsfähigkeit des Materials schätzten. Auch hier finden sich Fassaden in Rot und Gelb, gestreift oder akzentuiert, doch von klassischer Schwere. Eben diese Gewichtigkeit möchte Uwe Schröder am ROM.HOF auflösen und die Wand als etwas Organisches, etwas Wachsendes darstellen. Die Wasserstrichziegel aus dem Teutoburger Wald sehen mit ihrer programmatischen Unperfektion aus wie handgemacht, das Dünnformat erzeugt ein dichtes Fugennetz. Der Ziegel bietet mit seiner Farbigkeit, seinenr Oberfläche und Geometrie vielfältige Möglichkeiten etwas zu entwerfen, das als Zufall oder geplanter Fehler von der vorgesehenen Ordnung abweicht. Und genau diese Mittel setzte Uwe Schröder ein, um die Wand zu einem wachstümlichen Gewebe zu machen, das seine erdverbundene Schwere nach oben in feinen Verästelungen verliert.

 

Kein Zufall in der Ecke © Foto Uta Winterhager

Die Kontrolle des Zufalls

Doch wie plant man eine solche Wand, die handwerklich, Stein für Stein, Fuge für Fuge hergestellt werden muss? Es war ein Abenteuer, sagt Projektarchitekt Matthias Hiby, eine lange und mühsame Annäherung während alles – so auch der organische Farbverlauf – zeichnerisch und am Modell erprobt wurde. Dabei zeigte sich, dass eine bloße Addition der Joche als Musterrapport ungewünschte Moirés erzeugte. Schließlich führte die mathematische Analyse von Zeichnungen des gewünschten Bildes einer fertigen Wand zu einer Kurve mit einem negativ exponentiellen Verlauf, an der die Architekten das Verhältnis von Rot und Gelb für jede Ziegellage exakt ablesen konnten. Hierauf basierend wurde ein komplexes Regelwerk entwickelt. Darin vorgegeben sind im Sockelbereich zahlreiche rote Steine, deren mit dem Abdruck des Förderbandes markierte raue Fußseite als Sichtseite eingesetzt wurde. Kein Fehler sondern Stilmittel, und wer den Bezug zur Baugeschichte herstellen möchte, erkennt darin ein Bossenwerk, ein Mauerwerk aus Natursteinquadern, deren Stirnseite zur repräsentativ-wehrhaften Gestaltung der Fassade nur grob behauen (bossiert) ist. Einige rote Steine wurden planmäßig mit der Lagerseite nach außen eingesetzt, gelbe Steine dagegen findet man nur liegend und je weiter man nach oben schaut, auch häufiger als Halbsteine. So verdichtet sich das Fugennetz nicht nur durch die Gesetze der Perspektive, sondern tatsächlich.

 

Die Intelligenz des Handwerks

Bis zu fünf Maurerkolonnen arbeiteten gleichzeitig auf der Baustelle. Um die Theorie des Regelwerks und seine Kommunikation in der Praxis zu testen, wurde zunächst ein relativ verdeckt liegender Aufgang einer Rampenwand nach Plan gemauert. Erst nach seiner Abnahme durfte mit den Fassaden des Hauses begonnen werden. Das aus dem Regelwerk entwickelte Musterhandbuch wurde auf Papier und als Daten auf die Baustelle geliefert. Dort markierten sich die Maurer zunächst die Lage der senkrechten und großen Steinformate mit Farbe auf dem Kernrohbau, um dann plangenau darauf zuzuarbeiten. Natürlich entspricht die Wand heute nicht exakt der Zeichnung, das, wussten die Architekten, konnten sie kaum erwarten. Was sie jedoch von den Handwerkern gefordert hatten, war die Akzeptanz und Darstellung ihrer Idee der organischen Wand. Selten nur, wo dies nicht gelungen war, musste rück- und neugebaut werden. Und ohne überheblich zu klingen, sagt Hiby, dass die Architekten von der Intelligenz des Handwerks positiv überrascht wurden und der Zeitplan nur durch den strengen Winter etwas verzögert wurde.

Auch für Uwe Schröder war sein erster Bau mit Rundbögen eine technische wie inhaltliche Herausforderung, da mit einem Bogen doch eine ganz andere Aussage getroffen wird als mit einem scheitrechten Sturz © Foto Uta Winterhager

Auch für Uwe Schröder war sein erster Bau mit Rundbögen eine technische wie inhaltliche Herausforderung, da mit einem Bogen doch eine ganz andere Aussage getroffen wird als mit einem scheitrechten Sturz.

 

Der Wille des Ziegels

Wer die Möglichkeiten des Ziegels so genau betrachtet wie Uwe Schröder beim ROM.HOF, für den ist der Rundbogen über allen Fenstern und Türen konstruktiv logisch und damit gesetzt. Bedingt durch die große Zahl gleicher Öffnungen, gab es auf der Baustelle fünf gleiche Lehrbögen und die Vorgabe, dass die Rollschicht jedes Fensters mit der gleichen Anzahl Steine gemauert sein muss. Auch für die zum Teil mehrere Meter tiefen Torbögen wurden ein schmaler Lehrbögen gebaut, der mit dem Baufortschritt nach vorne wanderte.

Der ROM.HOF ist ein Gebäude äußerster Konsequenz, an dem auch kleinste Versetzungen der Ziegelhaut konstruktiv abgearbeitet wurden. Gemauerte Stürze finden sich also auch über Bewegungsmeldern, Wasserauslässen, Lampen und dem Briefkasten – ob das praktisch Sinn macht, ist hier keine Frage. An schwierigen Stellen, etwa dort wo der Verband an den Bogen anschließt, wurden die Steine auf ein passendes Maß gesägt. Formsteine wurden nur für die Köpfe der Rampenmauern angefertigt.

 

Der gemauerte Sturz über dem Rohrauslass © Foto Uta Winterhager

Die letzte Konsequenz

Wenn ein Architekt für seinen Entwurf selbst ein so strenges Regelwerk entwirft, wird die Umsetzung externer und allgemeingültiger Vorschriften der Bauphysik oder des Brandschutzes zu einer besonderen Herausforderung, auch wenn es sich nur um kleine Details handelt wie die durch den Aufbau der Wand bedingten Belüftungsöffnungen. Bauphysikalisch notwendig sind sie nur, wo sich eine Vorsatzschale an einer warmen Wand befindet. Nicht also an den Außenfassaden, wo die Loggien vorgestellt sind oder an den drei Seiten der Höfe, an denen die Laubengänge liegen, sondern nur an der Fassade des Waschhauses. Doch weil die offenen Stoßfugen auch in der lebendigen Wand ins Auge fallen, wurden sie spiegelsymmetrisch an allen vier Seiten beider Höfe ausgeführt.

Der ROM.HOF ist ein Konstrukt aus Theorie und Praxis, aus Geschichte und Handwerk, das ein wenig fremd wirkt in unserer Zeit und an diesem Ort. Sowie das Bauen ein Abenteuer war, ist auch das Wohnen darin eines. Das passt zum studentischen Leben, dem die Bereitschaft zum Experiment noch nicht abhanden gekommen ist.

 

Uta Winterhager

 

Der Beitrag erschien in Heft 4/2017 der DBZ unter dem Titel „Abenteuer Ziegel, Der ROM.HOF, Bonn“

 

 

 

 

 

 

Kochen, Waschen, Spielen und Studieren

 

In der Bonner Innenstadt wohnen jetzt andere in den schönen Gründerzeithäusern, die Studenten rücken an den Rand. Uwe Schröder bietet ihnen mit dem ROM.HOF eine Neuinterpretation eben jenes Anteils an der Stadt an, der ihnen abhanden gekommen ist. Typologiegerecht und unmissverständlich bietet das Hofhaus Schutz gegen die feindliche Außenwelt und fokussiert die Gemeinschaft auf ihre Mitte.

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Der obere Hof mit Brunnen. Foto © Uta Winterhager

 

In Dransdorf, wo es rechts und links der Ausfallstraße schon grün aber nicht schön wird, steht der ROM.HOF wie eine Festung. Nur eine Gehwegbreite ist er vom Straßenrand zurückgesetzt, und, wie der Blick von der Seite zeigt, mit dem untersten Geschoss in die Böschung geschoben. Der Name deutet es an, die Symmetrie ist hier Programm. Nichts ist, wie bei den Nachbarn, der Zeit oder dem Zufall überlassen. Das ist nicht als Kritik am Ort zu verstehen, sondern als ein neuer Anfang mit großer Konzentration auf sich selbst.

Die vier Ansichten sind streng gegliedert, elf Achsen zu jeder Seite, drei Geschosse vorne, vier hinten. Die Straßenansicht dominiert das in der Mittelachse liegende doppelgeschosshohe Tor, dessen romanischen Rundbogen die Fensteröffnungen 31mal wiederholen. Doch sind hier nur die Öffnungen im Mauerwerk zu sehen, nicht die Fenster selbst, deren schmale, fast schwarze Rahmen das Dunkel schluckt. So wirkt der Bau kaum wie ein Wohngebäude, erscheint nicht nur ortsfremd, sondern auch vollkommen aus der Zeit gefallen.

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Grundriss EG ROM.HOF Plangrafik © Uwe Schröder, Bonn

 

 

Von der Straßenseite, wie auch spiegelgleich von der Gartenseite aus, erschließt der große Tordurchgang das Gebäude. Während der Weg an der niedrigen Mauer, die den Hof umgibt, stoppt und nach links und rechts in Laubengänge umgelenkt wird, ist der Blick in der Längsachse frei bis in das noch wilde Grün des Gartens. Der Grundriss ist quadratisch, so auch der Hof. Dieser ist genau das, was er in der Baugeschichte immer schon gewesen ist: geometrischer Mittelpunkt des Hauses und Treffpunkt der Gemeinschaft. Davon ausgehend nimmt die Privatheit radial zu. Die umlaufenden offenen Laubengänge erschließen über einen kleinen Vorraum, dem Bad und Küchenzeile zugeordnet sind, die 93 Studentenzimmer. Diese sind zwar nach außen orientiert, doch ist ihnen jeweils eine kleine Loggia vorgelagert, die als Studiolo den privatesten und einsamsten Bereich des Hauses bildet.

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Das Herz des ROM.HOfs: das Waschhaus. Foto © Uta Winterhager

 

 

Das Zentrum dieser komplexen kleinen Welt bildet das Waschhaus, das quer in den Hof hinein gestellt wurde. Ausgerechnet das Wäschewaschen wird so zum zentralsten Akt des gemeinschaftlichen Wohnens. So einen Ort gibt es bereits mitten in der Stadt ganz in der Nähe von Uwe Schröders Büro. Hier wird, solange die Kleider waschen und trocknen, gegessen und getrunken, geredet und gewartet. Irgendeiner spielt immer Klavier, die Raucher sitzen vor der Tür. Das alles ist nicht schick, aber echt. Im ROM.HOF bietet eine lange Reihe Münzwaschautomaten nun den gleichen Grund zu kommen und zu bleiben. Für einsame Momente gibt es einen Fernseher, doch vielversprechender scheint der Blick aus den Fenstern. Das Waschhaus teilt den offenen Bereich in zwei Höfe, die, der Topografie des Hauses geschuldet, als Oberer und Unterer Hof bezeichnet werden, so dass es, wenn das Angebot angenommen wird, auch hier immer etwas/jemanden zu sehen geben wird. Archaische Elemente geben den Höfen eine Funktion und ordnen sie den angrenzenden Räumen zu. Im Oberen Hof, der auf dem gleichen Niveau liegt wie der Waschraum, spielt ein Brunnen an der Stelle des römischen Impluviums mit dem Wasserthema, im Unteren Hof, der der unter dem Waschraum liegenden Gemeinschaftsküche zugeordnet ist, bietet eine Feuerstelle ein ebenso altertümliches Abbild des Kochens.

Kochen, Waschen und in der obersten Etage Spielen, sind die Angebote, die das Haus seinen Bewohnern macht. Im besten Fall kann hier wirklich eine Gemeinschaft entstehen, wenigstens jedoch eine informelle (und somit politisch korrekte) Art sozialer Kontrolle.

Aus der Entfernung wirkt der ROM.HOF so streng, dass es schwer auszuhalten ist, doch bricht der ebenso spielerische wie handwerkliche Charakter des Mauerwerks die trutzige Haltung der Fassade auf, bevor sie zwanghaft werden kann. Die Vorsatzschale aus Wasserstrichziegeln ist überraschend rau. Auch wenn sie nichts trägt außer sich selbst, traut man ihr mehr zu, denn Schröder setzte den Ziegel so ein, dass er zeigt, was er am besten kann, weil er es alleine kann. Gemauert sind die Bögen der Fensteröffnungen und die Tonnen der großen Toröffnungen. So etwas gab es, auch wenn es so nahe liegt, lange nicht mehr.

Schröder selbst nennt es die »Botanik der Wand« mit der er die Eigenschaften dieser Fassade beschreibt: Wo sie sich dem Boden nähert, ist sie dunkelrot, so haben das gartenseitige Sockelgeschoss und der Untere Hof den höchsten Rotanteil, mit dem Emporwachsen der Wände bis zur Attika steigt der Anteil an erdigem Gelb. Der wilde Verband, der Läufer, Kopf- und Lagerseiten der Ziegel zeigt, bricht das starre Raster der Fugen auf, das sich verästeln und verlieren darf. Doch auch hier gibt es Regeln. Prozentwerte für die Farbanteile, die von den Architekten für jeden Abschnitt festgelegt wurden und weil dies noch nicht ausreichte, um den Zufall zu kontrollieren, exakte Pläne, die Farbe, Lage und Ausrichtung jedes einzelnen Ziegels bestimmten.

Diese Fassade ist das offizielle oder öffentliche Gesicht des ROM.HOFs zur Straße aber auch in den Höfen. Hier wie dort sind die Fenster, wenn die Öffnungen geschossen werden mussten, auf ein Minimum an Material und Sichtbarkeit reduziert. Matt anthrazit gestrichene Stahlrahmen, adaptierte Industrieprofile, die entsprechend den klimatischen Anforderungen bündig sitzen oder in den Treppenhäusern zur Ventilation mit Winkeln auf Abstand zur Laibung gehalten werden.

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Mediterrane Details imTreppenhaus des.HOFs. Foto © Uta Winterhager

 

 

In dieser harte und rauen Schale sitzen die Wohnungen geschützt durch die Pufferzonen, die Loggien und die Laubengänge zwischen ihnen und dem Außenraum bilden. Doch ist die Stimmung mediterran gedacht, klammert die Existenz kalter, nasser und dunkler Tage, an denen es in den Höfen, Lauben und Loggien sehr ungemütlich werden könnte, einfach aus. Doch wenn man das Studium als eine experimentelle Phase begreift, in der man sich auf vieles einlassen kann, um die Dinge von Grund auf zu verstehen, ist dies eine perfekte kleine Welt.

Wer den ROM.HOF verstehen möchte, muss die Gesetzmäßigkeit seiner Farben kennen. Denn außer den roten und gelben Ziegeln der Außenwände gibt es noch ein zweites, überraschend polychromes System für die inneren Wände, Decken und Türen. Alle Decken in den gemeinschaftlich genutzten Räumen, Treppenhäusern, Laubengängen und Loggien sind mit einem matten, mineralischen Blau „weggestrichen“, wie Schröder es beschreibt. Haus und Himmel geben mit Rot, Gelb und Blau die Hauptfarben vor, die Farben der untergeordneten Flächen Grün, Purpur und Beige lassen sich daraus mischen. Die innere Seite der Laubengänge, sowie die Innenwände von Waschhaus und Treppen sind glatt geputzt und in einem kartonfarbenen Beige gestrichen, das Anteile beider Ziegelfarben enthält. Die Wandfarbe der Loggien / Studioli ergab sich aus der Addition des Himmelblaus mit der jeweils im Ziegelmauerwerk dominierenden Farbe. So sind die Loggien in den unteren Geschossen, wo die Wände einen hohen Rotanteil haben, Purpur gestrichen, in den oberen Geschossen, wo der gelbe Ziegel überwiegt, in Grün. In den Wohnungen gibt es keine Farben, mit weißen Wänden, grauem Linoleumboden und klar lackierten Holzprofilen bieten sie den Bewohnern keine fordernde Kulisse, sondern ein Höchstmaß an Neutralität.

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Deckengemälde im Waschhaus des ROM.HOF. Foto © Uta Winterhager

 

Auf fast schon subversive Weise entwickelte der Maler Detlef Beer das Himmelsbild der blauen Decken weiter – dort wo der Architekt Farbe bestimmt hat, verhinderte er sie. Der zentralen Position des Waschhauses entsprechend, klebte er die Decke dort vor dem Anstrich ab, so dass danach eine stilisierte weiße Sonne blieb. An der Decke der Gemeinschaftsküche zeichnete er auf die gleiche Weise ein Sternenbild mit 93 Punkten, jeder nicht größer als ein Fingerabdruck. Ein einzelner Stern ist über dem Kicker im Spieleraum platziert. Sehr romantisch und ein wenig geheimnisvoll ist die Fortschreibung in den Studioli, wo, wer den Blick hebt, den Namen seines Sterns in kleinen Buchstaben an der Decke ausgespart liest. Selten ist der Dialog zwischen Kunst und Architektur so spannend wie hier, wo beide mehr können als sie müssen.

Von außen betrachtet passt die Schablone dieses archaischen Lebensstils gut auf die studentischen Bedürfnisse. Kochen, waschen, spielen und studieren, alles hat seinen Platz, der einzelne wie die Gemeinschaft. Schlüssig ist die Form in ihrer Eigenlogik, nur einer zeitlichen Einordnung entzieht sich der ROM.HOF vollkommen. Er hat mehr von gestern als von heute, so als hätte er schon alles gesehen und das Beste davon behalten. Obschon nicht gedämmt, ist dies auch eine Form der Nachhaltigkeit.

 

 

Dieser Beitrag erschien  in der Bauwelt 37/2014.

Zur Internetseite des Architekten Uwe Schröder und des Künstlers Detlef Beer.