Köln

In seinem Grundgedanken unantastbar: Das Römisch-Germanische Museum Köln

Ende 2017 muss das Römisch-Germanische-Museum wegen dringend notwendiger Sanierungsarbeiten geschlossen werden. Genaue Planungen gibt es noch nicht, auch keinen Architekten, der damit beauftragt wäre, doch die Verwaltung hat für die anstehenden Maßnahmen einen Zeitraum von sechs Jahren und vier Monaten veranschlagt. Und das ist erst einmal sehr abstrakt gerechnet. Da die Sanierung und ebentuelle Umbauten jedoch unmittelbar von der Entscheidung zur Historischen Mitte abhängig sind, bleiben derzeit noch viele Fragen offen, während Politik und Verwaltung sich gegenseitig dafür verantwortlich machen ohne verbindliche Antworten zu geben.

Besuchern, die das Museum, das sich heute quasi noch im Originalzustand von 1974 befindet, sehen möchten, empfiehlt es sich also, dies in den kommenden vier Monaten zu tun. Danach bleibt bestenfalls der Blick von der Domplatte auf das Dionysos-Mosaik, mit dessen Auffindung dort alles begonnen hatte.

Sehnsucht nach Stadtgeschichte

Mitten im Zweiten Weltkrieg wurde bei Ausschachtungsarbeiten für einen Luftschutzbunker am Südportal des Domes ein über 70 Quadratmeter großes Mosaik mit zahlreichen Darstellungen aus der Mythologie des Fruchtbarkeitsgottes entdeckt, das einst den Speisesaal eines römischen Peristyl-Hauses geziert hatte. Das sogenannte Dionysos-Mosaik wurde zu einer Attraktion, die trotz des Krieges tausende Menschen anzog, die Schlange standen, um die Fundstelle zu besichtigen. Nur wenige Monate nach Kriegsende wurde aus der Römischen und Germanischen Abteilung des Wallraf-Richartz-Museums und dem Museum für Vor- und Frühgeschichte das Römisch-Germanische Museum gegründet. Zunächst blieb es ohne eigenes Haus, bezog 1961 provisorisch den Dombunker, während die Stadt im folgenden Jahr den Wettbewerb für einen Neubau auslobte. Dieser sollte direkt am Fundort des Dionysos-Mosaiks, zu Füßen des Doms und damit im Zentrum der von Rudolf Schwarz konzeptionierten Hochstadt errichtet werden.

Öffentliche Räume

Auch wenn die Neugestaltung der Domplätze schon im Gespräch war, eine konkrete städtebauliche Lösung gab es Anfang der 60er Jahre noch nicht. Dennoch hatte die Hohe Domkirche selbst die Südseite des Roncalliplatzes mit dem Kurienhaus (Architekt Bernhard Rotterdam und Dombaumeister Willy Weyres) markiert, der Neubau des Römisch-Germanischen Museums sollte dann die zum Rhein hin offene Ostseite besetzen.

Die Bauwelt berichtete in Heft 25 am 8. Juli 1974 © Bauwelt

Die Braunschweiger Architekten Heinz Röcke und Klaus Renner gewannen den Wettbewerb mit einem aus heutiger Sicht fast unheimlich modernen Bau. Der himmelstrebenden gotischen Domfassade setzten sie zwei flache, orthogonale Baukörper entgegen, den Museumsbau und ein kleineres, mit einem schmalen Steg angebundenes Studienhaus. Was sich in der Ansicht so ortsfremd generierte, fußte jedoch sehr solide im Raster des römischen Straßennetzes. Wer auf einem Quadrat plant, der möchte ein Solitär, doch der Grundriss des Museums entwickelten sich aus dem Vorbild des römischen Peristyls, einem säulenumstandenen Hof, der sich, um das Gebäude zur Stadt zu öffnen, nach außen kehrt. So liegt nun das verglaste Erdgeschoss des Museums eingerückt hinter einem umlaufenden Säulenkranz, die Domplatte wird zum Hof und steinerne Fundstücke bespielen die Arkaden. Diese leiten und locken die Besucher in eine Passage, die das Museum aus der Mitte heraus vollkommen schwellenlos erschließt. Das glatte, mit Granitplatten verkleidete Obergeschoss scheint trotz seiner steinernen Schwere zu schweben, sein einziger Schmuck sind die prägnanten roten Lettern des Namenszugs.

 

Nachtansicht der Rheinseite des RGM aus dem Jahr der Eröffnung 1974 © Stadt Köln, Archiv des Römisch-Germansichen-Museums

Freie Rundgänge

Die großzügig dimensionierte Passage richtet das Museum wie den nach Osten aus und inszeniert die Blickachse von der Domplatte über eine Terrasse auf den Rhein – eine Aussicht, die mit dem Bau des Museum Ludwig verstellt wurde. Kompakt wirkt der Bau und überrascht doch immer wieder mit großer Offenheit. Schon von außen können Passanten einen Blick auf die in der offenen Treppenhalle platzieren Schaustücke werfen, auf das im Untergeschoss liegende Dionysos-Mosaik und das zweieinhalb Geschosse hohe Poblicius Grabmal. Das Obergeschoss ist als Großraum geplant, der im Rahmen des von dem damaligen Direktor Hugo Borger entwickeltes Konzeptes erstmals einen freien Rundgang zwischen antiken Architekturfragmenten, Sockelinseln aus Tuffstein und lockeren Gruppierungen schlanken Vitrinen erlaubte. Belichtet wird er – hier wieder ein Zitat aus der Baugeschichte – über ein Atrium, das dem, der den Blick steil nach oben richtet, ein Stückchen Dom zeigt. Das kleinere Studiengebäude steht ein wenig abgerückt vom Roncalliplatz, zwischen beiden Häusern verläuft die römische Hafenstraße, das Straßenniveau verspringt, es wird enger, altstädtischer. Hier, wie auch auf der Domseite, wo die verbleibende Gasse nur wenige Meter breit ist, wird man als Passant quasi gezwungen, sich mit dem Ort, mit seiner Geschichte auseinandersetzen. Schon sehr früh hat das Römisch-Germanische Museum den öffentlichen Raum genutzt, sein Haus als Schaufenster in die Römerzeit geöffnet und damit vieles vorweg genommen, das in den letzten Jahren zur Regeneration des Domumfeldes diskutiert wurde. Doch Marcus Trier, Direktor des Römisch-Germanische Museums, ist besorgt um sein Haus und dessen Nachbarschaft. Die Umgestaltung der Domumgebung hat er nicht nur als Anrainer und Museum begleitet, sondern auch als Bodendenkmalpfleger, da alles was dort geschehen ist, Eingriffe in den historischen Boden erforderte.

Dr. Marcus Trier © Rheinisches Bildarchiv Köln

Der Archäologe Dr. Marcus Trier ist seit September 2012 Direktor des Römisch-Germanisches Museums und der Archäologischen Bodendenkmalpflege

Ihr Standort auf der Domplatte ist ungewöhnlich – ist das Römisch-Germanische Museum hier immer noch richtig platziert?

MT| Es gibt keinen besseren Standort! Diese Stadt hat zwei Herzen, das Rathaus und den Dom. Unser Standort neben dem Dom und über dem Fundort des Dionysos-Mosaiks, ist einzigartig und in seiner Qualität nicht zu übertreffen. Die Verbindung der Stadtgeschichte mit dem Dom ist so herausragend, dass sie nahelegt, auch das Stadtmuseum dort zu positionieren. Wir decken den Zeitraum von der Altsteinzeit bis zur römischen und frühmittelalterlichen Stadtgeschichte ab, dann übernähme das Stadtmuseum den Staffelstab. Das ist der Grundgedanke der Historischen Mitte. Wir sind jedoch in diesen Prozess unter der Prämisse gestartet, dass das Römisch-Germanische Museum als architektonisches Solitär in seinem Grundgedanken unantastbar ist.

Wie sieht die Zukunft Ihres Hauses aus?

MT| Bisher haben wir nur einen sechs Jahre alten Generalsanierungsbeschluss über 18,3 Millionen Euro. Damals ging es allein um die Raumlufttechnik und um die Neukonzeption der Tragwerksplanung, was natürlich vollkommen unzureichend war. Im Rahmen der Planungen für die Historische Mitte wurde auch die Generalsanierung des Hauses noch einmal neu gerechnet und der Betrag erhöhte sich auf 34,5 bis 41,7 Millionen Euro – das bedarf natürlich eines neuen Ratsbeschlusses. Allerdings muss man dazu wissen, dass die Generalsanierung nie im Zweifel stand, während die Realisierung der Historischen Mitte noch keineswegs gesichert ist. Die Schließung des Museums Ende 2017 steht jedoch unabhängig davon an, weil die Raumlufttechnik, der Brandschutz und all das, was jeden modernen Bau in die Knie zwingt, nach dem 31.Dezember nicht mehr zulässig sind.

Den Blick durch die zentrale Passage auf den Rhein verstellt seit 1986 das Museum Ludwig. © Thilo Schmülgen für Stadt Köln

 

Seit Ende letzten Jahres steht das Museum unter Denkmalschutz. Was bedeutet das für Sie?

MT| Ich finde die sachliche Architektur dieses schmucklosen Baus wirklich großartig – nur in seinem Zustand ist er unbefriedigend. Wenn Sie sich Fotografien aus der Zeit kurz nach der Eröffnung im Jahr 1974 ansehen, werden Sie ganz andere Qualitäten erkennen. Damals, ohne das Museum Ludwig, erlaubte die Passage den Durchblick auf den Rhein und die historische Hohenzollernbrücke. Auch wenn das Haus als architektonische Institution für uns unantastbar ist, meint das nicht, dass wir den Durchgang nicht geschlossen sehen wollen, denn zum einen werden wir der Probleme nicht mehr Herr, die das derzeitigen Verhalten vieler Menschen mit sich bringt, und zum anderen bieten sich damit Möglichkeiten, das Museum ins 21. Jahrhundert zu führen. Die Servicebereiche, Sanitäranlagen, Schülergarderoben, ein moderner Museumsshop und – sollte die Historische Mitte nicht realisiert werden – eine Gastronomie können wir nur ein- und umbauen, wenn wir im Erdgeschoss mehr Platz haben. Der Gedanke der Schließung des Durchgangs im Sinne einer Erweiterung des Erdgeschosses ist im Übrigen gar nicht neu. Ich habe im letzten Jahr lange mit Herrn Klaus Renner, einem der beiden inzwischen über 80jährigen Architekten, zusammen gesessen und erfahren, dass schon in den 80er Jahren darüber nachgedacht und vorsichtig skizziert wurde.

Nach wie vor sind wir aber nicht nur von der Außenhülle des Gebäudes vollkommen überzeugt, sondern auch von der musealen Konzeption, die ja ausdrücklich auch Teil der Unterschutzstellung ist. Und deshalb werden wir im Sinne einer ‚fortgeschriebenen Kontinuität‘ auch daran festhalten. Der freibestimmte Rundgang durch das Haus, in dem sich Themenblöcke aus Sockelinseln und Vitrinenlandschaften erschließen, ist im In- und Ausland vielfach kopiert worden – auch bei den neuesten Überlegungen in Berlin finden wir uns wieder.

Bis heute beispielhaft und unverändert ist die museale Konzeption, die einen freien Rundgang um Sockelinseln und Vitrinen ermöglicht. © Stadt Köln, Archiv des Römisch-Germanischen-Museums

 

Was können Sie als Museum für den öffentlichen Raum tun und welche Forderungen stellt der öffentliche Raum an Sie?

MT| Die Arkaden wie auch die Passage wurden von Beginn an als Bestandteil der Ausstellungsfläche geplant und genutzt. Sollte die Passage geschlossen werden, dann nur mit Glaswänden, um die kommunikativen Blickachsen aufrecht zu erhalten. Wenn wir die Traufen wegen der sozialen Probleme darunter aufgäben, würde das Haus seine architektonische Qualität, seinen leichten, fast schwebenden Charakter sofort verlieren und zu einem dicken Klotz werden. Es wird ein transparentes, offenes Haus bleiben.

 

Wie waren Sie als Bodendenkmalpflege und Anrainer auch an dem Verfahren zur Gestaltung des Kurt-Hackenberg-Platzes beteiligt?

MT| Wir waren an den Workshops beteiligt, da wir nicht nur als Anrainer, sondern auch als Amt für Bodendenkmalpflege in dieses Verfahren eingebettet waren und zudem auch die historische Topografie dieses Bereich kennen. Der moderne Kurt-Hackenberg-Platz, der ein „Produkt“ des Wiederaufbaus nach 1945 und keine historische Freifläche ist, liegt in der ehemaligen erzbischöflichen Immunität, die sozusagen die erzbischöfliche Stadt innerhalb der mittelalterlichen Stadt war. Darüber wissen wir auch archäologisch und stadtbaugeschichtlich eine ganze Menge.

 

Man spricht inzwischen gerne von einem Paradiesgarten, der dort entstehen wird.

MT| Ja, auf die historische Ortsbezeichnung „Pardies“ habe ich im Zuge des Workshops hingewiesen habe. An der Stelle der heutigen Bischofsgartenstraße lag im Mittelalter der historische Lust- und Schießgarten des Erzbischofs. Der Begriff „Paradies“, von dem die Quellen berichten, passt, wie ich finde, sehr schön zu den städtebaulichen Planungen des Büros Vogt. Da die Neuplanungen für den Kurt-Hackenberg-Platzeine möglichst unmöblierte Fläche vorsehen, wird dort ein ursprünglich geplantes gläsernes Häuschen mit einem Treppenabgang zu dem bei der U-Bahn-Archäologie freigelegten römischen Hafentor nicht realisiert. In dem Bereich unter dem Platz hatten wir vor einigen Jahren einen aufregenden Befund freigelegt: ein 12 Meter langes Stück Stadtmauer mit Hafentor, das im 4. Jahrhundert zugemauert wurde und darüber Reste des erzbischöfliches Wohnhauses aus dem 12. Jahrhundert. Diese Funde konnten wir auf der Basis eines Ratsbeschlusses dauerhaft erhalten, indem nur das Fundament zurückgebaut worden ist und der gesamte aufgehende Bereich, der etwa 5 bis 6 Meter hoch ist, auf der Decke der U-Bahnröhre stehen geblieben sind. Der Zugang zu diesem europaweit einzigartigen Fundkomplex erfolgt zunächst temporär. Eine befriedigende und dauerhafte Lösung wird hoffentlich über Historische Mitte bzw. die Generalsanierung des Museums gelingen.

Früher befand sich an der Seite des Museums das Café. Volker Staab hat in seinem Entwurf für die Historische Mitte die Museumseingänge zentral an diese Stelle gelegt und über einen kleinen Platz miteinander verbunden. Hier könnte es dann auch wieder Kaffee geben. © Uta Winterhager

 

Die Spuren der Stadtgeschichte sind in Köln zwar allgegenwärtig, nur manchmal vielleicht auch etwas hinderlich?

MT| Köln ist stolz auf seine Geschichte, aber Geschichte ist genauso aufregend wie anstrengend. Doch sie ist auch ein Alleinstellungsmerkmal. Köln ist die einzige Millionenstadt Deutschlands mit einer 2000jährigen Stadtgeschichte – davon können Hamburg, Berlin und München nur träumen. Wir wollen als Bodendenkmalpflege die Stadtentwicklung gleichwohl nicht unmöglich machen, wir sind Teil des Gesamten. Wir erfahren hier in Köln generell eine extrem hohe Akzeptanz unserer Arbeit. Das Interesse der Menschen an der Antike ist oft überwältigend!

Uta Winterhager

Die Transformation der Platte

Domplatte Fritz Schaller 1964 – 1970

Domtreppe Schaller/Theodor 2004 – 2006

Historische Luftaufnahmen zeigen ein surreales Bild, der Dom steht, etwas ramponiert, aber aufrecht, inmitten eines Trümmerfelds, der größte Teil der Kölner Innenstadt wie ausradiert. Diese Situation, so traurig sie auch war, bot Rudolf Schwarz, der den Wiederaufbau der Stadt als Generalplaner verantwortete, ideale Voraussetzungen um grundlegende Ideen für „Das Neue Köln“ zu entwickeln und zu realisieren. Die neue Großstadt sollte sich als lebendig durchbaute Landschaft um zwei Pole gruppieren: die alte ehrwürdige Hochstadt mit ihren zentralen Aufgaben in Verwaltung, Bildung, Hoheit und Anbetung, sowie eine werktätige Stadt der Arbeit im Norden. Das Zentrum der Hochstadt markierte in seinem Konzept wie seit Jahrhunderten der Dom. Um hier die gewünschte Dichte zu erzeugen, beendete Schwarz das Streben nach der noch aus dem 19. Jahrhundert stammende Vision von der räumlichen Isolation des Doms.

Fritz Schaller war als Mitarbeiter in der Wiederaufbaugesellschaft mit dem von Rudolf Schwarz entwickelten städtebaulichen Konzept wohl vertraut, gab aber selbst auch als Kirchenbauer wichtige Impulse. 1954 war Schaller dem Dom mit dem Bau der Bank für Gemeinwirtschaft (heute Domforum) bereits einmal sehr nahe gekommen und hat mit einer feinfühligen Modernität eine passende Antwort auf die Übermacht der Gotik gefunden.

Doch die städtebauliche Situation um die Kathedrale spitzte sich zu, mehr und mehr sah man sie auf einer Verkehrsinsel sitzen, was kaum Schwarz’ Vorstellung vom Zentrum der Hochstadt entsprechen konnte. 1964 lobte die Stadt einen Wettbewerb für die Gesamtplanung der Domplätze aus, den Fritz Schaller mit einem Konzept gewann, das den Plural der Plätze in der Auslobung scheinbar ignorierte. Es war eine Gesamtlösung zur „Integration des Doms in das Stadtgefüge und seiner Befreiung aus der räumlichen Isolierung“. Funktional und gestalterisch aus einem Guss, überdeckelte eine Platte den ruhenden wie den fahrenden Verkehr und widmete das Plateau den Fußgängern. Der Boden war mit Granitplatten ausgelegt, es gab Brunnen, Beete, Kioske und Intarsien, um die große Fläche zu gliedern, eigens entworfene Lampen markierten das Terrain. Gut viereinhalb Meter schwebte die Platte über dem Niveau der Stadt, im Süden und Westen half die Topografie, dass die Höhe mit wenigen Stufen zu erreichen war, doch die Kanten im Norden und Osten waren schroff. Schaller inszenierte die Härte mit Sichtbeton und strenger Geometrie. Insbesondere mit der komplexem Struktur der vom Bahnhof auf das Nordportal hinauf führenden Treppenanlage aus der sich zu beiden Seiten Reihen achteckiger Pilze entwickelten, die die Platte stützen und die Fußgänger leiteten, hatte er sich weit von der sanften Topografie des Domhügels entfernt und die Domumgebung vollkommen neu erfunden. Doch war das nicht unerhört, die Stadt dadurch einfach auf die Höhe des Gotteshauses anzuheben?

 

Ansicht Domplatte von Osten, frühe 70er Jahre © Büro Schaller

 

Christian Schaller: Nach dem Krieg beschränkte sich die sakrale Würde des Doms nur auf den Chorbereich –  der Rest war ein öffentlicher Raum, es war eine Bürgerkirche. Dazu passte es natürlich zu sagen, lasst uns den Dom von seinem Podest heben und auf die Stadtebene stellen.

 

Schaller hatte Mut bewiesen, sowohl inhaltlich mit einem neuen Verständnis von Gesellschaft, Stadt und Kirche, aber auch mit einer Gestaltung, die es scheinbar unbeeindruckt wagte, eine ganz eigene Sprache zu sprechen. Aber unumstritten war die Domplatte nie. Schaller hatte den Dom zwar aus seiner Insellage befreit, doch sein Umfeld damit in ein Oben und ein Unten geteilt. Und das funktionierte zunehmend schlechter. Sittenverfall hätte man das Phänomen damals vielleicht genannt, das die Nadelöhre, Tunnel und Passagen an den Kanten und darunter unangenehm werden ließ. Der nackte Beton des brutalistischen Bauwerks tat ein übriges, dass die Wertschätzung der Domplatte trotz zehntausender Passanten, die sie sicher aus der Stadt  zum Bahnhof führte und ebenso vieler Fahrzeuge, die sie schlucke und kanalisierte, rapide abnahm.

 

Christian Schaller: An dieser Stelle löste sich die etwas zwanghafte Sechseckgeometrie der Domplatte in diesen verknautschten Hof auf. Und dort drin stand der berauschte Dionysos und schaute hoch zum Chor. Als sich dann alle über diesen Pinkelhof aufregten, hat mein Vater den Vorschlag gemacht, den ganzen Hof unter Wasser setzen, um damit das Problem zu lösen. >>>> Skizze Fritz Schaller 1983/84

 

Doch es war nicht nur die Domplatte, sondern auch die ehrgeizige Kulturbauten, die drauf und daran errichtet wurden, das Römisch-Germanische Museum und das Museum Ludwig, die sämtliche Städtebautheorien einem gnadenlosen Praxistest unterzogen.

Ansicht der Treppe vor dem Nordportal, frühe 70er Jahre © Büro Schaller

Immer wieder kamen Stadt und Planer zusammen, um nach Lösungen zu suchen, doch Entscheidungen gab es nicht. Erst als ein Investor plante, ein Shoppingcenter unter den Bahnhofsvorplatz zu bauen, kam ein ausreichend großer Druck auf, denn das wollte niemand. In einem Gedankenaustausch entwickelten mehrere Büros neue Konzepte für die Schnittstelle Bahnhof/Dom. Den entscheidenden Beitrag lieferte das Büro Schaller/Theodor mit einem seinerzeit verworfenen und nun überarbeiteten Entwurf für einen autofreien Bahnhofsvorplatz und eine großzügige breite Treppenanlage zur Überwindung einer deutlich verschlankten Straße. Diese Idee hätte die Stadt zur Grundlage eines Wettbewerbs gemacht, doch Schaller bestand auf seinem Urheberrecht und erhielt den Auftrag. Fertiggestellt wurde die Treppe zwei Jahre später 2006. Vom Bahnhof aus betrachtet zeichnet sie in ihrer Großzügigkeit und sanften Kontur nun wieder das Bild des ehedem verbauten Domhügels nach, den man nun wieder ohne Bedrängnis erklimmen kann.

Doch während hier die Beharrlichkeit des Büros Schaller/Theodor zu einer nicht nur funktionalen, sondern auch sehr ästhetischen  und verhältnismäßig schnellen Lösung geführt hat, entwickelte die Umgestaltung im Bereich des Dionysoshofs/Baptisterium hinter dem Domchor erst zu einem finanziellen, dann zu einem planerischen Problem. >>>>> Domumgebung Ost

Domplatte und Treppe zwischen Bahnhof und Nordportal © Büro Schaller

Die Ansicht der Domplatte hat sich durch die Maßnahmen der letzten Jahre erheblich verändert. Und genau das war der Plan, um dem Dom  endlich wieder eine ihm würdige Umgebung zu Füßen zu legen. Interessant ist jedoch, dass trotz der gefeierten Wiederentdeckung des Brutalismus nie eine Diskussion um den Denkmalwert der Platte gegeben hat.

Ihr Urheberrecht mussten Fritz und Christian Schaller privatrechtlich verteidigen. Denn gerade in den Bereichen, die die größten Probleme gemacht haben, zeigte die Platte ihre Kante am expressivsten. Dass dies nun ein Verlust ist, den die Qualitäten der neuen Gestaltung wettmachten, ist zum Konsens in der Stadt geworden.

 

Stadtkonservator Dr. Thomas Werner | Die 60/70er Jahre Architektur und der Brutalismus sind für alle Denkmalpfleger ein großes Thema geworden. Da wir in den Unterschutzstellungsuntersuchungen zu dieser Epoche aber erst am Anfang stehen, fehlen uns die Grundlagenwerke und Bewertungskategorie, um zu entscheiden welchen dieser Gebäude oder auch Stadtplanungen ein Denkmalwert zukommt und welchen nicht. In den vergangen Unterschutzstellungsuntersuchungen innerhalb des Kölner Stadtraumes stand die Domplatte nie im Fokus. Auch einen externen Antrag für eine Unterschutzstellung wurde nicht gestellt, sodass bis heute offen bleiben muss, ob die Domplatte einen Denkmalwert besessen hat.  

 

Der Beitrag erschien ursprünglich in Bauwelt 15 | 2017

 

 

 

 

 

 

 

 

Spürbare Transzendenz

Grabeskirche St. Bartholomäus in Köln

Den Menschen Gewissheit geben, dass sie über den Tod hinaus nicht vergessen werden: Dieser Wunsch begleitete den Umbau der Kölner Bartholomäuskirche zum Kolumbarium durch Kissler + Effgen. Mit Licht und Schatten haben sie Räume gebildet, ohne Grenzen zu ziehen.

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Gewollte Unschärfe lässt die Grenzen zwischen hier und dort verschwimmen. Foto: Robert Winterhager

 

Überall im Land werden Kirchen geschlossen. Im Kölner Stadtbezirk Ehrenfeld etwa finden in der Pfarrei „Zu den Heiligen Rochus, Dreikönigen und Bartholomäus“ nur noch in zwei der drei Kirchen weiterhin Sonntagsgottesdienste statt – die dritte dient seit Anfang dieses Jahres als Urnenbegräbnisstätte (Kolumbarium). Dass die Gemeinde 2006 beschloss, ausgerechnet St. Bartholomäus in eine Grabeskirche umzuwandeln, mag man fast als Glücksgriff bezeichnen, denn der 1959 geweihte Saalbau von Hans Schwippert strahlt genau den puristischen Ernst aus, den man sich für einen Ort der Trauer wünscht. Das Gebäude am Bickendorfer Helmholtzplatz liegt in einem ruhigen städtischen Umfeld, dessen ehemals industrielle Prägung im Stadtbild noch deutlich ablesbar ist. Unter dem Einfluss der brutalistischen Strömungen in den späten 1950er Jahren plante Schwippert hier ein Gotteshaus, das dem traditionellen Bild einer Kirche zuwiderlief, dafür aber der Ambivalenz des Ortes entsprach. Der mit rotem Backstein ausgefachte Stahlbetonrahmenbau zeigt Material und Konstruktion so offen und rau, dass man den einige Stufen unter Straßenniveau liegenden Quader mit dem abgerückten Campanile auch für eine Sporthalle oder Fabrik halten konnte – in vorkonziliarer Zeit eine mutige Übertragung.

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Kirche ohne Allüren. Weniger geht kaum, mehr muss hier nicht sein. Foto: Uta Winterhager

 

Gewebe statt Gemäuer

St. Bartholomäus ist das erste Kolumbarium im Erzbistum Köln; entsprechend viel Überzeugungsarbeit der Gemeinde war notwendig, bis das Generalvikariat dem Vorhaben zustimmte und die kirchliche Baugenehmigung erteilte. Für die relativ junge Bauaufgabe der Umnutzung einer Kirche als Kolumbarium gibt es keine Standardlösung, wohl aber strenge, von der Diözese erlassene liturgische Auflagen. In diesem Fall war es vorgeschrieben, den Ort der Trauerfeier (Kapelle) vom Ort der Beisetzung (Kolumbarium) räumlich zu trennen. Das Wiesbadener Büro Kissler + Effgen gewann den 2011 unter zwölf eingeladenen Teilnehmern ausgelobten Wettbewerb mit einem Entwurf, der mit der Klarheit des Kirchenraums arbeitet und Räume nicht durch Mauern oder Höhensprünge, sondern allein durch Licht und Schatten voneinander scheidet.

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Während der täglichen Öffnungzeiten ist das Innere des Sakralraums unbeleuchtet. Foto: Robert Winterhager

 

Zunächst wurde der erhöhte Chorbereich dem Niveau des übrigen Kirchenraums angepasst, der Basaltboden entfernt und ein heller Gussasphalt eingebracht. Die Kapelle, markiert nur durch ein abgehängtes Metallnetz, platzierten die Architekten an zentraler Stelle im Mittelschiff, an dessen vier Seiten die Urnenwände zehn nischenartige Kabinette bilden. Wer St. Bartholomäus heute durch das linke Bronzeportal betritt, muss unter der Empore des Seitenschiffs erst einmal innehalten, um sich an das Schummerlicht zu gewöhnen. Beton und Ziegel, so rau wie draußen an der Fassade, verlieren durch das gedämfte Licht ihre spröde Kargheit. Auch wirkt der Raum trotz seiner Höhe sehr intim. Es sind die von Giselbert Hoke nach Motiven des Sonnengesangs des Heiligen Franziskus gestalteten Fenster, die 1978 das ursprüngliche Klarglas ersetzten und den Charakter des Innenraumes maßgeblich verändert haben: Sie filtern das Tageslicht so stark, dass es möglich ist, Kunstlicht zur Gliederung und Definition des Raumes einzusetzen. Schon im Wettbewerb sahen Kissler + Effgen vor, die Kapelle nur mit einem Metallgewebe einzufassen und die räumliche Gliederung durch den gezielten Einsatz von Licht zu verdeutlichen. Allerdings konnten die Architekten bei der Realisierung dieser Idee auf keinerlei eigene oder fremde Erfahrungen zurückgreifen. Nach intensiver Recherche fand sich ein Ringgewebe aus Bronze (Alphamesh), dessen hochglanzpolierte, goldfarbene Oberfläche sich als so reflektionsstark erwies, dass es bei entsprechender Beleuchtung trotz seiner Netzstruktur als eine ausreichende räumliche Begrenzung wahrgenommen wird. Dank seines relativ geringen Eigengewichts von 3,4 kg/m2 konnte das Gewebe in einer Rahmenkonstruktion mit Stahlseilen auf sehr dezente Weise von dem Primärtragwerk der Kirchendecke abgehängt werden. Mit seinen Abmessungen von 7 x 7 x 11 m (HxBxL) wurde der Kapellenbereich den Proportionen des Mittelschiffs angepasst und bleibt nach oben offen. Darin stehen, in drei Reihen angeordnet und auf den Altar ausgerichtet, die von Schwippert entworfenen Kirchenbänke sowie ein Flügel. An drei Seiten öffnet sich die Kapelle mit einem größeren und zwei sehr schmalen Zugängen zur Umgebung. Zur Kennzeichnung und Stabilisierung sind die Öffnungen im Bronzegewebe mit schmalen Profilen eingefasst. Die Kanten der hängenden Konstruktion wurden lediglich mit einem transparenten Nylonfaden vernäht.

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Foto: Uta Winterhager

 

Licht und Schatten

Das Zusammenspiel von Licht und Material haben die Architekten gemeinsam mit arens faulhaber lichtplaner (Köln) an Musterstücken vor Ort getestet. Insgesamt wurden fünf verschiedene Licht-Raum-Szenarien entwickelt. An der Rahmenkonstruktion des Netzes wurden innen wie außen lineare LED-Leuchten montiert, die wegen des sehr kleinen Abstrahlwinkels nur das Gewebe über seine gesamte Höhe gleichmäßig in einem warmen Goldton leuchten lassen. Mit zusätzlichen Strahlern kann der Kapelleninnenraum beleuchtet werden. Während eines Trauergottesdienstes wird das Bronzegewebe von innen angestrahlt, so dass der umgebende Urnenbereich im Dunklen liegt und nicht wahrnehmbar ist. Auch auf dem hellen Estrichboden zeichnet sich die gewünschte räumliche Trennung mit Licht und Schatten deutlich lesbar ab. Während der Beisetzung wird die Kapelle dann so von der äußeren Leuchtenreihe angestrahlt, dass sie von außen kaum mehr einsehbar ist. Dafür reflektiert das Netz das Licht gleichmäßig in den Umgang und die Nischen. Ist die Kirche tagsüber für Besucher geöffnet, wird das Licht so geschaltet, dass das Netz in beiden Richtungen transparent erscheint und das golden schimmernde Material dem gesamten Innenraum eine unaufdringliche Wertigkeit verleiht.

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Die Messingplatte mit Gravur von Kreuz, Namen und Daten kommzeichnet die Grabstätte. Kerzenglas und Vase auf dem schmalen Bord möchten den Schmuck beschränken. Foto: Uta Winterhager

 

Klarheit und Mysterium

Im Unterschied zu den meisten historischen Kolumbarien ist die Urnenwandanlage in St. Bartholomäus aus Metall. Kissler + Effgen trafen diese Materialwahl nicht zuletzt deswegen, um die geforderte Zahl von 700 Einzel- und 900 Doppelkammern so realisieren zu können, dass die einzelnen Kammern nicht über Kopfhöhe, aber auch nicht zu nah am Boden liegen. Der Stahlkorpus wurde mit einem Messingblech vollkommen bündig verkleidet, dessen vor Ort von Hand brünierte Oberfläche einen warmen, erdigen Ton erhalten hat, der sie deutlich von der ungeschliffenen Substanz der Kirche unterscheidet. Jede Urnenkammer ziert ein mit dem Kreuzsignet des Pfarrverbundes versehener, goldglänzender Messingknauf. Nach dem Einstellen der Urne dürfen die Angehörigen den nicht mehr benötigten Knauf zum Andenken mitnehmen. An dem Bohrloch, das er verdeckte, wird nach der Beisetzung die Messingplatte zur Kennzeichnung des Grabes befestigt. Sie kann den Wünschen der Angehörigen entsprechend gestaltet werden und bietet auf einer schmalen Konsole Platz für eine Kerze und eine schmale Vase. Im Laufe der Jahre werden die Messingplatten ein zufälliges, sich ständig verdichtendes Muster auf die dunklen Flächen der Grabwände zeichnen. Den Kontrast von brüniertem und poliertem Messing setzen die Architekten auch bei der Gestaltung von Ambo, Osterkerze und Urnenpodest ein; einzig der neue Altar, ein glatter Sichtbetonkubus, greift auf Schwipperts Materialkanon zurück. Bleiben die Figuren des von dem tschechischen Künstler Ludek Tichy geschnitzten Kreuzwegs. Angebracht an den Stirnseiten der Grabwände und an zusätzlich aufgestellten Stelen, bilden die Stationen einen Ring um die Kapelle. Die 15. Station, die Jesu Auferstehung darstellt, liegt dem Kapellenausgang gegenüber – ein wohlplatziertes und bedeutsames Detail, das für die Qualität und die Klarheit des Ganzen steht. Dass es in dieser Klarheit ein Element wie den zentralen Lichtraum gibt, der nicht eindeutig, nicht immer gleich ist, reflektiert auf wunderbare Weise die Überschreitung der Grenzen von Erfahrung, Bewusstsein und Diesseits.

 

 

db 11/14  Schwerpunkt „Material wirkt“, Beitrag von Uta Winterhager

 

 

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350 m2 Ziegelfront, rechts und links ein kleines Portal und dazwischen – ein Tor. So wurde der Kirchenvorplatz mit drei Linien zum Fußballplatz. Das muss man aushalten, findet Uta Winterhager, denn ausgestorbene Plätze sind genauso traurig wie leerstehende Kirchen.

 

 

 

Unter dem Grün die Trümmer

Der Rheinpark in Köln

Egal in welchem Zustand, die Kölner lieben ihren Rheinpark. Nach den Höhepunkten der Bundesgartenschauen 1957 und 1971 verwahrloste er zwar zunehmend, doch ging nur wenig dabei verloren. Seit einigen Jahren tun Stadt und Bürger alles dafür, um das außergewöhnlich vielfältige gartengestalterische Erbe zu erhalten.

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„Häusliche Sorgen“ Skulptur im Rheinpark. Foto: Uta Winterhager

 

Die Idee aus der Uferlandschaft zwischen Deutzer Messe und Mülheimer Hafen einen Volkspark zu machen, stammt bereits aus den 20er Jahren. Schon damals gab es hier einen Park mit funktionaler Zweigliederung: Spiel und Sport auf weiten Auenwiesen sollten den Großstädtern gut tun, ein gärtnerisch stärker kultivierter Bereich hinter dem schützenden Deich Ruhe und Kontemplation ermöglichen. Doch der Zweite Weltkrieg hinterließ auch auf dem Rheinparkgelände nur Bombenkrater und Trümmer. Und während ringsum die Stadt wieder aufgebaut wurde, entsorgte man hier den Schutt, der bald zu unübersehbaren Halden angewachsen war. Als Köln sich 1957 um die Ausrichtung der BUGA bewarb, war der Wunsch groß, an dieser Stelle endlich wieder Raum für Spiel und Erholung zu schaffen.

Modelliert

 »Blumen blühen am Rhein« hieß es, als die Gartenschau im April 1957 eröffnet wurde, doch die Pracht der 2,5 Mio. Pflanzen war nur eine ihrer vielen Facetten. Unter der künstlerischen und technischen Oberleitung des städtischen Gartenbaudirektors Kurt Schönbohm waren die Trümmerberge und der Deich auf einem 2,3 km langen Streifen zwischen Messe und Mühlheimer Hafen zu einer reizvoll welligen Landschaft modelliert worden, die vom Ufer aus leicht anstieg und unattraktive Ansichten von Hafen und Industrie verbarg. Schönbohm, der seinen Rahmenplan aus Elementen der prämierten Wettbewerbsbeiträge des Architekten Rembald von Steinbüchel-Rheinwall, der Gartenarchitekten Günther Schulze und Joachim Winkler und der Landschaftsarchitektin Hertha Hammerbacher erarbeitet hatte, verteilte unterschiedlich gestaltete Themeninseln, deren Dichte und Grad an Gestaltung zum Ufer hin abnahmen, über das Areal. Damit griff er zwar die historische Zweigliederung des Parks wieder auf, vermied jedoch den vormalig harten Bruch zwischen Landschaft und Garten. Mit der Rheinseilbahn, einem Sessellift und der Kleinbahn »Trans-Rheinpark-Express«, fügte er der Gartenschau noch eine attraktive technische Ebene hinzu.

Bis heute wurde an der seit 1989 denkmalgeschützten Anlage des Rheinparks nur wenig verändert. Man sieht dem Park jedoch an, dass er etlichen Hochwasserständen ebenso widerstehen musste wie dem Flächenfraß durch die angrenzende Messe und benachbarter Industrie. Seit 1966 »überfliegt« die Zoobrücke den Park an seinem Nordende und das Dauerrauschen der sechsspurigen Autobahn wurde Teil seiner Geräuschkulisse. Auch die BUGA von 1971 auf demselben Gelände hinterließ ihre Spuren. Doch gelang es, das Gesamtkunstwerk von 1957 nicht zu überzeichnen: dasselbe Planungsteam um Schönbohm ergänzte vorsichtig und modernisierte lediglich partiell.

Als großes Problem stellte sich das fehlende Nachnutzungskonzept für das Bundesgartenschaugelände in den 80er Jahren heraus. Der Stadt fehlten die Mittel, sie ließ Beete verwildern und Sichtachsen zuwachsen, sanierungsbedürftige Spielgeräte wurden abgebaut und nicht mehr ersetzt, die Cafés standen leer und sukzessive verblasste das Erscheinungsbild der einst so eleganten und modernen Parklandschaft. Erst großes bürgerschaftliches Engagement führte dazu, dass der Erhalt des Rheinparks zum lokalpolitischen Thema wurde. Nach einer umfangreichen Analyse wurde die Sanierung schließlich angegangen, so dass der Rheinpark sein 50jährges Bestehen im Jahr 2007 in einem angemessenen Zustand feiern konnte.

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Früher war alles … filigraner! Foto: Uta Winterhager

 

Betoniert

Doch wer den Park heute besucht, wird den Schwund der Architektur zunächst kaum bemerken, so beeindruckend sind die Weite und Vielschichtigkeit der Anlage. Großzügige geschwungene Wege durchziehen das Gelände und verknüpfen die einzelnen Themeninseln, Rosengarten, Flamingoteich, Spielhügellandschaft, Brunnengarten um nur einige zu nennen, miteinander. Hier wurde einmal das Bild einer neuen Zeit gezeichnet, ohne Hierarchie, ohne Raster, ohne Brüche. Auch Architektur und Landschaft standen und stehen gleichberechtigt nebeneinander. Im Rosengarten wurden nach Entwürfen von Schulze und Winkler fünf Lauben gebaut, einfache Stahlkonstruktionen, die an drei Seiten mit Glas verkleidet waren. Im Laufe der Jahre mussten die Gläser entfernt werden, doch die filigranen, weiß gestrichenen Stahlskelette zeigen heute noch, wie groß der Wunsch war, das Gebaute auf ein Minimum zu beschränken, es aufzulösen, damit es eins werde mit seiner Umgebung. Ähnlich einfach gestaltet und doch von hoher grafischer Wirkung sind auch die Pergolen an den Wasserterrassen von Hertha Hammerbacher und die »Windharfen« ihrer Tochter Merete Mattern im Staudengarten.

Zur gestalterischen Einheit von Architektur und Landschaft trägt – ganz uncharakteristisch – auch die abwechslungsreiche Verwendung von Beton bei. Fast könnte man von einem Fest für den Beton sprechen, mit so viel Ideenreichtum und Mut zum Experiment wurde der neue Werkstoff überall präsentiert. Beton erlaubte neue Farben und Formen, strukturierte Oberflächen, filigrane Konstruktionen und er war günstig, schnell verfügbar und sehr modern. Und durchaus langlebig, wenn im Alter auch nicht unbedingt schöner, wie sich an der Vielfalt der erhaltenen Bodenbeläge, Treppenelemente und Brunneneinfassungen zeigt. Ein trauriges Schicksal erleidet das Park-Café (Steinbüchel-Rheinwall), das im Ensemble mit Tropenhof, Großem Blumengarten und Wassergarten das Zentrum der ursprünglichen Parkanlage gebildet hat. Auch heute noch führt das dreigeschossige Gebäude, das entgegen vielfacher Behauptungen keineswegs nur für eine temporäre Nutzung errichtet worden war, mit geschwungenen Terrassen, filigranen Rampen, fliegendem Dach und überschlanken Stützen das stilistische Repertoire der 50er Jahre vor. Doch seit Jahrzehnten verfällt der leerstehende Bau zusehends, eine wirtschaftliche Nutzung zu finden scheint unmöglich, die Zukunft ist weiter ungewiss.

Immer wieder galt und gilt es im Rheinpark individuelle Lösungen zu finden, die Geschichte und Gegenwart gleichermaßen gerecht werden. Bei der Sanierung der charakteristischen Pflasterungen, Betonverbundsteinen, Klinker und Grauwacke, geht die Stadt sehr zurückhaltend vor und ersetzt nur, was zur Gefahr wird. Denn einmal angehoben, so zeigte es sich, lassen sich die inzwischen morschen Beläge kein zweites Mal verlegen. Der Erhalt einzelner Parkelemente wie die Kieselmosaike des Brunnengartens sind sogar so aufwendig, dass er nur nur durch die Arbeit eines Unterstützervereins gesichert werden kann. Und ob die zahlreichen kostbaren Bronzestatuen aus den 50ern, die zunehmend häufig zerstört werden, weiter in einer öffentlichen Grünanlage stehen können, muss noch entschieden werden. Als wahre Publikumsmagneten haben sich indessen durch alle Zeiten die großen, außergewöhnlich gestalteten Spielplätze und die variantenreichen Wasserspiele erwiesen.

Wirklich störend in dieser bunten Collage sind die »Schaufenster« mit Einblicken in die Geschichte des Parks, die vor einigen Jahren an den schönsten Stellen aufgestellt wurden. Ein Park wie der Rheinpark in Köln braucht jedoch kein didaktisches Mobiliar, vielmehr soll er entdeckt werden und überraschen können.

 

Uta Winterhager

 

Aus: db deutsche bauzeitung 04.2014:  In die Jahre gekommen … Der Rheinpark

Architekten: Kurt Schönbohm u.a.

Anschrift: Auenweg, Köln Deutz

 

Schwebeteilchen

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:envihab, Köln Porz, Glass Kramer Löbbert (Berlin), Foto: Uta Winterhager

 

Für die Erweiterung des Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin in Köln entwarfen die Architekten Glass Kramer Löbbert zusammen mit Uta Graff einen Neubau, der zu schweben scheint

Welche Maßnahmen helfen gegen den Muskel- und Knochenabbau, wie er bei Astronauten in der Schwerelosigkeit auftritt? Wie lässt sich der Stress aushalten lange Zeit auf engstem Raum mit einem kleinen Team zu arbeiten? Welche Lichtwellen wirken sich positiv auf den Rhythmus von Schichtarbeitern aus? Fragen wie diese möchte das Kölner Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin beantworten und dabei auch der terrestrischen Medizin dienen. Seit 1959 arbeitet das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), zu dem das Institut gehört, an seinem Hauptstandort in unmittelbarer Nachbarschaft zum Flughafen Köln/Bonn und zeigt sich dort wenig spektakulär, nüchtern wirken die mehrgeschossigen Bürobauten, praktisch die Parkplätze davor, großzügig das Abstandsgrün. Als vor einigen Jahren die Erweiterung des Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin mit einer hochtechnologischen medizinischen Forschungseinheit – genannt :envihab – anstand, erwachte der Wunsch, den weltweit einzigartigen Forschungen über eine angemessene – in diesem Fall also außergewöhnliche – Architektur Präsenz zu verleihen. Gut fügte es sich, dass im Rahmen der Regionale 2010, einem Strukturprogramm des Landes NRW, die innovativsten und leistungsstärksten Forschungs- und Produktionsstandorte der Region unter dem Titel Gärten der Technik vernetzt und in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden sollten. Konkret wurden dadurch die Konzeption des Neubaus, sowie der 2007 europaweit ausgeschriebene Wettbewerb begleitet und gefördert.

Alles unter einer Kiste

Glass Kramer Löbbert und Uta Graff gewannen den Wettbewerb mit einer abstrakt anmutenden Großstruktur, die unbeeinflusst von ihrer biederen Nachbarschaft Schwerkraft und Konventionen in Frage stellt. Eine weiße Plattform mit ornamentaler Perforation scheint über einem umlaufend angeschütteten Erdwall zu schweben. Größe und Stringenz imponieren, das retro-futuristische Bild verlockt. Doch was so augenfällig ist, verbirgt nur Tragwerk und Technik, die eigentlichen Forschungsmodule liegen darunter: acht Häuser im Haus, verborgen hinter dem Wall, räumlich gefasst und versorgt von oben. Wohl wissend, dass ihre Forschung kein statisches System ist, überzeugte die Bauherren die Flexibilität dieses Entwurfes. Denn die große Spannweite des Raumfachwerks ermöglicht eine freie Anordnung der Forschungseinheiten zwischen den vier Reihen filigraner Stützen in der Halle. Im Planungsprozess hat sich diese Anpassungsfähigkeit als überaus nützlich erwiesen, da die technischen Anforderungen zunehmend komplexer wurden. Doch seit der Fertigstellung ist die Möglichkeit zum Wandel aus eben diesem Grund nur noch theoretisch gegeben, der praktische Aufwand wäre enorm.

Die besondere Herausforderung des :envihab lag darin, einen autarken, partiell sogar aus dem irdischen Kontext gelösten Raum für medizinische Forschung zu schaffen. Als Besucherzentrum soll derselbe Raum es einer interessierten Öffentlichkeit ein Bild der wissenschaftlichen Arbeit vermitteln, ohne ins Infotainment zu entgleiten. Doch durch das Spiel mit Innen und Außen, innerem Äußeren und innerem Inneren haben sich die Architekten einen gestalterischen Freiraum geschaffen, in dem sie ihre Bildidee konsequent fortführen konnten.

An der Schmalseite des Gebäudes liegt der Eingang relativ unbetont, und erst von der erhöhten Eingangsebene aus erschließt sich dem durch die äußere Erscheinung des Gebäudes irritierten Besucher die Systematik aus Überbau und Modulen. Unter dem dominanten Dach liegt, zu zwei Dritteln eingegraben, eine große Halle, die über ein Lichtband im oberen Drittel hell und erstaunlich unbeschwert wirkt. Auf einer Grundfläche von 4.150 qm verteilen sich acht unterschiedlich große Einbauten: in Eingangsnähe befinden sich Hörsaal und Infrastruktur-Modul, im hinteren Bereich gruppieren sich fünf Forschungseinheiten um die mittig platzierte Zentrifuge. Die Anordnung erfolgt innerhalb des orthogonalen Rasters der Hallenstruktur, Zwischenräume und Aufweitungen werden zu Fluren und Aufenthaltsflächen erklärt.

Lockt oder schockt

Hilfreich für die Orientierung ist die Gestaltung der Oberflächen. Die Halle zeigt mit Sichtbeton, Glas, frei liegenden Leitungsrohren und als Terrazzo geschliffenem Verbundestrich einen nüchternen, sachlichen Charakter. Die Module sind mit weißem Eternit verkleidet, einem klassischen Fassadenmaterial für „draußen“. Öffnen sich die Türen lockt oder schockt je nach Befindlichkeit der stark farbige Kautschukboden im Inneren der Forschungsmodule. Immer wieder überraschend markieren grelle Farbakzente einzelne Funktionsbereiche, gelb die Nasszellen, grün die Aufenthaltsräume, rot Treppen und innere Fassade.

Für jedes der acht wissenschaftliche Module des :envihab, darunter das Herzstück des Instituts, die Kurzarmzentrifuge, sowie ein PET-MRT, ein Schlaflabor, eine Unterdruckeinheit und ein Psychologielabor gelten ebenso individuelle wie extreme Anforderungen. Allein gemein ist jedoch die Anforderung nach räumlicher Abgeschlossenheit. Nur so können Simulationsszenarien für verschiedene Klima- und Lichtzonen, Geräuschkulissen und Luftdrucksteuerungen geschaffen werden, in denen die Wissenschaftler die Auswirkungen von Langzeitaufenthalt im All am menschlichen Probanden auf der Erde untersuchen können. Konkret sollen alle irdischen Parameter wie Licht, Luft und Schall innerhalb der Module steuerbar sein. Sonderanforderungen hat zum Beispiel die Zentrifuge mit einem eigenen Fundament und Modul 4 (PET-MRT) mit einer Strahlenschutzwand. Die Wände der Module 2 und 5, sowie der äußere Ring des Zentrifugenmoduls und die Treppentürme wirken im statischen System der Halle aussteifend und sind betoniert. Die weitern Einbauten wurden in Trockenbauweise errichtet, jedoch mit einer Dämmschicht, die das normale Maß erheblich übersteigt. Hier zeigt sich noch einmal, dass die Flexibilität in der Anordnung nur noch bedingt gegeben ist.

Die Architekten wollten das Gebäude sehr transparent erscheinen lassen. Ein umlaufender Gang um die Halle steht allen Besuchern offen, nur der Kernbereich um die Zentrifuge ist mit Türen aus Weißglas kaum merklich abgeschlossen. Die Module reichen nicht bis zur Decke der Halle, auf ihren flachen Dächern wurde als Schallschutz weißer Teppich ausgelegt und Strahler montiert. Auf diese Weise abgestrahlt scheint die Hallendecke ferner und leichter und der räumliche Eindruck der Haus-im-Haus-Situation wird verstärkt.

An vier Stellen schieben sich schmale Lichthöfe zwischen die Module und lassen grünlich gefiltertes Tageslicht in die Tiefe des Gebäudes dringen. Doch sind diese Außenräume nicht für dien Aufenthalt geplant, da der Boden mit einer sorgsam modellierten Schicht gewaltiger Mecklenburger Granitfindlinge bedeckt ist. Fast wirkt das ein wenig zynisch, doch hier überzeugt der Pragmatismus der skulpturalen Gestaltung. Die Lichthöfe sind so schmal, dass sie sich mit mechanischen Klappen auf dem Dach vollkommen überdecken lassen. Motoren aus Hafenkränen bewegen die 100 qm großen Stahlklappen, so dass Tag und Nacht im Dienste der Wissenschaft unabhängig von den tatsächlichen Gegebenheiten manipuliert werden können. So können alle Labore unter Tageslichtausschluss arbeiten – nur wo die Arbeit es erlaubt, gibt es kleine Fenster zu den Lichthöfen. Mit den Arbeitsplatzrichtlinien ist das vereinbar, da alle Mitarbeiter noch einen weiteren Arbeitsplatz mit Tageslicht im Bestandsbau haben. Ob diese Introvertiertheit als beklemmend wahrgenommen wird, ist Individuell und situativ bedingt: Probanden, die hier an mehrwöchigen Bettruhestudien teilnehmen, mögen sie anders erfahren als die Wissenschaftler selbst.

Forschen heißt Ungewöhnliches wagen, Konventionen vernachlässigen, Netzwerke knüpfen. Dafür haben Glass Kramer Löbbert mit Uta Graff ein sehr anschauliches Bild gefunden und eine hochfunktionale Wissenslandschaft gestaltet, die immer wieder neugierig macht auf den nächsten Schritt.

 

Uta Winterhager

 

Architekten Glass Kramer Löbbert, Berlin; Graff, Uta, Berlin
Adresse DLR Campus Linder Höhe, 51147 Köln-Porz (keine Besichtigung möglich)

 

Erschienen in Bauwelt 13/2014

 

 

 

 

 

 

Alle wollen Grün

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Nach dem Krieg waren die Menschen froh, wenn sie endlich wieder ein Dach über dem Kopf hatten. In der Siedlung Ostheim II konnten sie sogar den Luxus eines eigenen Badezimmers genießen. Doch noch vor zehn Jahren heizten die Menschen hier mit Braunkohle. So schlecht war die Substanz, dass nur noch Abriss und Neubau halfen. Jetzt ist der Buchheimer Weg pastellgrün, preisgekrönt und wer dort wohnt, findet es einfach schön.

Die Siedlung am Buchheimer Weg wurde zwischen 1954 und 1958 von der Gemeinnützigen Aktiengesellschaft für Wohnungsbau GAG im Rahmen des Entbunkerungsprogramms gebaut. In Köln herrschte große Wohnungsnot und auch zehn Jahre nach Kriegsende hausten viele immer noch kaum menschenwürdig in Bunkern, Ruinen und Behelfsheimen. Es musste also viel, schnell und günstig gebaut werden. Die Wohnungen waren zwar klein, eine Wohnküche, zwei Schlafzimmer und ein Bad, boten aber deutlich mehr Raum als die 4 qm, die die Besatzungsmächte jeder Person zugestanden hatten. Die Kohleheizung entsprach dem damaligen Standard, die Wäsche wurde im Waschhaus gewaschen und dort auch getrocknet. Die 18 Häuser waren schlicht, dreigeschossig mit Hochparterre und Satteldach, pastellfarbige Fassaden sollte die schlichte Architektur aufwerten. Als Zeilen ohne strenges Raster angeordnet, blieben zwischen den Gebäuden großzügige Grünflächen, die in ausgewiesenen Bereichen auch zum Spielen genutzt werden konnten.

Ostheim liegt rund 25 Straßenbahnminuten Dom entfernt am östlichen Stadtrand, und außer dem Rhein, mehreren Eisenbahnsträngen und den Brachen der halbtoten Industrie scheinen noch Welten dazwischen zu liegen. Wer nicht in Ostheim wohnt, weil er dort wohnen muss, fährt dort auch nicht hin. So hatte Rudolf Schwarz, der nach dem Krieg als Generalplaner mit dem Wiederaufbau der Stadt betraut war, die Zukunft wohl nicht im Sinn. Er ließ Neubaumaßnahmen in Form rationeller Großsiedlungen dort planen, wo sie seiner Ansicht nach städtebaulich und sozial hingehörten: an den Rand der Stadt, wo es damals noch eine hohe Konzentration von Arbeitsplätzen gab. Doch mit dem Bau einer Hochhaussiedung in den 70er Jahren spitzte sich die Situation in Ostheim zu, seitdem trägt Stadtteil wie viele rechtsrheinische Quartiere den Stempel sozialer Brennpunkt. Ein Brennpunkt war die Siedlung am Buchheimer Weg allerdings nie, es war einfach keine „gute“ Gegend, denn wer bezieht heute noch eine Wohnung ohne Heizung?

Doch die GAG, die immer noch Eigentümerin der Siedlung ist, wollte die Menschen dort nicht alleine lassen, auch wenn sie das „gemeinnützig“ inzwischen nicht mehr in ihrem Namen trägt. Mehre Architekturbüros beauftragte sie 2005 zu untersuchen, wie die Situation am Buchheimer Weg nachhaltig verbessert werden könnte. Das Kölner Büro ASTOC überzeugte mit der tabula-rasa-Lösung Abriss und Neubau. So schlecht war die Substanz der Häuser, so veraltet die Ausstattung und der Zuschnitt der Wohnungen, so wenig qualitätvoll die Außenräume, dass eine Sanierung sehr aufwändig und kostspielig geworden wäre, ohne zu einem wirklich guten Ergebnis zu führen. Fünf Jahre hat die Realisierung dieses Vorhabens dann gedauert, bis 2012 der letzte der drei Bauabschnitte abgeschlossen war. Sukzessive wurden die Bewohner umgesiedelt, während abgerissen und neugebaut wurde. Heute wohnt in der Siedlung noch etwa die Hälfte der früheren Bewohner und wenn man sie fragt, wie es ihnen hier gehe, kommt immer die gleiche Antwort: Es ist einfach schön.

Auch heute stehen auf dem Gelände wieder 18 Häuser, fast auf dem Fußabdruck ihrer Vorgänger, doch eben nur fast. Denn die Gebäude, die vorher durch kleine Versprünge gegliedert wurden, kennzeichnet heute ein leichter Knick. Was im Plan früher erratisch und im Erleben unstrukturiert wirkte, erzeugt heute einen dynamischen und kommunikativen Eindruck, die Häuser sind einander zugewandt und bilden ein Netz von Zwischenräume aus, das vielfältige Nutzungsmöglichkeiten bietet. Der vorhandene Raum konnte mit den Neubauten weitaus effizienter genutzt und die Zahl der Wohnungen um 25 % auf 434 angehoben werden, ohne dass man dem Quartier die Nachverdichtung ansehen würde – für die Bauherrin kein unwesentliches Detail. Denn heute sind die Häuser viergeschossig, die Erdgeschosse liegen auf Straßenniveau und die Dächer wurden als flache Pulte ausgebildet. Die 434 Wohnungen haben ein bis vier Zimmer (oder 50 – 90 qm), sie sind barrierefrei mit bodentiefen Fenstern und Balkonen – und alle sind öffentlich gefördert.

Markant ist die grüne Farbe der Häuser, genau betrachtet sind es sogar fünf Schattierungen des pastelligen Grüns, die jeweils am Knick wechseln und auch an trüben Tagen ein irgendwie bewegtes, lebendiges Bild erzeugen. In diesem Teil von Köln ein wirkliches Alleinstellungsmerkmal.

Eine einspurige Ringstraße erschließt die Siedlung, doch viel Verkehr herrscht hier nicht, Parkplätze gibt es in ausreichender Zahl, da die meisten PKW in den drei Tiefgaragen abgestellt werden. So bleibt oben Platz für Spielplätze und Treffpunkte im Grünen und für die äußerst begehrten Mietergärten (Freiraumplanung: urbane gestalt johannes böttger landschaftsarchitekten, Köln). Durch den Knick in den Häusern entstehen hofähnliche Situationen, die eine gewisse Intimität besitzen, aber dennoch durchlässig wirken, weil sie über Wege und Blickachsen miteinander verbunden sind, dies jedoch nicht nur innerhalb der Siedlung, sondern auch nach außen in die angrenzenden Nachbarschaften. So gibt es in der neuen Planung keine dunkeln, unheimlichen Ecken, keine no-go-areas mehr. Soziale Kontrolle im Siedlungsbau ist wichtig, viel konnte man hier aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Schon bei der Planung setzte man darauf, dass intakte Nachbarschaften – so auch der teilnehmende Blick aus dem Fenster – ein äußerst wirkungsvolles Instrument gegen Vandalismus und Kriminalität darstellen. Und wie die Vorgärten und Gärten zeigen, die nur durch einen niedrigen Maschendrahtzaum und Ligusterhecken eingefasst werden, findet ein wichtiger Teil des Lebens dort draußen statt: zwischen Gartenmöbeln und Kinderspielzeug, einer Brunnen-Attrappe und Deutschlandflaggen, einem einsamen Schneewittchen und einem intensiv bewirtschafteten Gemüsegarten. Natürlich liegt da auch mal ein Müllsack, der noch nicht den Weg in die durchweg dreisprachig beschrifteten Tonnen gefunden hat.

Die GAG nimmt ihre soziale Verantwortung ernst, macht weitaus mehr, als nur Wohnraum zur Verfügung stellen. Mitten in der Siedlung gibt es ein Mietercafé, dort treffen sich die jungen Mütter mit ihren Babys zur Krabbelgruppe, Senioren zum Kaffee, Schulkinder bekommen dort kostenlos individuelle Nachhilfe, es gibt ein Wohnheim für Menschen mit Behinderung und eine Wohngruppe für Demenzkranke. Nur eine Ecke weiter öffnen stundenweise die Kleiderstube und die Lebensmittelausgabe. Betreut und organisiert werden diese Angebote von Vereinen und caritativen Verbänden, deren Arbeit die GAG unterstützt.

Dass die „grünen Häuser mit Knick“ bei den Mietern ungeheuer populär sind, liegt nicht nur daran, dass man hier für eine Kaltmiete von 5,44 €/qm sehr schön wohnen kann, sondern – und das belegen die zahlreichen Architekturpreise und das große Interesse der Fachpresse – dass hier exemplarisch eine Antwort auf die Frage gefunden wurde, wie mit dem Siedlungsbau-Erbe der Nachkriegsjahre nachhaltig umzugehen ist. Ein Thema, mit dem sich derzeit viele Städte auseinandersetzen müssen. Bemerkenswert ist hier der Mut noch einmal neu anzufangen, um dem Buchheimer Weg eine Chance für morgen zu geben.

Und dann beklagt sich das ältere Ehepaar aus der Erdgeschosswohnung mit dem großen Garten, dass von dem neu gepflanzten Ahorn so viele Nasen auf ihren Rasen fallen. Das ist ganz wunderbar, denn wenn die Leute hier nur noch solche Probleme haben, wurde doch alles richtig gemacht.

 

Uta Winterhager

 

Fürs Protokoll noch die Auszeichnungen:
Kölner Architekturpreis 2014, Auszeichnung;
Urban Living Award 2013, Nominierung;
Deutscher Städtebaupreis 2012, Auszeichnung;
Modern Atlanta Prize for Green Dwelling 2012, Auszeichnung;
Deutscher Bauherrenpreis 2011/2012;
Darüber hinaus erhielt das Projekt auch den Sonderpreis für Freiraumgestaltung im Wohnungsbau beim Deutschen Bauherrenpreis 2011/2012

 

 

 

 

 

Dieser Beitrag erschien im März 2015 in der Sonderausgabe der stadtaspekte, die in Zusammenarbeit mit der Bundesstiftung Baukultur herausgegeben wurde