Museum Ludwig

Dem Tunnel das Dunkel abgewöhnen

Domumgebung Ost mit Dionysoshof und Baptisterium, Allmann Sattler Wappner, 2002 – 2017

Als der Entwurf von Allmann Sattler Wappner sich 2002 in der zweiten Runde des Werkstattverfahrens Dionysoshof/Baptisterium gegen Rem Koolhaas durchsetzen konnte, wussten weder das Münchner Büro noch die Verantwortlichen bei der Stadt Köln, dass es noch 15 Jahre dauern sollte, bis alles ein gutes Ende nehmen sollte. Doch vielleicht ahnten sie es, denn der bearbeitete Bereich der östlichen Domumgebung ist bei genauerer Betrachtung mehr als nur eine Schnittstelle, so vieles kommt hier zusammen, das nicht zusammenkommen mag. Christliches und Weltliches, Oben und Unten, Verkehr und Kunst, Geschichte und Gegenwart, Autos und Fahrräder, Vandalismus und Weltkulturerbe, Lärm und der Wunsch nach Stille. Und damit ist sicher noch nicht alles genannt, doch es zeigt, wie schwierig es war, an dieser Stelle in der Stadt zu bauen, auch wenn eine Verbesserung dringend Not tat.

Weniger Platte, mehr Hügel? © Uta Winterhager

 

Geben und Nehmen

Zunächst fehlte der Stadt das Geld und das ambitionierte Projekt ruhte Jahre, wurde 2009 technisch überarbeitet und dennoch wurde der Fördermittelantrag für das Investitionsprogramm Nationale UNESCO-Welterbestätten vom BMVBS abgelehnt. Doch die Ablehnung enthielt auch einen Hinweis darauf, es im folgenden Jahr mit einem städtebaulichen Gesamtkonzept für die Domumgebung noch einmal zu versuchen. Und damit wurde es kompliziert, denn auch in der lokalen Planerszene lehnten viele das Konzept ab. Klärung und Einigung sollte ein von Peter Zlonicky moderiertes Beteiligungsverfahren bringen. Über drei Monate saßen dann die Vertreter von Stadt und Dom, die Direktoren und Intendanten der anliegenden Kulturinstitutionen, die Architekten und – für den Ausgang nicht unwesentlich – auch die Architekten des Museum Ludwig-Philharmonie-Komplexes Peter Busmann und Godfrid Haberer und Christian Schaller, der Sohn des Domplattenarchitekten Fritz Schaller. Allmann Sattler Wappner waren nicht mit einem extravaganten Entwurf aufgetreten, eher im Gegenteil, ihren Ansatz zeichnete eine ungewöhnliche Rigorosität aus, mit der sie Substanz wegnahmen, statt viel zu bauen. Doch die Kanten, die sie in dieser frühen Phase damit erzeugt hatten, erschienen vielen zu harsch, sie wünschten sich, dass an dieser Stelle nicht die Härte der Domplatte, sondern die weiche Topografie des historischen Domhügels ersichtlich würde. Und es wurde um Flächen gefeilscht, denn mit jedem Meter, den der Tunnel, der durch die Überbauung der Straße Am Domhof mit dem Museum Ludwig entstanden ist, gekürzt wird, reduziert sich auch die Platzfläche oben. Jeder verteidigte hier sein Terrain, sein Urheberrecht, seine Ehre und Ludwig Wappner gesteht, dass er sich in dieser Phase des Verfahrens zu oft wie ein kleiner Schulbub behandelt fühlte. Der konstruktive Ansatz, den Peter Busmann mit in das Verfahren brachte war, die Straße von vier auf zwei Fahrspuren zu reduzieren und sie mit den Radwegen zwischen die Stützen zu legen, so dass zu beiden Seiten breite Fußgängerboulevards entstehen würden. Dass dies funktionieren würde, glaubte zunächst niemand, doch wegen einer Baustelle am Kurt-Hackenberg-Platz wurde der Verkehr im Tunnel auf zwei Spuren reduziert und die Praxis zeigte, dass es nur an Weihnachten etwas eng wurde. Mit dieser Maßnahme bot sich Allmann Sattler Wappner nun deutlich mehr Raum, den Tunnel, der nach der Beschneidung  mit einer Länge von 79,70 Metern eigentlich auch formal gar kein Tunnel mehr ist, mit einem kulturellen Mehrwert zu gestalten.

 

Ein Tunnel ist ein Tunnel – mit Schaudepots und Licht aber weniger Angstraum © Uta Winterhager

 

Räume und Wände

Viele kleine und große Entscheidungen sind in diesem Prozess diskutiert worden, das von Allmann Sattler Wappner daraus entwickelte Gesamtkonzept, das auch den Bereich auf der Bahnhofsseite, und zwei weiter umfasst, wurde 2010 schließlich im Plenum abgesegnet und dann doch von der UNESCO anteilig gefördert. Wichtig, und da sind sich wohl alle Teilnehmer einig gewesen, war, dass sämtliche Flächen, die den Raum auf dem unteren Niveau flankieren, eindeutig zuzuordnen sein müssen. Relativ eindeutig war die Situation in den Bahnbögen unter Gleis 1, hier wurde die Abbruchkante anthrazitfarben verkleidet und knüpft an die von Busmann Haberer in den 70er Jahren geplanten Bahnüberdachungen an, darunter soll eine Gastronomie Passanten zum Bleiben ermutigen. Mit dem Abbruch der Platte wurde der Sockel des Werkstattgebäudes des Museum Ludwig freigelegt. Er wurde nun wie das Museum mit rotem Ziegel verkleidet, so dass das Museum an dieser Stelle eine deutliche Erdung erfährt. An dieser Wand setzt eine großzügige Treppe aus Sichtbeton an, sie genau auf den Eingang des Museums  führt. Auch sie wurde auf besonderen Wunsch des damaligen Direktors Kasper König sozusagen als Entschädigung für die verlorene Platzfläche hinzugefügt. Die Untersicht der Überbauung ist rein weiß, auch tagsüber wird sie angestrahlt, um Angst hier gar nicht mehr aufkommen zu lassen. Die weiße Verkleidung zeigt sich auch am Sturz des Tunnelmundes und hängt auf der Museumsseite wie ein Tischtuch herunter. Hier, wo sich alle eigentlich eine durchgehende Medienwand gewünscht hätten, blieb aus finanziellen Gründen ein Medienband, das, wenn die Monitore montiert sind, Museum Ludwig und Philharmonie bespielen werden.  Der Domsockel, dessen krude Betonkante nie ein würdiges Ambiente entstehen ließ, ist nun durchgehend mit Nagelfluh verkleidet. Während Schaller die äußere Schicht glatt schalen ließ, nahm er mit einer starken vertikalen Struktur der inneren Schale Bezug auf den Dom. Heute sind beide Schalen glatt, doch wo an der Biegung zum Bahnhof die Treppe mit großem Schwung und großer Geste nach oben führt, kann man den Verlauf von Höhenlinien erahnen, die wie gewünscht die nun sanftere Topografie des Domhügels nachzeichnen. Doch der Domhügel in seiner modernen Auslegung ist funktional, er ist begehbar und kommunikativ, im Bereich der Überbauung und auf der dem Bahnhof zugesandten Seite wurden tiefe Schaudepots angebaut, die die Dombauhütte und das Römisch-Germanische Museum nutzen werden, um auch hier unten Präsenz zu zeigen. Es ist eine durchaus freundliche Geste, die Passage nicht mit einer geschossenen Wand, sondern mit Inhalten, Ortsbezug zu gestalten, wirklich lebendig wird der Ort dadurch aber noch nicht.

 

Ohne Ritzen und Nischen, damit das Sauberbleiben glingt © Uta Winterhager

Licht und Schatten

Das Baptisterium, das älteste bauliche Zeugnis frühen Christentums in Köln, wurde über Jahrzehnte vernachlässigt, in seiner Höhle unter der Domplatte fast vergessen. Kaum jemand, der Gutes vorhatte, verirrte sich noch dort herunter, so schlimm wurde es zeitweilig, dass die Stadt den Hof mit einer Betonplombe verschloss. Nun liegt der Eingang frei im Domsockel vor der Überbauung, doch gut geschützt hinter einem Tor aus Bronzeguss.  Davor steht, provokant und ein wenig im Weg, der bronzene Dionysos (Hans Karl Burgeff ,1973). Die Piscina, das achteckige Taufbecken liegt geborgen, aber einsehbar an seinem Fundort. Der Raum ist bis an die Öffnung zur Straße mit gefalteten Goldbronzeplatten, die an die Vorhänge des historischen Baptisteriums erinnern, ausgekleidet. Fast könnte man diesen Ort im Trubel der Stadt übersehen, doch sobald es dunkler wird, fallen Lichter durch das Gitter auf den Fußweg. Die „zwei, drei Szenen für das Baptisterium“ hat der Künstler Mischa Kuball entworfen und lässt hier endlich etwas passieren, dem man sich nur schwer entziehen kann. Was kann die Kunst für den öffentlichen Raum tun, diese Frage muss man an einem Ort wie diesem, wo sie so etabliert und so geballt auftritt, fragen, und sie dann zu einem Werkzeug zu machen.

 

Der nächste Schritt wird die Fertigstellung des Kurt-hackenberg-Platzes sein © Uta Winterhager

 

Die Stadt Köln und alle Beteiligten wollten sich den öffentlichen raum der östlichen Domumgebung zurückholen, der ihnen über die Jahre entglitten war. Viele haben daran mitgewirkt, dass die an dieser Schnittstelle aufeinander treffenden Kräfte nicht mehr gegeneinander, sondern miteinander wirken.

Nur einem Phänomen stehen sie alle ein wenig machtlos entgegen, sie können diejenigen, die für die Atmosphäre eines Ortes nicht empfänglich sind, nicht umerziehen. Vielleicht sind es weniger geworden, die sich nun ausgerechnet hier erleichtern müssen, aber darüber sieht man den der Welt leicht entrücken Gott des Weines, der Fruchtbarkeit und der Ektase immer noch ein wenig schmunzeln.

 

Peter Zlonitzky | Es ist zwar scheinbar nur eine kleine Lösung, doch schon die hat allen Beteiligten viel abgefordert. Jeder sollte sich in seinem Anliegen ernst genommen fühlen und dennoch bereit sein einen Schritt zurückzutreten, um auf das gemeinsame Große zu schauen. Das ist der eigentliche Erfolg des Verfahrens. 

 

Uta Winterhager

 

Der Beitrag erschien zunächst in Bauwelt 15 | 2017 „Das Wunder von Köln“

 

 

 

 

 

Das Museum ist ein öffentlicher Raum

Museum Ludwig Peter Busmann und Godfrid Haberer 1975-1986

Mitte der 70er Jahre herrschte um den Dom herum ein kleiner Bauboom. Berührungsängste, die heute mancher vielleicht spüren mag, kannte man kaum, dafür stellt man sich mit Mut große Aufgaben. Die Domplatte war fertig, das Römisch-Germanische Museum eröffnet, die neue Stadt hatte deutlich Gestalt angenommen. Und doch klaffte zwischen Dom und Rhein eine Lücke. Hier sollte ein großes Zeichen für den Neubeginn gesetzt werden: ein Komplex aus zwei Museen und einer Philharmonie. Gut hätten es auch drei Häuser an drei Standorten werden können, doch die Stadt wollte das eine große Ding und damit auch noch ein erhebliches städtebauliches Problem lösen.

Zwischen der Kante der Domplatte im Osten und der Rheinuferstraße hatte sich ein Vakuum gebildet, das temporär als Bushof genutzt wurde. Geballte Kultur schien ein geeignetes Mittel, den Stadtgrundriss mit Masse und Inhalten zu füllen. So lobte die Stadt, die eigentlich selbst nicht so recht an eine Lösung glaubte, 1975 einen Ideenwettbewerb aus.

Wettbewerbsmodell von Busmann + Haberer entnommen aus dem Buch „Zwischen Dom und Strom“

Die Kölner Peter Busmann und Godfrid Haberer schieden in der ersten Runde aus. Scheinbar unbeeindruckt durch die unmittelbare Nachbarschaft des Domes, hatten sie zu Füßen seines Ostchores eine bewegte Sheddachlandschaft platziert, die die Kleinteiligkeit der rekonstruierten Altstadtkulisse in zeitgemäßer Weise fortschreiben sollte. Doch die Architekten wollten hier kein Gebäude errichten, sondern ein Stück Stadt schaffen, eine dem Fußgänger vorbehaltene aufgelöste Struktur mit Plätzen und Wegen, die sich bis an die Kante der Domplatte heran mutig in die Zwischenräume schiebt, verdichtet und verbindet, um sich vis-à-vis mit großzügiger Geste zum Rhein zu öffnen. Doch mit ihrer Traufe lagen Busmann und Haberer gut acht Meter höher als das zum Maßstab gemachte Hotel Mondial. Dass das nicht das Ende war, ist dem damaligen Dombaumeister Arnold Wolff zu verdanken, denn dem, so erinnert sich Godfrid Haberer, gefiel die Idee mit der neuen Bebauung so mittelalterlich nah an den Dom heranzurücken. Mit einem Periskop erbrachte er bei den Jurykollegen am Modell den Nachweis, dass die eigentlich unzulässige Höhe den Domblick von der Stadtebene nicht verstellt. Der Entwurf wurde einstimmig wieder zurückgeholt, mit dem ersten Preis ausgezeichnet, gebaut und 1986 eröffnet.

Wie schon seinerzeit beim benachbarten Römisch-Germanischen Museum verläuft der Eintritt über die in rotem Ziegel verlängerte Domplatte schwellenlos, das Foyer ist eine Passage, die Philharmonie darunter verborgen, ein klingender Hügel. Auf dem Platz schafft Dani Karavan aus Pflaster, Schienen, Bäumen und Stufenturm das Gesamtkunstwerk Ma’alot  und stellt es den Passanten förmlich in den Weg. Wer kritisierte, dass der Neubau die Passage benachbarten Museums verstelle und die Zwischenräume zu eng seien, der lernte den Begriff des Museumskontinuums kennen.

Blick vom Dom auf Museum Ludwig und Heinrich-Böll-Platz © Uta Winterhager

 

Kasper König, 2000 – 2012 Direktor des Museums Ludwig | So wie das Museum Ludwig positioniert ist, ist es ein öffentlicher Raum. Es gehört allen und keinem. Das Museum wird von den Steuerzahlern der Stadt Köln unterhalten und somit gehört es ihnen, ob sie das gut finden oder nicht. Man muss ihnen immer wieder klar machen, dass sie dafür bezahlen und dass es gute Gründe gibt, dass sie dafür bezahlen.

 

So sehr man sich hier auch um Erklärungen bemühte, es knirschte  dort, wo das Museumsplateau an die Domplatte stieß gewaltig. Während man sich oben ob der Enge nur ein wenig aneinander rieb, entstand auf der Straßen- und  Altstadtebene darunter eine unschöne, ungestaltete Unterwelt. Deren trauriges Zentrum bildete der Dionysoshof, der Vorplatz des frühchristlichen Baptisteriums. Von Schaller am Rand der Domplatte platziert, verschwand er jetzt durch die Überdeckelung der Straße in einem dunklen Loch.

Der Dionysos-Brunnen während der Installation DIONYSOSHOF 1:1 © Foto Uta Winterhager

 

Godfrid Haberer | Wir haben immer gesagt, ihr müsst das so machen wie beim Louvre, wo man in der U-Bahnstation schon die Museumsatmosphäre spürt – aber es wird ja nicht immer alles gemacht, was man so vorschlägt.

 

Ideen hat es gegeben, auch damals schon, nicht nur zur Neuordnung und Reduzierung  des Verkehrs, auch für eine Erweiterung des Museums in Richtung des Bahnhofs, durch die hinter dem Domchor ein Domchorplatz gefasst worden wäre. Doch dann entschied die Stadt sich für den Neubau des Wallraf-Richartz Museums am Gürzenich, den O.M. Ungers 2001 realisierte. Noch im selben Jahr wurden sechs Büros eingeladen, die im Internationalen Workshop „Dionysoshof/Baptisterium“  Lösungen für die städtebauliche, funktionale und gestalterische Aufwertung des Bereichs zwischen Museum Ludwig, Domchor und den Gleistrassen des Hauptbahnhofes entwickeln sollten. Nach einer ersten Runde wurden Allmann Sattler Wappner und OMA / Rem Koolhaas mit einer Überarbeitung beauftragt, wonach schließlich der Entwurf des Münchner Büros für die weitere Bearbeitung empfohlen wurde. Busmann und Haberer waren an diesem Verfahren nicht beteiligt.

 

Peter Busmann | Wir haben damals (1975) die Straße Am Domhof, die für mich bis heute die Ursache aller Probleme ist, nicht respektiert, sondern sind mit dem ganzen Gebäude drüber gesprungen. Darin haben wir die einzige Lösung gesehen, weil uns war der Fluss der Fußgänger auf der Domebene am wichtigsten war, sie sollten frei und ohne Treppen die Terrassen zum Rhein runter gehen können. Den unwirtlichen Tunnel musste man da halt in Kauf nehmen. Aber das erste und wichtigste, das ich in dem Workshopverfahren 2010 gemacht habe, war dann, die Vierspurigkeit in Frage zu stellen. Ich habe so argumentiert, dass die Altstadt schon am Bahnhofsplatz anfängt und man in der ganzen Altstadt keine vierspurigen Straßen braucht. Dadurch hat jetzt endlich auch die untere Ebene eine Qualität bekommen.

 

Uta Winterhager

 

Der Beitrag erschien in Bauwelt 15 | 2017 „Das Wunder von Köln“