Klausur im Tal

Haus Altenberg –

Wann immer die Menschen nach Altenberg kamen, suchten sie dort Abkehr vom Alltag, Konzentration auf den Glauben, genau wie Gemeinschaft. Daran hat sich im Grundsatz nie etwas geändert. Das Büro gernot schulz : architektur transformierte die Überreste der Zisterzienserabtei zu einem modernen Jugendgästehaus für das Erzbistum Köln und entwickelte die Typologie des Klosters weiter.

Die Zisterzienser suchten die Abgeschiedenheit entlegener Orte, um dort in klösterlicher Gemeinschaft zu beten und zu arbeiten. 1133 gründeten die Brüder in einer geschützten Tallage des Bergischen Landes die Abtei Altenberg. Die wohlhabende Gemeinschaft der Mönche und Laienbrüder wuchs an und elf Jahre nachdem im nahen Köln der Grundstein für den Dom gelegt worden war, geschah dies 1259 auch in Altenberg für den Bergischen Dom. Hochgotisch und himmelstrebend ist auch in Altenberg die Erscheinung des Doms, der jedoch, den Regeln der Zisterzienser entsprechend, nur mit einem Dachreiter anstelle eines Turmes gebaut wurde. An der Südflanke der dreischiffigen Basilika wurde auch die Abtei mit einem zeitgemäßen gotischen Bau ersetzt, der sich an den Setzungen des zisterziensischen Idealplans orientierte. An Quadrum und Kreuzgang schlossen sich in einer nach Außen offenen Kammstruktur Kloster und Wirtschaftsgebäude an, wobei auf eine strikte Trennung der Bereiche für die Mönche und die Laienbrüder geachtet wurde. Auch als das Kloster im 18. Jahrhundert mit einem weiteren Quadrum im barocken Stil erweitert wurde, galt es, die räumliche Trennung zu beachten.

Die Säkularisation führte zur Auflösung der Abtei, die zunächst als Hospital, später als Farbenfabrik genutzt wurde, bis ein Brand die Klostergebäude und den Dachstuhl des Doms zerstörte. Dessen Ruine wurde dem Preußischen Staat zum Geschenk gemacht und – vermutlich erwartungsgemäß – im Auftrag von Friedrich Wilhelm IV rekonstruiert. Zur Auflage machte der die Mitbenutzung des Domes durch evangelische Christen. Seitdem ist der Altenberger Dom, heute Eigentum des Landes NRW, eine Simultankirche.

Auf dem ehemaligen Klostergelände, standortbedingt im Schatten des von preußischer Hand rekonstruierten Domes, zeigten die Katholiken mit dem Neubau der Erzbischöflichen Villa im neogotischen Stil Präsenz. Den Überresten des Klosters schenkten sie weniger Aufmerksamkeit, nur die Ruinen der barocken Kellerei wurden eingebaut. Seit 1922 wird die Anlage als Jugendbildungsstätte und Jugendgästehaus genutzt, und schon damals besannen sich die Architekten auf die historischen Grundrisse. Zunächst wurden romanische, gotische und barocke Elemente mit neobarocken Ergänzungen zusammengeführt, ab 1932 unter Hans Schwippert in einer modernen Formensprache, die einerseits an die Einfachheit und Funktionalität der Zisterzienserbauten anknüpfte, andererseits den Wunsch der Kirche nach Erneuerung ausdrückte. In den 70er Jahren wurde mit dem Bettenhaus wieder ein Hof gebildet. Doch eine schlüssige Struktur hatte „Haus Altenberg“ nicht mehr erhalten, das „Sich-Verlaufen“ galt als obligatorisch.

Die neue alte Ordnung

Als das Büro gernot schulz: architektur 2012 nach einem intensiven Auswahlverfahren vom Erzbischöflichen Bauamt mit der Neustrukturierung, Sanierung und Erweiterung des Ensembles einschließlich Außenanalgen beauftragt wurde, gab es bereits eine Vorstudie des (@AG: muss namentlich genannt werden!) Architekten des Erzbistums Joachim Schwister. Gernot Schulz und Projektleiterin Cathérine Minnameyer ging diese jedoch nicht weit genug. Sie wollten die Ordnung des klösterlichen Idealplans wiederherstellen, wohl aber die Klausuratmosphäre Zeit und Nutzung entsprechend neu interpretieren. Dazu wurden, in Abstimmung mit der Denkmalpflege, Teile des Bestands abgebrochen, partiell wieder überbaut und mit neuen Baukörpern ergänzt, um eine gestraffte Grundrisskonfiguration mit rigoros rechten Winkeln zu erzeugen. Deren Rückgrat bildet ein von West nach Ost verlaufender Boulevard, über den alle Gebäudeteile sowie die vier Höfe erschlossen werden. Das Herzstück des Hauses bildet eine neue Kapelle.

Die überwiegend jugendlichen Gäste besuchen Altenberg als Gruppe oder Klasse für die Tage religiöser Orientierung oder mit eigenem Programm. 250 Betten bietet das Haus heute in 100 Einzel- und Mehrbettzimmern, bei großen Veranstaltungen erweitern Matratzenlager die Kapazität. Die Besucher kommen in den 19 Seminar- und Tagungsräumen zusammen, sie meditieren und beten. Aber sie essen auch gemeinsam, spielen drinnen wie draußen. Für all das ist gesorgt und auch dafür, dass die, die um den Kicker toben, nicht die Andacht in der Kapelle stören.

Orientierung geben

Wer sich dem Gästehaus heute annähert, wird dies in der Regel von der Westseite aus tun, so dass der Dom zunächst einmal in den Hintergrundrückt. Haus Altenberg erscheint aus dieser Perspektive fast gewöhnlich, weiß geputzt und in einem regelmäßigen Raster mit zwei Reihen kleiner, hochformatiger Fensteröffnungen perforiert. Wäre da nicht der Neubau, der, dem Bestand nachgebildet, die Ansicht in eine ungeheure Länge zieht und das Haus zur Festung erklärt.

Durch eine historische Tordurchfahrt, die sich, ohne den Rhythmus zu stören, in das strenge Öffnungsraster einfügt, betreten die Besucher den Komplex, der mit plötzlicher Vielschichtigkeit und Tiefe sein einfaches Äußeres vergessen lässt. Vor den Bestand aus den 30er Jahren, der auf der Innenseite die grob gemauerte Natursteinfassade der auf romanische Grundmauern zurückgehenden, heute in barocker Überformung präsenten Kellerei zeigt, setzten die Kölner Architekten eine neue Raumschicht. Diese nutzen sie dazu, um ohne Bruch aus dem Geschlossenen ins Offene des neu geschaffenen Empfangshofs überzuleiten. Wie ein Kreuzgang erhält der Hof an zwei Seiten eine Fassung zur Erschließung und Orientierung. Während die Erdgeschosse dieser internen Gebäudehülle auf großer Breite mit teils feststehenden Fenstern, teils Türen und Schiebeelementen geöffnet sind, liegt darüber eine deutlich schwerere, geschlossene Schicht. Der hier verwendete Ziegel erhielt durch das Brennen ein bewegtes Farbspektrum, das dem des vorgefundenen groben Natursteinmauerwerk sehr ähnlich ist. Auf der nach innen gewandten Seite erscheinen die kurzen Ziegelwandstücke als Sockel, der die mächtige, zum Viertelrund gewölbte Decke kaum zu tragen vermag. Doch der Sichtbeton ist weiß geschlämmt, Lichtschlitze lösen ihn visuell vom Altbau ab, dem er so mit seiner Masse nicht mehr zur Last fällt. Schulz interpretiert hier das für den Kreuzgang charakteristische Element des Gewölbes neu, auch er verspricht damit ein Stück vom Himmel und löst das Versprechen mit der Öffnung des Hofes ein.

Bereits an diesem Punkt ist Grundsätzliches geklärt. Die Gleichzeitigkeit von Altem und Neuem, die nicht verwischt werden soll. Die wesentlichen Materialien und Farben sind eingeführt, verschiedene Öffnungsgrade sind angeklungen, eine Mitte gebildet.

Und doch folgte Gernot Schulz bei der Sanierung keinem starren Regelwerk, ließ Originales, scheinbar Zufälliges zu, denn genau das trug und trägt ganz selbstverständlich zur Orientierung im Haus bei: ein Fenster mit Sitznische, die Flüsterecke, die Etagentreffs und die Tatsache, dass jedes Treppenhaus anders war. Feinfühlig führte er das Spiel mit den folies fort, platzierte Spolien an einer Wand, markierte Kreuzungen mit Sitzgelegenheiten und ergänzte ein stahlgefasstes Treppenhaus. Sehr kontrolliert führt er Blicke und Wege der Besucher so, dass sie immer wieder nach Innen auf die Höfe und auf die Kapelle fallen. Nur in den Schlafräumen, die grundsätzlich nach außen, in die Landschaft orientiert sind, scheint das Abschweifen im gegebenen Maß der Fensteröffnung erlaubt. Keinen Anschluss, keine Öffnung gab es zweimal, keine Perspektive wiederholte sich, jede Situation erforderte eine eigene Lösung. Darauf reagierten die Architekten mit Haltung und bewiesen ein überragendes Verständnis komplexer Geometrien, insbesondere an den Punkten, wo sich Bauteile verschiedener Generationen schneiden. So konnten schlüssige, sogar barrierefreie Verbindungen entstehen und Orte, die einfach in Erinnerung bleiben und Erinnerungen wecken.

Haltung bewahren

Mit einem schmalen Riegel teilte Gernot Schulz den von den Bestandsbauten gebildeten großen Hof an der Südflanke des Doms in einen Empfangshof und einen Kapellenhof und kommt damit den barocken Proportionen wieder sehr nahe. Beide Höfe sind vielen Stellen einsehbaren und bilden dadurch wichtige Bezugspunkte für die Besucher. Die Hauptsichtachse verläuft vom Haupteingang über den Empfangshof durch den Goldenen Saal im Erdgeschoss des eingestellten Riegels über den Kapellenhof, auf die schmale Holztür des Bettenhauses zu. Der Goldene Saal, den es vor der Sanierung an anderer Stelle mit, so Überlieferung, einst goldenen Vorhängen gegeben hat, ist auf beide Höfe schwellenlos mit Schiebetüren öffenbar. Halboffen kann er als dritte Flanke des weiterinterpretierten Kreuzgangs betrachtet werden, geschlossen als Seminarraum oder beidseitig geöffnet als zentraler Hof. Gleichzeitig ist er jedoch Träger des eigentlichen Herzstücks des Hauses, der Christkönigskapelle. Beide Höfe weisen einzelne Elemente des Quadrums auf, der steinerne Empfangshof den angedeuteten Kreuzgang, der Kapellenhof eine Rasenfläche als Garten sowie einen Brunnen. Im direkten Vergleich wirkt der Kapellenhof, der auch den Endpunkt einer weiteren Sicht- und Wegeachse aus dem Freizeithof durch eine Toreinfahrt bildet, ruhiger und intimer als der Empfangshof, den die großflächigen Öffnungen als Transitraum definieren.

Während Schulz bei den weltlichen Bauteilen mit perfektionierter Angemessenheit vorging, schöpfte er beim Bau der Kapelle sein baukünstlerisches Repertoire voll aus, ohne den Codex der Anlage zu verlassen. Der Sakralraum ist wie der Dom geostet und kann, da der Altarb an der dem Kapellenhof zugewandten Seite liegt, von zwei Seiten betreten werden. Der Giebel des Kapellendachs erreicht seinen höchsten Punkt über den Altar. Die dahinterliegende Giebelwand gestaltete Gernot Schulz als Maßwerkfenster und setzt damit die baukünstlerische Tradition des Doms fort. Das Maßwerk entstand aus einem einzigen aus Faserbeton hergestellten Modul, das gedreht und gewendet auf- und nebeneinander gestellt wurde. Die dahinter liegenden Gläser wurden wie im Dom vor Jahrhunderten in Grisailletechnik mit Schwarz- und Braunlot behandelt und erscheinen hier wie feinste Scheiben eines transluzenten Steins. So wird die durchbrochene Wand auf sehr kunstvolle Weise zu einem lichtdurchlässigen Schirm, dessen außergewöhnliche Qualität die Bedeutung des Ortes kommuniziert, ohne zu viel davon preiszugeben. Unerwartet körperhaft ist die zweifache Wölbung der lamellenverkleideten Decke, im spitzen Winkel des Chorfensters zeichnet sich der höhlenartige Schnitt erst bei abendlicher Beleuchtung ab. Die Welle gliedert den offenen Raum in einen Hauptraum, dessen Gestühl im Halbkreis fest um den Altar steht und eine variabel bespielbarer Seitenkapelle, deren unverrückbares Zentrum die Osterkerze bildet.

Weltoffen

Mit dem Neubau der Remise, in der sich ein großer Speisesaal, ein zuschaltbarer Seminarraum sowie die Küche befinden, variiert Schulz die Hoftypologie mit dem zentralen, aber nicht sakralen Gemeinschaftsraum. Um den tiefen Baukörper trotz seiner Tiefe natürlich zu belichten, entwickelten die Architekten aus der an anderer Stelle bereits eingeführten Lamellendecke eine bewegte Skulptur mit Tageslichtschächten und Kunstlichtschlitzen. Lange Reihen hölzerner Tische und Stühle unten, viel bewegtes Holz an der Decke. Schulz erzeugt hier eine große Intensität, und einen deutlichen Kontrast zu allen andren Räumen in Haus Altenberg. Dichte und Spannung löst er jedoch mit dem zwischen dem Speisesaal und dem nach Süden verlängerten Bettenhaus platzierten Freizeithof auf, den er mit zwei sich gegenüberliegenden Terrassen anschließt. Diese großzügige Öffnung, eingefasst nur mit einer hüfthohen Mauer, ist die einzige der gesamten Anlage, die einen Einblick zulässt. Aber auf dieser dem Publikumsverkehr abgewandten Seite ist es kein Wagnis, denn auch die daran anschließenden Wiesen gehören noch zum Immunitätsbezirk. Konsequent lässt Gernot Schulz Haus Altenberg nach außen zweigeschossig und mit glatt weißgeputzten Lochfassaden erscheinen, während Ziegel und Naturstein den dem Inneren vorbehalten sind. Hier jedoch lenkt er den Blick mit den weißen Flanken über den Hof auf die markante Giebelwand der Erzbischöflichen Villa und weiter noch durch eine Toreinfahrt über den Kapellenhof auf den Sockel des Doms. Das Wagnis der Öffnung ist wohltuend, zeugt es doch von der Stärke der vielschichtigen neuen Struktur, dass sie eine solche Einladung aussprechen kann.