Zerreißprobe

Die Kölner Zentralmoschee sollte ein Meilenstein der Integration werden. Doch als nach Jahren des konstruktiven Dialogs zwischen Paul Böhm und der DITIB der Rohbau stand und die kritischen Stimmen fast verstummt waren, entzweite ein Streit über Baumängel und Gestaltung die einstigen Partner. Der Architekt wurde zum Berater degradiert, während andere sein Werk vollendeten. Seit dem Sommer findet das Freitagsgebet nun im großen Kuppelsaal statt und es ist an der Zeit, endlich wieder über die Architektur zu sprechen.

Im Kuppelsaal der Zentralmoschee Köln © Foto: Uta Winterhager

 

Längst ist die Moschee ins Kölner Stadtbild hineingewachsen. Es ist ein außergewöhnlicher Bau, groß im Volumen und in der Gestik und gerade so fremd, dass das Unbekannte lockt. Gewaltige Betonschalen bergen Blütenblättern gleich einen Raum in ihrer Mitte. Eine breite Treppe lädt auf den erhöht liegenden Platz ein, ein hölzernes Portal in den Basar. Ein keilförmiger Mantelbebauung legt sich schützend um den Kuppelbau. Zwei nadelspitze, halbmondbekrönte Türmchen setzen Zeichen – nur wofür? Die in Sichtbeton gegossene Formenvielfalt lässt den Komplex wie eine Collage erscheinen. Dabei bildet er auf anschauliche Weise nach, was an vielen Stellen in Köln, insbesondere aber hier im Stadtteil Ehrenfeld von der muslimischen Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten aufgebaut wurde. Kleine Cluster aus Läden, Teestuben und Dienstleistern, die sich nicht selten um einen Gebetsraum angesiedelt haben. Typisch ihr provisorischer Charakter als Zwischennutzer oder die Lage in Kellern und Hinterhöfen. Doch dort wollten und sollten sie heraus, sie wünschten sich mehr Sichtbarkeit, die Stadt begrüßte den Wunsch ihr Bleiben baulich manifestieren zu wollen.

Die Kölner Moschee sollte eine Symbiose aus Tradition und Moderne werden und das versprach der Entwurf, mit dem Paul und Gottfried Böhm den Wettbewerb gewonnen haben. Sehr deutlich wurde er an einigen Stellen, ließ aber dennoch genug Raum für Bilder. Aber was die einen inspirierte, machte zu vielen anderen Angst oder ungute Gefühle, es ging um die Höhe und Form der Minarette, die Dominanz der Kuppel, aber auch um Parkplätze und mögliche Auswirkungen des geplanten Basars auf den Ehrenfelder Einzelhandel. Sehr anschaulich illustriert die Gestaltung der Kuppel, worüber in den Jahren des meist konstruktiv geführten Dialogs gesprochen wurde. Kuppeln sind kein genuin osmanisches Element, sie zieren christliche Kirchen wie bedeutende Profanbauten überall auf der Welt. In der Auslobung war der Entwurf einer Kuppel freigestellt und Böhm griff das Element, das sich gut in seinen eigenen Formenschatz einfügte, gerne auf. Doch entwarf er keine geschlossene Halbkugel, sondern fügte sie in der nun realisierten Fassung  aus sechs in drei konzentrischen Ringen angeordneten Schalen zusammen, die auf Straßenniveau entspringen, zylindrisch in die Höhe wachsen, um sich dort einander zuzuneigen. Die Zwischenräume werden mit Glas geschlossen. Mindestens zwei Lesarten bietet diese Konstellation an, die gesprengte, aufgelöste Kuppel als quasi politisches Statement oder – so von Architekt und Bauherrin kommuniziert – der durch die Fügung gebildete, geschützte Innenraum. Die Kuppel entzieht Böhm so jeder klassischen Typologisierung, wer sie verstehen will, muss sie umlaufen und betreten.

Der vor Ort gegossene Sichtbeton wurde gestockt und hydrophobiert, die Kiesel, die als Zuschlag verwendet wurden und ihm die leicht gelbliche Einfärbung verleihen, stammen aus dem Rhein. Gedämmt wurden die Kuppelschalen auf der Innenseite.© Foto: Uta Winterhager

Angenähert

Bei der Höhe der Minarette wollten weder der Architekt, noch die DITIB Kompromisse machen. Es blieb bei den geplanten 53 Metern plus zwei Metern für eine Mondsichel als Bekrönung. Doch die Weiterentwicklung der Form, weg von der klassischen geschlossenen Figur auf quadratischem Grundriss mit Balkon und spitzem Dach, hin zu einer filigranen, offenen Nadel, die im oberen Drittel von zwei schwebend erscheinenden Stahlringen gefasst wird, war analog zur Gestalt der Kuppel, ein enormer Schritt hin zu etwas Neuem, speziell für diesen Ort geschaffenen.

Auf der langen Gebäudenordseite sowie im Westen platzierte Böhm eine keilförmige Mantelbebauung, die sich durch ihre am Maß der Umgebung orientierte Traufhöhe von 17,4 Metern der Kuppel zwar deutlich unterordnet, dem gesamten Komplex jedoch eine noble Fassung verleiht. Tankstelle und Fußballplatz schauen nun auf lange, ohne Attika und Sockel plan gestaltete Sichtbetonfassaden mit dicht getakteten Lisenen vor eingerückten Fenstern, die etwas Würdevolles zu bergen versprechen.

Die Zentralmoschee, die mit einer oberirdischen Nettonutzfläche von fast 11.000 Quadratmetern auch Kultur- und Konferenzzentrum, Basar, Verwaltung, Bibliothek und ganz allgemein ein Ort der Begegnung ist, kann von allen Seiten erschlossen werden. Zwei große Freitreppen führen rechts und links der Kuppel auf die erhöhte Platzebene. Prinzipiell gelangt man von hier als Besucher in jeden Teil des Komplexes, kürzer sind jedoch zumeist die direkten Erschließungen. Der Konferenzbereich, der im Erdgeschoss der Kuppel liegt, wird über zwei Eingänge vom Straßenniveau aus erschlossen. Ebenso der Basar, der entlang einer im Erdgeschoss liegenden Magistrale von der Venloer Straße auf den Sportplatz zu geführt wird. Zwei große Portale mit einem aus massiver Eiche gebildeten Gitter weisen den Weg in die Passage, in der derzeit erst eine Bank und ein Laden für Geschenkartikel eingezogen sind, denen noch im Herbst weitere Geschäfte, Dienstleister und ein Hähnchenimbiss folgen sollen.

Basarstraße der Zentralmoschee Köln mit Brunnen © Foto: Uta Winterhager

Angekommen

Der wichtigste Zugang ist die breite Treppe, die Besucher mit einem von der Kuppelrundung herrührenden Schwung, auf die obere Platzebene führt. Außer der Höhe gibt es keine Schranke, jeder kann diesen Bereich betreten, auch wenn er vielleicht von den in gelben Warnwesten diskret in ihrem Büro wartenden Securitymitarbeitern angesprochen wird. Hier oben scheint alles der Welt ein wenig entrückt, die nach außen so strenge Hülle des Büroriegels öffnet sich mit hölzernen Laubengängen, der Brunnen plätschert. Der Gebetssaal öffnet sich mit neun Eingängen auf den Platz, der Mittlere, zweigeschossig mit schweren Eichenportalen, spricht ein unmissverständliches Willkommen aus. Und tatsächlich ist der Gebetssaal fast immer geöffnet, nicht nur zum Gebet, auch für den ganz weltlich motivierten Besuch. Ein schwieriger Punkt in der Diskussion zwischen Bauherrin und Architekt war die Zuweisung der Eingänge. Konventionell betreten die Gläubigen eine Moschee nach Geschlechtern getrennt, doch hier sind, als Zugeständnis an den Standort, gemeinsame Eingänge ausgewiesen. Dass Männer und Frauen im gleichen Raum beten, war auch eine jener schwierigen Forderungen, doch ließ sie sich mit der für die Frauen eingerichteten Empore nur teilweise umsetzen.

Paradies nennt Böhm den Platz und erinnert damit an den in der Baugeschichte so bezeichneten umfriedete Vorhof eines Gotteshauses. Oft war dieser als Garten gestaltet, mit einem Brunnen als Lebensspender. Ein Garten ist dies nicht, sondern ein städtischer Platz, der aus schwarz gefärbten Betonschalen gebildete Brunnen steht sinnbildlich für die rituelle Reinigung der Muslime vor dem Gebet. Auch hier stellt er eine Schwellensituation dar, indem er die Platzfläche durchbricht und Wasser bis hinunter in die Magistrale, die weltliche Ebene, führt. © Foto: Uta Winterhager

Risse und Brüche

Als der Rohbau stand, wurde aus den Partnern, die lange und hart für das Gelingen ihres gemeinsamen Projektes gekämpft hatten, plötzlich Gegner und es entbrannte ein Konflikt, mit dessen Lösung Gerichte bis heute beschäftigt sind. Doch Böhm hat weiter gemacht, hat als Berater andere begleitet, die seinen Entwurf fertig bauen sollten. Geschafft hat es, nach dem Scheitern eines türkischstämmigen Kölner Architekten, schließlich der Bauingenieur Selim Mercan, selbst Mitglied des DITIB-Vorstandes. Die Gestaltung des Gebetssaals war nie Teil des Vertrags mit Böhm, diese sensible Aufgabe sollte nicht der deutsche Architekt, sondern auf den Ausbau von Moscheen spezialisierte moslemische Künstler übernehmen. Böhms Vorstellung davon, dass Architektur und Ornament eins sind, nicht appliziert, sondern integral erzeugt werden sollten, konnten sie nicht realisieren.

Das Oktogon hat in der islamischen Kunst durch die acht Paradiesstufen eine besondere Bedeutung. © Foto: Uta Winterhager

Zuhause sein

Die mit Entwurf und Ausführung beauftragte Architektin Merih Aykaç, der Istanbuler Architekt und Künstler Semih İrteş und das Atelier NAKKAŞ ließen 1800 vor Ort gegossene Stuckplatten mit einem aus Achtecken entwickelten Relief flächig auf den Betonschalen anbringen. Die regelmäßig eingefügten Kalligraphien sind vergoldet, ebenso wie die in der Türkei angefertigten großen Schriftzüge an den Emporen, ein leuchtender Stern krönt die Untersicht des gläsernen Scheitelpunkts. Böhm riet dazu das Raumerlebnis nicht mit einer Untergliederung der Schalen in Wand und Decke zu zerstören. Im Juni dieses Jahres fand das erste Freitagsgebet im Kuppelsaal statt. Ob nun mit 1200 Gläubigen gefüllt oder nur einem einzelnen, der still sein Gebet verrichtet, hat dieser helle, weite Raum eine einzigartige Wirkung. Licht und Schatten überschreiben mit ihrem flüchtigen Spiel das Liniennetz der Ornamente, das die Schalen auskleidet, die Lücken füllen Streifen der Stadt, Bäume, Himmel. Vielleicht ist es auch gerade diese Mischung aus deutscher Klarheit und orientalischem Überschwang, die ihn so besonders machen.

Es wäre so schön, wenn man jetzt sagen könnte, alles sei gut. Doch obschon die Architektur hier einen enormen gesellschaftspolitischen Beitrag geleistet hat, kann sie die Politik ihrer Nutzer doch letztlich nicht beeinflussen.

 

 

Uta Winterhager

 

Der Beitrag erschein zunächst in der Bauwelt 21|2017