Königs Architekten haben es sich mit dem Bau der Kultur- und Sporthalle nicht einfach gemacht. Denn mit dem Tragwerk aus Holz gab es auf dem zur Spiel- und Sportfläche ausgebauten Dach keine Standardlösung mehr. Für jede Fragestellung haben sie eine smarte wie ästhetische Antwort gefunden oder selbst entwickelt. Vom Mut der Beteiligten profitieren nun nicht nur die Menschen in Alfter, sondern auch das Bauen mit Holz, das nun noch mehr kann.
In Alfter lagen die Nerven blank, als drei Kneipen gleichzeitig schlossen, und dann war auch noch die Turnhalle marode. In ihrer Not dachte die Kommune groß und erfand ihren gesamten Ortskern neu. Königs Architekten überzeugten 2019 in der im Rahmen des Integrierten Städtebaulichen Entwicklungskonzepts (ISEK) ausgelobten Mehrfachbeauftragung. Anstelle der zugeparkten Mitte sollte ein Grünzug mit unterschiedlich gestalteten Nutzungsbereichen vom Schlosspark herunter ins Zentrum geführt werden, räumlich gefasst von einem Vollsortimenter mit Tiefgarage und Wohnungen in den Obergeschossen sowie einer Kultur- und Sporthalle direkt neben der Grundschule. Interessant ist dabei das Zusammendenken der Funktionen, denn stapelt man Einkaufen mit Wohnen und kombiniert Kultur mit Sport, spart das Kosten und Flächen, die unversiegelt bleiben und öffentlich genutzt werden können. Kommt man heute nach Alfter, kann man im Zentrum Am Herrenwingert immer noch bequem parken. Für den Wohn-Einkaufsbaustein wurde Planungsrecht geschaffen, ein Investor wird gesucht. Der Abriss des Bolzplatzes und der Neubau der im Sommer 2024 eröffneten Kultur- und Sporthalle an gleicher Stelle war ein kommunales Projekt (Baukosten 13,5 Mio € brutto). Eine geeignete Ersatzfläche für den Bolzplatz fand die Gemeinde nicht, wohl aber die Architekten, auf dem Dach. „Was wir uns technisch damit angetan haben, haben wir erst später festgestellt. Wir waren nämlich die ersten, die eine öffentlich nutzbare Fläche auf eine Holzbaukonstruktion legen wollten“, erinnert sich Ulrich Königs. So waren sie dann auch die ersten, die für Brandschutz, Entfluchtung und Entwässerung entsprechende Lösungen gefunden haben und zu den zwei Funktionen der Halle ist mit der bespielten Dachfläche noch eine dritte dazugekommen.

Gestapelt
Ilse und Ulrich Königs sind als Kirchenbauer bekannt, die Konstruktion kathedraler Räume beherrschen sie auch im Säkularen. Dass Sporthallen standardmäßig als Black Box gebaut werden müssen, wollten sie nicht akzeptieren, insbesondere nicht, da in Alfter die Wiederbelebung des Zentrums daran geknüpft war. Die geforderten Nutzungen organisierten sie deshalb auf drei Ebenen: Die Eingangsebene wird über den Vorplatz schwellenlos erschlossen. Sie ist allseitig raumhoch verglast, das Foyer mit dem geplanten Quartierscafé und die Tribüne sind einsehbar. Das topografische Gefälle gen Schulhof gleicht ein Stahlbetonsockel aus, der das Gebäude U-förmig umfasst und vorne bodengleich ausläuft. Das Sportfeld (17 x 34 Meter) bietet auch Platz für Veranstaltungen mit bis zu 400 Personen und liegt mit Umkleiden und Nebenräumen vor Blicken geschützt ein Geschoss tiefer, profitiert jedoch von den gesamten sieben Metern Raumhöhe und dem einfallenden Tageslicht. Die Absenkung reduziert das Volumen des solitären Baukörpers erheblich und fügt ihn in den Maßstab des Stadtraums ein. Das Dach mit Ballspielfeld, Calisthenics-Geräten, Bänken und Pflanzungen bildet die dritte Ebene. Dieses Haus bietet vieles: Sport (unten) und Spiel (oben) können gleichzeitig stattfinden. Steht eine Gemeinde- oder Karnevalssitzung an, wird die Sporthalle zur Kulturhalle und das lindgrüne Linoleum mit einem in Rollen bereit gestellten Schutzboden geschützt.
Die Holzkonstruktion mit außenliegendem Tragwerk macht das Gebäude lesbar und schafft einen hohen Wiedererkennungswert. Das Haupttragwerk bilden 14 Fachwerkträger und 22 V-förmige Stützen aus Baubuche. Die Stützen sind umlaufend auf gleicher Höhe mit Betonfüßen im Sockel verankert. Die 28 Meter langen Träger liegen in sieben Achsen nebeneinander und spannen von Stütze zu Stütze knapp 24 Meter weit. Beidseitige Auskragungen erzeugen mit einem zwei Meter breiten Dachüberstand, der auch an den Stirnseiten fortgeführt wird, den bei der Verwendung von Buche im Außenbereich geforderten Witterungsschutz. Ein praktischer Mehrwert ist der konstruktive Sonnenschutz der Glasfassade, bedarfsweise kann der mit außenliegenden Jalousien ergänzt werden.

Getreppt
Die Nutzung der Dachfläche als öffentlicher Spielplatz beeinflusste die Bemessung der Holzkonstruktion, da für das Dach in dem Fall die Feuerwiderstandsklasse F90 gilt. In Beton ist das einfach, im Holzbau wird die Statik mit Heißbemessung und Abbrandrate gerechnet, was die Querschnitte der tragenden Bauteile vergrößert. Plump sollte das Tragwerk jedoch keinesfalls wirken, weshalb Architekten und Ingenieure für die Fachwerkträger eine bis dahin in Deutschland nur einmal realisierte Technik wählten. CNC-gefräste Treppenversätzen koppeln die Diagonalen mit Ober- und Untergurt. Die notwendigen Querschnitte konnten damit auf die Hälfte reduziert werden. Die Fachwerkträger haben nun eine Höhe von 1,46 Meter, darauf liegt eine 14 Zentimeter starke statisch wirksame Nadelholz-Mehrschichtplatte. In den Ansichten zeigt sich eine deutlich schmalere Attika, für die sich die Architekten das „Ha-Ha“, ein Gestaltungsmittel der Gartenkunst, geliehen haben. Traditionell ist dies ein unter Geländeniveau liegender, tiefer Graben mit steilen Böschungen, der verhindert, dass Tiere und andere ungebetene Besucher in den Garten gelangen, ohne dass der Blick auf die umgebende Landschaft durch eine Mauer verstellt wird. In diesem Fall ist die Dachfläche an den Rändern abgetreppt oder abgeschrägt. Die Absturzsicherung, ein visuell kaum ins Gewicht fallender Zaun mit Edelstahlseilnetzen, sitzt vier Stufen tiefer als die Dachfläche auf einem 80 Zentimeter hohen Randträger. So konnten die Ansicht des Deckenpakets erheblich reduziert und proportional in Einklang mit dem leichten Gesamteindruck der Konstruktion gebracht werden. Noch schöner ist jedoch die unverstellte rundum Aussicht von der Infinity-Spielfläche auf dem Dach.
Erschlossen wird die über eine freitragende Stahltreppe, die seitlich im Bereich des Vordachs die Dachkonstruktion durchstößt. Einen zweiten Fluchtweg bietet das Treppenhaus, über das die Grundschulkinder die Halle vom Schulhof aus direkt betreten. Zur barrierefreien Erschließung des gesamten Gebäudes einschließlich Dach gibt es einen Aufzug, damit der genutzt werden kann, muss die Halle geöffnet sein.



Gehupft wie gesprungen
Das gesamte Flachdach wird nach Richtlinie mit Gefälle und Gegengefälle entwässert, abgedichtet und gedämmt, damit der fertige Boden eben ist. Mit verschiedenen Stärken reagiert der Sportbodenbelag auf unterschiedlichen Nutzunge, vier Farben gliedern die Fläche. Eine besondere Herausforderung stellte die Entwässerung der Dachfläche in Kombination mit der F90-Decke da, weil es kein zugelassenes Gullysystem für den Holzbau gab. Auf einen Quadratmeter Beton rund um die Gullys ließ Ulrich Königs sich nicht ein und fand einen Gully-Hersteller, der eine Sonderkonstruktion mit Zulassung im Einzelfall entwickelt hat. Sicher nicht ohne die Hoffnung, dass die Nachfrage danach steigen wird. Im Sportboden sieht man davon nur ein kleines Quadrat aus Schnittlinien, das zur Wartung geöffnet werden kann. Sämtliche Aufbauten auf der Dachfläche wie die Sportgeräte und die Pfosten der Ballfangnetze wurden mit Bodenplatten direkt auf der Holzdecke verschraubt. Weil nachträgliche Eingriffe aufwendig sind, ist die Verteilerplatte mit der Halterung für den Sonnenschutz bereits installiert. Sobald die Gemeinde wieder Geld in der Kasse hat, kann der große Schirm montiert werden.
Die Spielfläche auf dem Dach ersetzt den Bolzplatz. Ballspielfeld und Calisthenics-Geräte adressieren Jugendliche. Kinder finden offiziell Spielmöglichkeiten auf dem Schulhof der Grundschule, doch an einem Dienstagnachmittag Anfang November zieht es alle in die Höhe zu den letzten Sonnenstrahlen. Eltern sitzen auf den Bänken am Rand der Hochbeete, sie haben die kleineren Kinder im Blick, die hangelnd, klettern, baumend und balancierend die zum Krafttraining gedachten Geräte in Beschlag genommen haben, andere kicken oder toben auf dem federnden Sportboden. Die Größeren spielen Basketball oder nutzen die Diskretion der Haha-Sitzstufen an der Dachkante. Spuren von Vandalismus sehen wir nicht, nur an der Ecke, wo ab und zu mal jemand einen Ball aus dem Graben fischen muss, hat die Begrünung auf der Schräge ein wenig gelitten. Eine robustere Anpassung ist bereits geplant, ein wenig Nachjustieren bei einem so experimentellen Bau ist durchaus legitim. Ulrich Königs ist sichtlich erfreut, dass oben wie unten so viel los ist und dass das Konzept nicht nur konstruktiv aufgegangen ist, sondern einen starken Beitrag zur Belebung des Alfterer Ortskerns leistet. Mutige Umsetzung, die nicht am Standardregelwerk scheitern, wünscht man sich viel häufiger – insbesondere im urbanen Kontext, wo öffentlicher Raum noch viel kostbarer ist.
Dieser Beitrag erschien in der db DÄCHER 2 | 2026