
Architektur ist öffentlich. Architektur ist diskret. Der Bau ist spektakulär und bescheiden. Schilling operiert hier couragiert am offenen Herzen des Widerspruchs.
Dieses Haus ist ein Phänomen. Eine Ausnahmeerscheinung in einer Straße voller zweifelhafter Gestalten. Die meisten von ihnen wollen etwas verkaufen, das groß ist oder günstiger als anderswo. Dafür kommt die Kundschaft schnell mit dem Auto. Die Straße, die Nabelschnur zur Stadt, ist breit, der Fahrradweg ein schlechter Witz. Es gibt Shawarma. Ausgerechnet vor dem Phänomen ist eine Bushaltestelle, daneben eine Straßenlaterne. Wäre es eine Szene aus einem Film, säße wahrscheinlich jemand sehr lange dort im fahlen Kunstlicht dieser absurden Kulisse, weil es so ein schönes Bild ist.
Architektur ist öffentlich. Architektur ist diskret. Der Bau ist spektakulär und bescheiden. Schilling operiert couragiert am offenen Herzen des Widerspruchs. Die Hülle aus umlaufend acht Reihen verzinktem Wellblech ist industriell robust, wenn sie das Volumen ganz unmittelbar nachzeichnet, um es in seiner indifferenten Umgebung zu stabilisieren. Wenn die Stöße an den Ecken offenbleiben, weil sie sich nicht verbiegen möchte. Sie ist elegant und großzügig, wenn die vom Wetter gezeichneten Farbverläufe vom strahlendem, in der Sonne glänzenden Weiß über Silbrig zu mattem Gräulich zu Bräunlich changieren – und sich das Material nicht als Barriere, sondern als feiner Filter mit vertikaler Struktur erweist. Und dann gibt es noch eine Schnittmenge, wo die beiden klaren Aussagen sich überlagern und eine wohltuende Unschärfe erzeugen. Manche Blechstreifen heben unten ein wenig ab, als sei der Wind darunter gefahren. Doch nichts bewegt sich und wir akzeptieren, dass nichts zufällig ist. Nicht die Auslassungen, wo statt Blech eine Öffnung ist, nicht die gestrichelte Linie der vertikalen Schnittkanten, nicht das Licht- und Schattenspiel der Oberfläche. Jedes Detail ist eine architektonische Entscheidung.

Im Zwischenraum zwischen Haut und Körper sitzt Technisches (geplant) und Gurrendes (noch geduldet), darunter liegt die große Freiheit. Eine stabile, viergeschossige Struktur, Betonfertigteile, die mit größter gestalterischer Sorgfalt entworfen und akribisch gefügt wurden und Haustechnik, so low-tech wie möglich, so wenig wie möglich. Jeder Teil dieser Konstruktion, die nicht nur Raum schafft, sondern auch von der Schönheit des Fügens erzählt, ist lesbar. Die Decken spielen mit den Kräften. Wände und Böden sind blank und voller Erwartung, denn wo nichts ist, kann alles passieren.

Was die Gebäudehülle in ihrer emsigen Diskretion fast verschweigt, wird von innen heraus zum Ereignis. Nicht nur das durch die großen Öffnungen einfallende Licht, sondern der Blick nach draußen, der sich über Eck breitmacht wie ein Gemälde der Stadt. Das kann man mit einem Vorhang verschleiern oder mit einer schwarzen Jalousie verschwinden lassen. Doch auch Gewöhnliches findet hier statt: Man geht rein, man geht nach oben, man wohnt sogar, hütet das Haus. Wo das Blech ein wenig mehr angehoben ist, wird es zum Vordach, es gibt einen Eingang und eine Einfahrt. Die Lage des Treppenhauses ist in der Ansicht ablesbar. Denn wenn die Breite der Wellbleche schon Stöße erfordert, kann man sie auch selbst bestimmen und damit feine Linien zeichnen. Eine Wohnung baucht Fenster, hier gilt: hiding in plain sight. Seine größte Öffentlichkeit bietet das gut verschlossene Haus als RPLH im Netz. Uns genügt an dieser Stelle das Phänomen.
Dieser Text ist ein Auszug aus den im September 2026 erschienenen Schilling Magazinen / Magazin „Lagern“, Herausgeber Johannes Schilling, Schilling Architekten, Grafik: Studio für Gestaltung (Tobas Groß, Patrick Lemburg), Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln (36 €)