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Filetgrundstück und Tafelsilber

15. April 2026 by Uta

Stellungnahme des BDA BONN-RHEIN-SIEG zum anstehenden Grundsatzbeschluss zur zukünftigen Kulturinfrastruktur in Bonn:

Wir begrüßen es sehr, dass die Stabstelle mit weiteren Sachverständigen eine so ausführliche Konzeptstudie vorgelegt hat. Jedoch vermissen wir in der Diskussion, die stark auf die zu erwartenden Kosten und Wirtschaftlichkeit der fünf untersuchten Varianten fokussiert, die Betrachtung wichtiger baukultureller Aspekte sowie die der Auswirkungen der Entscheidungen auf die jeweiligen Standorte und die gesamtstädtische Entwicklung.

Wir bitten daher um die Beachtung der folgenden Aspekte:

Sorge um den Bestand

Mit den messbaren und spürbaren Folgen des Klimawandels im Nacken setzt der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) seit Jahren dafür ein, Bausubstanz zu erhalten und die Lebenszyklen durch Sanierung und/oder Transformation deutlich zu verlängern. Insbesondere vor dem Hintergrund des unabdingbaren Gebotes der Ressourcenschonung stellt sich die Frage des Umganges mit vorhandener Bausubstanz umso dringlicher. Wir können uns den leichtfertigen Abriss von Gebäuden nicht mehr leisten, Abriss kann nur die letzte Option sein. Zu wertvoll sind die verbauten Massen und Materialien, die sogenannte graue Energie, aber auch die gewachsenen sozialen und kulturellen Strukturen im Bestand. Die rein ökonomische Betrachtung einer Immobilie vernachlässigt diese Werte. Wird zudem mit Kostendruck, Zeitmangel, nicht erfüllbaren technischen Vorgaben und vor allem großer Unsicherheit bei der Planung argumentiert, liegt Abriss nahe. Als öffentliche Bauherrin trägt die Stadt Bonn große Verantwortung und hat eine erhebliche Vorbildfunktion mit ihren Entscheidungen und Handlungen, so auch bei dem anstehenden Grundsatzbeschluss zu den Theaterliegenschaften.

Bauzeitliche Aufnahme der Oper (damals: Stadttheater) aus dem Band „Bauen im Bonner Raum 1949-69, Versuch einer Bestandsaufnahme“ Führer des Rheinischen Landesmuseums in Bonn, herausgegeben im Auftrag des Landschaftsverbands Rheinland. Entwurf und Planung: Klaus Gessler und Wilfried Beck-Erlang, Stuttgart 1962-65, Gartenarchitekt: Wolfgang Darius, Bonn

Architektur und Identität

Auch wenn die Oper Bonn nicht unter Denkmalschutz steht, ist sie ein überaus bemerkenswertes Beispiel eines Kulturbaus der Nachkriegsmoderne, das der Beethovenhalle nicht nachsteht, vielmehr ein sichtbares Zeichen der aufstrebenden Bundesstadt Bonn darstellt. Ihr Platz am Kopf der Kennedybrücke direkt am Rhein macht sie einerseits zu einem wertvollen Baustein der Stadtsilhouette, andererseits zu einem zentralen Kulturort in der Bonner Innenstadt. Leider wurde die Bausubstanz des Opernhauses jahrzehntelang vernachlässigt. Die Nutzung der Oper ist durch die Gebäudestruktur gegeben, trotz mehrfachem Umbau. Dass nun Dach und Fassade, vielleicht das Tragwerk gleichzeitig saniert werden müssen, ist der mangelnden Fürsorge zuzuschreiben. Doch der Erhalt des Bestandes muss Priorität haben, insbesondere bei einem Gebäude, das so prägend für seine Stadt ist. Da kein Denkmalschutz vorliegt, sind dem Weiterdenken und der Transformation des Hauses zu einem modernen und zukunftsfähigen Kulturbaustein deutlich weniger Grenzen gesetzt als zum Beispiel bei der Beethovenhalle. Einem Abriss des Opernhauses darf nur zugestimmt werden, wenn Risiken und Kosten der Sanierung für die Stadtgesellschaft als nicht tragbar nachgewiesen werden.

Ein möglicher Neubau an dieser Stelle kann nicht ohne Anspruch an Architektur und Stadtgestaltung als reiner Zweckbau realisiert werden, auch ist eine schnelle und kostengünstigere Lösung, die erwartungsgemäß kurzlebig sein wird und auch so konzipiert ist, nicht zeitgemäß und der Nutzung nicht angemessen. Es geht nicht darum, eine eitle Architektur-Ikone an den Rhein zusetzen, sondern ein hochfunktionales, langlebiges und flexibel bespielbares Haus mit einer qualitätvollen Gestaltung zu schaffen.

Die Aufgabe des Standorts an der Kennedybrücke wäre ein enormer Verlust. Eine Innenstadt muss mehr bieten als nur Konsum und Gastronomie, wir brauchen genau hier, wo viele Menschen zusammenkommen ein vielfältiges Angebot für Begegnung und Austausch. Oper kann und will heute auch niederschwellige Angebote machen, zum Mitmachen einladen.

Filetgrundstück und Tafelsilber

Wir vermissen in der Konzeptstudie auch eine Auseinandersetzung mit der Frage, was nach der Oper an ih-rem Standort passieren soll. Hat die Stadt selbst Mittel und ein Konzept, diesen besonderen Ort im Sinne der Stadtgesellschaft zu entwickeln? Eine leblose Brache an dieser Stelle wäre, wie z.B. der Verkauf an einen kommerziellen Entwickler, ein fatales Zeichen. Wenn an dieser Stelle ein neues Kapitel beginnen soll, lohnt sich die Auseinandersetzung mit gemeinwohlorientierten Konzeptvergaben, wie sie die in Bonn ansässige Montag Stiftung Urbane Räume praktiziert. Hier entscheidet nicht der höchste Preis, sondern das beste Konzept. So prominent gelegen, kann es nur bei einer öffentlichen Nutzung bleiben.

Gleiches gilt auch für das Schauspielhaus in der Innenstadt von Bad Godesberg. Auch hier muss im Fall der Zusammenlegung der Standorte in Beuel ein tragfähiges Konzept für eine Nachnutzung oder eine verantwortungsvolle Veräußerung entwickelt werden. Das schafft die freie Szene nicht aus eigenen Kräften.

Kultursatellit Beuel

Der Ausbau der ehemaligen Jutespinnerei zu einem neuen Standort für Oper, Schauspiel und Theaterwerkstätten ist für das vernachlässigte Areal in Beuel sicher eine Chance. Aber ist es diesem Anspruch gewachsen? Kann sich hier eine Infrastruktur für ein ganzheitliches Kulturerlebnis entwickeln? Oder wäre dem Ge-biet und der gesamten Stadt mit dem maßstabsgerechten Neubau von Wohnungen, Bildungsangeboten und Nahversorgung mehr geholfen? Dies gilt es sorgfältig zu überprüfen.

Auch bei der Entwicklung des Standortes in Beuel darf es nicht nur darum gehen, kurzfristig eine bauliche Lösung zu schaffen. Die als Beispiele genannten Modulbauten in München und Kassel wurden als Interim geplant – es handelt sich hier nicht um langfristig nutzbare Gebäude! Mit deutlichen Einsparungen bei Kosten und Zeit ist zwar zu rechnen, doch langfristig kann sich eine Kommune die schnelle Baunummer nicht leisten.

Auch die im Konzept aufgeführten Abstriche bei der Architektur betrachten wir sehr kritisch. Sie zeigen eine mangelnde Wertschätzung der Nutzung und stehen der Akzeptanz (im besten Fall: der Identifikation) durch die Bürgerschaft entgegen. So baut man keine Kultur.

Uta Winterhager und der Vorstand des BDA Bonn-Rhein-Sieg, 10. April 2026

Posted in: Übergeordnet Tagged: Abrissdebatte, BDA, Bonn, Denkmalschutz, Nachkriegsmoderne, oper, Sorge um den Bestand

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